Frohe Weihnachten: Das größte aller Geschenke

Frohe Weihnachten : Das größte aller Geschenke

Das größte Geschenk von allen ist uns längst geschenkt - das Leben: Wir sollten es feiern! Wir wünschen Ihnen von Herzen ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest.

Er steht am Fenster in dem langen Flur. Es ist still. Die meisten Patienten haben schon gegessen. Er hat das Essen ausgelassen. Keinen Appetit. Außerdem kribbelt es in seinem Bauch. Er drückt die Nasenspitze gegen das Fensterglas. Für einen Moment spürt er die Kälte des Glases auf der Haut. Sein Atem formt einen unrunden Kreis auf der Scheibe. Draußen scheint die Sonne. Seit einer Woche ist er nicht mehr vor der Tür gewesen. Erst jetzt wird ihm bewusst, dass er die Sonne vermisst hat.

Aus einem der Zimmer ist in unregelmäßigen Abständen ein leises Stöhnen zu hören. Eine Frauenstimme, die über Schmerzen klagt. Er wundert sich, dass niemand auf das Lamento der Frau reagiert. Die Station wirkt wie leergefegt. Nicht mehr lange, dann werden die Besucher kommen und den Ort beleben. Er steht da und schaut hinaus, beobachtet die Autos auf der viel befahrenen Straße.

Sieben Tage zuvor ist er selbst auf dieser Straße angekommen. „Das muss gemacht werden; danach ist alles wieder gut“, hatte er den Kindern versprochen. „Und dann kommt Weihnachten!“ Aber die OP war keine Kleinigkeit. Wie leichtfertig man doch mit einem Versprechen umgeht. Die Kinder nicht enttäuschen zu dürfen, hatte ihn nach vorne schauen lassen.

Als sei nichts geschehen

Das Stöhnen der Frau sollte ihn nicht beunruhigen. Die Schwestern wissen, was sie tun. Er ist geduscht, hat frische Sachen angezogen. Steht am Fenster, weil er ihre Ankunft nicht verpassen will. Lange wird es nicht mehr dauern. Er kann es kaum erwarten: den Moment, in dem der dunkelblaue Pkw von links ins Bild fährt. Unten auf der Straße. Und gleich geht es über diese Straße wieder zurück nach Hause.

Der Alltag würde ihn schnell wiederhaben. Als sei nichts geschehen. Doch das stimmte nicht. Er würde das alles nicht vergessen. Wie könnte er? All die Unterstützung und Hilfe, die er erfahren hatte. Die Welt ist so viel besser, als mancher einem glauben machen will. Es ist viel Gutes in der Welt. Er würde davon berichten.

Minuten werden zur Ewigkeit

Als ihn die Schwestern sechs Tage zuvor früh morgens abgeholt hatten, hatte er es nach langer Zeit noch einmal gespürt. Jenes Gefühl des kolossalen Alleinseins. Es gibt sie, die Momente, in denen man auf sich alleine gestellt ist. In denen es hinunter geht; OP-Säle sind immer unten. Da lag er und fröstelte, weil er nur ein dünnes Hemdchen trug. Er ließ den Blick wandern auf der Suche nach etwas, das irgendwie schön ist. Doch da war nichts. Nur weiße Kacheln, Röhren, Bildschirme, Schläuche, Computer. Irgendwo Stimmen, die näher kamen und sich wieder entfernten.

Er lag da, dem Schicksal ausgeliefert, den linken Arm auf einer Vorrichtung zur Seite gestreckt. Minuten, die sich wie eine Ewigkeit anfühlten. Er dachte an die Menschen, denen es viel schlimmer geht als ihm. Dachte an die Menschen, die ihm etwas bedeuten. Dachte darüber nach, was wirklich zählt im Leben. Sich selbst nicht so wichtig nehmen. Wissen, dass man nichts ist ohne die anderen. Für andere da sein. Anderen das Leben angenehm machen. Andere glücklich machen. Weil man nur dadurch selbst glücklich wird.

Man hat es selbst in der Hand

Das Leben ist ein Geschenk. Man hat es selbst in der Hand, das Beste daraus zu machen. Oft genug gelingt es nicht, weil man nicht frei ist von Fehlern. Doch es wird einem vergeben. Man selbst kann vergeben. Man muss es nur wollen. Die Hand reichen, niemals aufhören damit. Jeden Tag aufs Neue. Immer wieder.

Dann betete er unten in dem Operationssaal. So wie er es häufig tut – nicht nur in der Not. Das gab ihm Zuversicht. Es machte ihn ruhig. Es gab jemanden, der seine Hand über ihn hielt. Er war nicht alleine. Gott? Jesus? Wie man es auch nennt. Es ist da. Und es ist gut.

Dann zwei Gesichter, OP-Kleidung, freundliche Stimmen, trotz Mundschutz gut zu verstehen. Und während er dem Anästhesisten von dem Sommerurlaub in den Bergen erzählte, wurde seine Zunge schwer. Sie würden es gut machen. Das waren keine Götter in Weiß. Es waren Menschen, die ihr Bestes geben. Er durfte ihnen vertrauen.

Weihnachten kann kommen

Endlich. Der dunkelblaue Pkw. Seine Blicken folgen ihm, wie er sich langsam über die Straße vorwärtsbewegt. Er sucht nach Köpfen hinter den Autoscheiben. Doch noch ist die Entfernung zu groß. Er spürt seinen Herzschlag. Jetzt biegt der Wagen von der Straße ab, verschwindet hinter Bäumen und Häusern aus seinem Sichtfeld.

Da taucht er wieder auf, nun von rechts kommend. Er wendet sich von dem Fenster ab, geht schnellen Schrittes den Flur entlang. Ein letztes Mal an seinem Zimmer vorbei, Nummer 5015. Das Stöhnen der Frau ist verstummt. Er stellt sich vor den Fahrstuhl. Gleich wird sich die Tür öffnen. Sie werden herauskommen und auf ihn zulaufen. Die Kleinen stürmisch. Der Große zurückhaltender. Umarmungen. Küsse. Und mit ein bisschen Abstand: sie. Vereint. Versprochen ist versprochen. Weihnachten kann kommen.

Ich wünsche Ihnen von Herzen ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest. Das größte Geschenk von allen ist uns längst geschenkt – das Leben: Wir sollten es feiern!