Kommentar zum Brexit: Das Lied der Goldammer

Kommentar zum Brexit : Das Lied der Goldammer

Ach, hätte ein britischer Premierminister doch auch so etwas wie eine deutsche Bundeskanzlerin zu schwören und nicht nur Treue zur Königin! Dann müsste er beim Studium mancher Papiere möglicherweise doch innehalten und sich fragen, ob er gerade wirklich dabei ist, den Nutzen des eigenen Landes zu mehren und Schaden fernzuhalten.

Spätestens bei der Lektüre der „Operation Goldammer“ wäre klar, dass er gerade mit seiner wilden Entschlossenheit, das Land auch ohne Vertrag aus der EU zu führen, den Nutzen verkleinert und den Schaden vergrößert.

Die regierungsinternen Szenarien belegen den Kurs ins Chaos, den Boris Johnson eingeschlagen hat.  Nun ist das Vereinigte Königreich sehenden Auges auf der Abbruchkante und weiß, dass es auf Dauer abwärts geht. Möglicherweise ist hier auch das Motiv für die Entscheidung zu erkennen, die schwindenden Chancen für den Ölexport und die Raffinerie-Schließung nebst Jobverlust in dem Papier unkenntlich zu machen. Dann hätte Johnson die Landsleute mit der Nase darauf gestoßen, dass der Brexit das Gegenteil des von ihm Behaupteten zur Folge hat.

Premier und Parlament ringen nun vor Königin und Gerichtshöfen um ihren Einfluss auf das weitere Verfahren. Im Hintergrund geht es wie so oft um die Hoffnung, dass sich die Verhältnisse durch vorgezogene Neuwahlen klären könnten. Aber der Brexit hat die britische Nation längst gespalten, das Vereinigte Königreich getrennt. Eine klare Abkehr vom Ausstieg ist genau so wenig zu erkennen wie eine Stärkung des Brexit-Lagers.

Daher ist die Vermutung nicht abwegig, dass auch Neuwahlen die Entschlussarmut, ja Bewegungsunfähigkeit der Briten nur erneut wieder im Unterhaus abbilden würden. In solchen Situationen wäre eine Persönlichkeit nötig, die Vertrauen und Verlässlichkeit genießt, die Gräben zuschüttet und mit visionärer Kraft ein Volk von neuen Zielen überzeugt.

Johnson ist das Gegenteil. Er will nicht überzeugen, sondern mit antiparlamentarischen Coups die Gegner austricksen. Also müssen die Freunde Großbritanniens darauf hoffen, dass die Erkenntnisse zu den Fehlern des Brexits allmählich wachsen. Das Lied der „Goldammer“ ist jedenfalls dafür schon einmal die richtige Melodie.