Kommentar zu 1918 und 1938: Damals und heute

Kommentar zu 1918 und 1938 : Damals und heute

Am Freitag in Berlin, am Samstag in Compiègne, am Sonntag in Paris: Staats- und Regierungschefs erinnern an das Ende des Ersten Weltkriegs vor einhundert Jahren

Fake News gab es immer schon; früher hießen sie einfach Lügen. Eine solche stand am Beginn der ersten deutschen Demokratie, die vor hundert Jahren begann, als Wilhelm II. sich gezwungen sah, abzudanken. Das Ende der kaltblütigen und illusionären Kriegspolitik des Kaisers und der politischen wie militärischen Führung Deutschlands war ein einziges Desaster, das Erich Ludendorff, faktischer Chef der Obersten Heeresleitung, im Herbst 1918 den Parteien im Reichstag in die Schuhe schieben wollte. Sie sollten nach Ludendorffs Aussage, „die Suppe essen, die sie uns eingebrockt haben“. Deshalb unterschrieb am 11. November 1918 im Wald von Compiègne nicht einer der höchsten Militärs die Waffenstillstandsvereinbarung, sondern der deutsche Staatssekretär Matthias Erzberger.

Ähnlich wie heute oft US-Präsident Trump stellte Ludendorff die Fakten auf den Kopf und setzte die Dolchstoßlegende in die Welt. Sie besagte, „die Heimat“ habe „der unbesiegten Armee“ einen Dolchstoß in den Rücken versetzt. Zehn Jahre später verschaffte diese Legende Adolf Hitler zusätzlichen Aufschwung. Mit Desinformation ist immer Politik gemacht worden. Und zu allen Zeiten brauchten Reaktionäre, um ihre Propaganda anzuheizen, Sündenböcke; als solche waren vor hundert Jahren nicht nur die Demokraten ausersehen. Nicht erst unter dem Terror-Regime der Nationalsozialisten, sondern schon 1918 wurden „die Juden“ von den radikalen Rechten für die Niederlage und die schlimme Situation der Deutschen verantwortlich gemacht. Diese verbrecherische Lüge schwebte wie eine Giftwolke über der Weimarer Republik.

Deren Untergang war nicht von Anfang an besiegelt. Die bürgerliche Revolution 1918/19 hat das politisch rückständige Kaiserreich beendet und den Deutschen endlich demokratische Verhältnisse gebracht. Demokratische Politiker – allen voran die Sozialdemokraten – haben für die parlamentarische Demokratie gekämpft. Der Bundespräsident hat völlig Recht, wenn er wie am Freitag dazu auffordert, den 9. November 1918, als Philipp Scheidemann die Republik ausrief, nicht länger als „Stiefkind unserer Demokratiegeschichte“ zu behandeln. Steinmeier plädiert für „demokratischen Patriotismus“; es ist tatsächlich an der Zeit, dafür aufzustehen und zu demonstrieren – gegen die ewig gestrigen Hurra-Nationalisten.

Frankreichs Präsident Macron und Bundeskanzlerin Merkel sind heute in Compiègne. 100 Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und 80 Jahre nach der furchtbaren Nacht der Pogrome gegen die deutschen Juden besteht aller Grund, sich Ursachen und Konsequenzen der historischen Ereignisse bewusst zu machen. Wie widerwärtig und gefährlich heute Rassenhass, nationalistische Gesinnung, Demokratie- und Politikverachtung sind, lässt sich klarer erkennen, wenn man sieht, wohin sie gestern geführt haben. Fake News, Antisemitismus, Freund-Feind-Denken – so aktuell ist Geschichte.

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