Kommentar zur Deutschen Bahn: Auf dem Abstellgleis

Kommentar zur Deutschen Bahn : Auf dem Abstellgleis

Wann haben Sie zuletzt über die Bahn geschimpft? Vielleicht, nachdem Sie zuletzt mit der Bahn gefahren sind? Gut möglich, denn irgendetwas läuft eigentlich immer schief. Gerade mal 70 Prozent der Fernzüge kommen halbwegs pünktlich an.

Die Wahrscheinlich, dass irgendetwas im Zug nicht funktioniert – die Toiletten, die Kaffeepumpkanne im Bordbistro, die Klimaanlage, die Tür zwischen den Waggons, vielleicht sogar der komplette Triebwagen – liegt bei 80 Prozent.

Wer einen Reservierung in Wagen 33 gebucht hat, dann aber feststellen muss, dass der überfüllte Zug ohne Wagen 33 fährt, der ist mindestens so genervt wie der Vielfahrer, der eigentlich immer in dem Zug sitzt, der auf einen vorbeifahrenden Zug warten muss, und nie in dem, der vorbeifährt. Von der Lebenszeit, die man auf Umsteigebahnhöfen vergeudet, weil der Anschluss wieder nicht funktioniert, mal ganz abgesehen.

Das System Bahn steht vor dem Kollaps, das Unternehmen bekommt die Probleme nicht in den Griff. Und das seit Jahren. Schuld daran sind die falschen Prioritäten, die seit der großen Bahnreform vor 25 Jahren gesetzt wurden. Unter dem Strich steht: In dem Streben, die Bahn zum Global Player zu machen (der Konzern ist heute in über 130 Ländern weltweit aktiv), wurde das Inlandsgeschäft sträflich vernachlässigt. Das Schienennetz ist seit 1994 um 16 Prozent geschrumpft und in einem schlechten Zustand.

Personal und Fuhrpark wurden nicht dem Bedarf entsprechend aufgestockt. Tausende Stellen sind unbesetzt; dringend benötigte Züge wurden viel zu spät bestellt. Die Digitalisierung des Schienenverkehrs hinkt dem internationalen Standard hinterher. Kurz: Es wurde viel zu wenig investiert. Der Chef der Bahngewerkschaft EVG, der zugleich stellvertretender Aufsichtsratschef ist, beziffert den Investitionsstau bei der Bahn auf 50 Milliarden Euro. Trotzdem wurde ein Schuldenberg von rund 20 Milliarden Euro aufgehäuft. Und – siehe Stuttgart 21 – auf verkorkste Mammutprojekte gesetzt. Das nennt man Managementversagen.

Die Kunden haben das Vertrauen in das System Bahn längst verloren. Das gilt übrigens auch für die Mitarbeiter. Denn die bekommen den Frust der Reisenden direkt zu spüren und müssen das ausbaden, was sie meist selbst nicht zu verantworten haben. Für ein Unternehmen ist das eine verheerende Gemengelage. Deshalb ist es überfällig, dass konsequent gegengesteuert wird. Es wird allerdings dauern, bis das Maßnahmenpaket greifen wird, das nun mit viel Tamtam auf die Schiene gesetzt wurde, tatsächlich aber wesentlich aus Punkten besteht, die längst bekannt sind. Und wie die formulierten Ziele angesichts der horrenden Kosten erreicht werden sollen, bleibt ein Rätsel.

Weiterhin unbekannt bleibt auch die Strategie, die Verkehrsminister Scheuer verfolgt. Wie seine Vorgänger im Amt, die CSU-Parteifreunde Ramsauer und Dobrindt, ist er bislang nicht durch besonders viel Interesse an der Bahn aufgefallen. Dabei müsste die Bundesregierung – zur Erinnerung: der Bund ist zu 100 Prozent Eigentümer – endlich klären und erklären, was ihr der Schienenverkehr als wesentlicher Bestandteil eines nachhaltigen Mobilitätskonzepts für die Zukunft wert ist. Sonst bleibt die Bahn auf dem Abstellgleis.

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