Kommentar zu Grindels Rücktritt: Anspruch und Wirklichkeit

Kommentar zu Grindels Rücktritt : Anspruch und Wirklichkeit

Natürlich lag der rote Teppich aus, als die „Hall of Fame“ des Deutschen Fußballs in Dortmund eröffnet wurde. Die Helden der Vergangenheit liefen ein: Matthäus, Beckenbauer, Netzer, Maier, Breitner, Seeler. Einer aber kam durch einen Seiteneingang, obwohl er eine Art Gastgeber war. DFB-Präsident Reinhard Grindel mogelte sich an den Kameras und Mikrofonen vorbei.

Ein paar Stunden später wurde aus dem DFB-Präsidenten ein Ex-Präsident. Sein Auftritt im DFB-Museum als Laudator war sein letzter öffentlicher Auftritt, Grindel verließ den weltgrößten Sportverband durch die Hintertür, er verließ die Ruhmeshalle unrühmlich.

Als Grindel vor drei Jahren ohne Gegenkandidat ins Amt gewählt wurde, war der DFB ebenfalls in Nöten. Die Vergabe der WM 2006 im eigenen Land beschäftigte gerade die Ermittler – die Affäre ist bis heute nicht geklärt. Grindel versprach, die Geschichte rigoros aufzurollen. „Größte Transparenz“ stand in seinem Regierungsprogramm, es sollte endlich besser werden in einem Verband, dessen Glaubwürdigkeit längst ramponiert war. Grindel wollte einen neuen Typus verkörpern: offen, ehrlich und eben glaubwürdig. Am Ende wirkt dann auch er selbst wie einer dieser Funktionäre, die Wasser predigen und Wein trinken.

Dankbar für Zuwendungen

Grindel erließ neue Compliance-Vorgaben, die regeln, wie der Verband mit Geschenken umgehen soll, um den Verdacht der Korrumpierbarkeit zu entgehen. Soweit die Theorie. Aber längst steht der Verdacht im Raum, dass auch Grindel zur großen Kaste von Fußballfunktionären gehört, die durchaus dankbar für Zuwendungen sind.

Grindel soll, so berichteten einige Medien vor Jahren zum Geburtstag durchaus stolz eine wertvolle Uhr eines ukrainischen Oligarchen in Empfang genommen habe, ohne den Verband vom diesem Geschenk zu unterrichten. Der „Spiegel“ hatte ein paar Tage zuvor berichtet, dass Grindel knapp 80.000 Euro erhalten haben soll, als Aufwandsentschädigung für zwei Sitzungen einer DFB-Tochter. Die Zahlung war angeblich etlichen Präsidiumsmitgliedern nicht bekannt. Formal sind solche Geschenke und Zahlungen vermutlich nicht zu beanstanden, weil sie satzungskonform sein mögen, aber sie vermitteln eine schnöde Selbstbedienungsmentalität. Die Außenwirkung ist fatal.

Grindels Rücktritt war der letzte Liebesdienst, den er seinem Verband machen konnte. Um den Präsidenten, der ohnehin keine Hausmacht besaß, war es längst ziemlich einsam geworden. Seit Wochen war ihm weder die eigenen Präsidiumsmitglieder noch Kollegen aus den fünf Landesverbänden zur Seite gesprungen.

Etliche Ungeschicklichkeiten hatte Grindel beruflich überlebt. Unbeherrschte Medienauftritte, ein ungeschickter Umgang mit der Özil-Affäre, eine fast tolpatschige Moderation der sportlichen Krise der Nationalmannschaft. Am Ende scheitert er an seinem eigenen Anspruch. Und längst muss sich der  DFB die Frage gefallen lassen, warum er keinen Präsidenten mehr findet, der über jeden Zweifel erhaben ist. Nach seinem
Rückzug fällt Grindel weich. Er bekleidet noch Fußball-Ämter in Fifa und Uefa, dem Welt- und europäischen Verband, die nicht an sein DFB-Mandat gekoppelt sind: Dafür gibt es jährlich 500.000 Euro Aufwandsentschädigung. Bei der Uefa leitet er übrigens die Compliance-Kommission.

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