Björn Höcke und die Medien

Kommentar zum Interview-Abbruch : Höcke ist gefährlich, doch die übliche Aufgeregtheit hilft ihm nur

Nun schaukeln sich die Aufgeregtheiten wieder hoch. Weil Thüringens starker AfD-Mann Björn Höcke ein ZDF-Interview abbrach, und „drohte“, ist von einem Skandal die Rede. Damit hat er wieder die gewünschte Aufmerksamkeit.

Es ist der seit fünf Jahren verlässlich funktionierende Mechanismus: Ein AfD-Politiker übertritt vermeintlich Grenzen, löst damit im Medien-Echo einen „Skandal“ aus, rudert zurück, hat aber im Vorübergehen wieder potenzielle Wähler mobilisiert. Im jüngsten Fall des abgebrochenen ZDF-Interviews kommt erschwerend hinzu: Die eigentliche Grenzverschiebung tritt in den Hintergrund, debattiert wird über eine „Drohung“ durch den thüringischen AfD-Spitzenkandidaten Björn Höcke, der sich des Erfolgs bei seinen Anti-Medien-Fans sicher sein kann. Zumal der Nachweis auf dünnem Eis steht.

Hätte Höcke, wie es manche AfD-Politiker zuweilen tun, davon geschwafelt, dass „die Zeit kommen“ werde, zu der alle Fernsehjournalisten „zur Verantwortung gezogen werden“, und den Interviewenden direkt mit persönlichen Konsequenzen bedroht – dann hätten wir es tatsächlich mit einem Skandal ersten Ranges zu tun gehabt. Da hätte einer suggeriert, den Rechtsstaat abschaffen, die Medien mundtot machen und eine Willkürherrschaft einführen zu wollen.

Nichts davon hat Höcke getan. Er hat lediglich in den Raum gestellt, mal eine „interessante persönliche, politische Person in diesem Land“ werden zu können und dann dem Journalisten kein Interview mehr zu geben.

„Schöne Sachfragen zum Einstieg“

Natürlich war Höckes erste Ansage mit „massiven Konsequenzen“, versehen mit der Erweiterung „wir wissen nicht, was kommt“, von der Anlage her ein Kaliber von beträchtlicher Größe. Doch indem er dann konkret lediglich die künftige Verweigerung von Interviews mit einem ZDF-Journalisten darunter verstand, hat er noch einmal die Kurve gekriegt. Jedenfalls in den Augen seiner Fans.

Dass Politiker sich selbst aussuchen, von wem sie befragt werden wollen, ist natürlich ebenfalls nicht akzeptabel. Denn worauf das hinausläuft, macht Höcke gleich deutlich, wenn er meint: „Wir hätten doch eigentlich mit schönen Sachfragen zur Landespolitik einsteigen können.“ Das ist genau das, was AfD-Anhänger gerne pauschal den Medien vorwerfen: „Schöne Fragen“ zu stellen. Insofern haben wir es hier mit einer bezeichnenden Selbstentlarvung Höckes zu tun.

Verräterische Wortwahl

Davon gibt es in dem Interview eine ganze Reihe weiterer. Dass er das typische NS-Wort „entartet“ für einen ganz harmlosen Begriff hält, der in der Biologie vorkomme, beleuchtet seine Strategie. Über eine Einengung des Sprachkorridors klagend, versucht er in Wirklichkeit, die Sagbarkeit von NS-Terminologie auszuweiten. Das macht klar, wie gefährlich Höcke ist und wie richtig der Verfassungsschutz mit der Entscheidung lag, Höckes völkisch-nationalistischen Flügel als Verdachtsfall unter Beobachtung zu nehmen.

Verräterisch ist zudem seine Wortwahl, als ihm ein vor Jahren AfD-intern erstelltes Gutachten über seine Nähe zu rassistischem Gedankengut vorgehalten wird. Diese Parteifreunde seien „Feindzeugen“, sagt Höcke gleich zwei Mal. Er denkt also nicht in Kategorien von Freunden und Gegnern, sondern von „Feinden“.

Hinzu kommt die Recherche unter AfD-Bundestagsabgeordneten mit dem erhellenden Befund, dass diese sich nicht festlegen wollen, ob ein Zitat von Höcke oder Hitler ist. Das alles bildet mehr als genug Stoff für eine Aufklärung der Gefahren, die von Höcke und seinem Flügel ausgehen. Eine künstliche Aufregung über eine „Drohung“ auf dünnem Eis, lenkt davon ab und bewirkt das Gegenteil.