Debatte im Bundestag über neuen Gesetzesvorstoß zur Organspende

Kommentar zur Organspende : Höchste Zeit für neue Ideen

Die Zahlen sprechen für sich. Knapp 10.000 Menschen stehen in Deutschland auf der Warteliste für ein Spenderorgan. Im Jahr 2018 wurden rund 3.100 Organe gespendet. Knapp 1000 Menschen sind im vergangenen Jahr gestorben, weil sie nicht rechtzeitig ein passendes Spenderorgan erhalten haben.

Obwohl mehr als 80 Prozent der Deutschen Organspenden positiv gegenüber stehen, hat nur jeder Dritte einen entsprechenden Ausweis.

Es ist höchste Zeit für Bewegung im Bundestag. Dort wird die Debatte aber eher auf emotionaler als auf inhaltlicher Ebene geführt. Aufgabe der Politik ist es, einen geeigneten Weg zu finden, die Spendenbereitschaft zu erhöhen und dabei trotzdem den Bürgern den Raum zu lassen, ihre Entscheidung frei und ohne Zwang zu treffen.

Kein zielführender Ansatz

Ob der Ansatz der doppelten Widerspruchslösung von Bundesgesundheitsminister Spahn dem gerecht wird, ist fraglich. Sein Argument, dass es in Spanien Wirkung zeige, ist zu kurz gegriffen. Denn die Widerspruchslösung wird dort in der Praxis nie ohne Einverständnis der Angehörigen durchgesetzt. Außerdem dürfen dort Organe bereits nach einem 10-minütigen Herz-Kreislaufstillstand entnommen werden, nicht erst nach Feststellung des Hirntods wie in Deutschland. Zudem gibt es dort ganz andere Rahmenbedingungen, die mehr Transplantationen ermöglichen.

Der neue Vorstoß von Grünen-Chefin Annalena Baerbock, der Linken-Vorsitzenden Katja Kipping und anderen setzt im Gegensatz darauf, dass die Spendebereitschaft steige, wenn die Bürger regelmäßig mit dem Thema konfrontiert würden. Dabei ist fraglich, ob ein Amt das geeignetes Umfeld ist, um diese Entscheidung zwischen dem Ziehen der Wartemarke und dem Scannen von Fingerabdrücken zu fällen. Zudem führt das regelmäßige Erinnern bislang nicht zu höherer Spendebereitschaft. Die Krankenkassen tun dies alle zwei Jahre. Das kostet sie jedes Mal rund 60 Millionen Euro, der Erfolg ist überschaubar.

Wir brauchen neue Konzepte. Dabei hilft es, sich genau anzusehen, wie andere Staaten höhere Spenderzahlen erreichen und dann zu überlegen, wo wir als Gesellschaft die moralischen Grenzen ziehen wollen.

Außerdem könnten die Möglichkeiten zur Lebendspende erweitert werden ohne den Schutz vor Organhandel und Spendezwang aufzuweichen. Das Transplantationsgesetz sieht bislang hohe Hürden für Lebendspenden vor Die Konsequenz: Wer es sich leisten kann, geht für eine Transplantation ins Ausland.

In Spanien werden die Spenden von einer staatlichen Organisation verwaltet. Das stärkt das Vertrauen der Bürger in das System und erhöht die Spendebereitschaft. Genau dieses Vertrauen ist im Zuge des Organspende-Skandals in Deutschland weitgehend abhanden gekommen. Es muss dringend wieder aufgebaut werden. Was hilft, ist einerseits Aufklärung und mehr Solidarität in der Gesellschaft. Wir brauchen andererseits geschultes Fachpersonal, Unterstützung für die Krankenhäuser und ein transparentes System, in das die Bürger vertrauen können.

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