Kommentar zur Europawahl: Der Wert des Kompromisses

Kommentar zur Europawahl : Der Wert des Kompromisses

Die Gewichte haben sich verschoben. Jene Selbstverständlichkeit, mit der das europäische Projekt über vier Jahrzehnte wie eine fast unumstrittene politische Wirklichkeit gelten durfte, sind dahin.

Den ersten Prognosen und Hochrechnungen zufolge bekommen vor allem jene Zulauf, die sich von den nationalistischen und protektionistischen Parolen einfangen ließen. Das heißt aber auch: Die politische Mitte muss zusammenrücken, um deutlich zu machen, dass man zwar über die Wege für diese Gemeinschaft streitet, aber doch das gleiche Ziel verfolgt.

Das hat schon in den zurückliegenden fünf Jahren – meistens – gut geklappt. Nun wird der Druck auf alle noch größer. Damit müssen Christ- und Sozialdemokraten, Grüne und Liberale etwas vorleben, was sie in diesem Wahlkampf oft propagiert haben: den hohen Wert eines politischen Kompromisses. Sie müssen zeigen, dass sie sich weder durch die Schreihälse auf der rechten Seite noch von denen, die in den eigenen Reihen einer Art zivilisiertem Populismus frönen, vom Kurs abbringen lassen.

Wenn Parteien, die sich als wirtschaftsfreundlich verstehen, die auf das soziale Europa pochen und die die Zukunft dieses Planeten verteidigen, zusammenwirken, kann das ein beachtliches Ergebnis geben. Das ist es, was man sich an diesem Montag nach der Wahl nur wünschen kann.

Gleichzeitig müssen die Staats- und Regierungschefs, wenn sie am Dienstag ihre Konsequenzen aus dem Wahlausgang ziehen, wissen, dass auch sie die Uhr nicht zurückstellen können. Das Spitzenkandidaten-Modell mag einigen nicht schmecken. Aber es wäre demokratisch ein beispielloser Sündenfall, wenn sie einen gewählten Kandidaten aus parteipolitischen Gründen abservieren. Keiner der Bewerber wird ohne die Mehrheit der gewählten Volksvertreter an die Spitze der Kommission rücken können.

Wer Zweifel an dem Kandidaten der eigenen Parteienfamilie hat, kommt zu spät. Den Wähler, der offenbar sein Interesse an dieser EU wiederentdeckt hat, darf man jetzt nicht vor den Kopf stoßen und sein Votum übergehen. Personell mag sich die Union in diesen Wochen häuten, vielleicht sogar liften. Aber die Herausforderungen haben sich an diesem Wahlsonntag nicht geändert. Und sie brauchen eine handlungsfähige Gemeinschaft mit einer starken Führungsmannschaft – schnell und überzeugend.

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