Abschlussrede des Papstes hat Betroffene und Experten enttäuscht

Kommentar zum Krisengipfel im Vatikan : Die Bischöfe müssen ran

Westeuropäische Katholiken müssen sich davor hüten, zu glauben, ihre Meinungen und Forderungen seien repräsentativ für die katholische Weltkirche. Manche Bischöfe vor allem aus Afrika und Asien ignorieren nach wie vor Missbrauch überhaupt als ihr Problem.

Der Papst könnte und würde, wie man ihn kennt, befreiter und offener mit diesem Skandal umgehen, wenn seine erzkonservativen Gegenspieler – unter maßgeblicher Beteiligung des deutschen Kurienkardinals Gerhard Ludwig Müller – den Skandal nicht ausnutzen würden, um Franziskus anzugreifen. Das erschwert konsequentes Vorgehen des Vatikans und eine wirklich ehrliche Auseinandersetzung.


Abkehr von autoritären Strukturen


Dass die gestrige Abschlussrede des Papstes manche Betroffene und Experten enttäuscht hat, ist nachvollziehbar. Trotzdem ist der Vorwurf, mit dem Verweis auf das gesamtgesellschaftliche Problem sexueller Gewalt habe Franziskus die Schuld von Priestern relativiert, nicht gerechtfertigt. Die Opfer hätten sich allerdings konkretere Konsequenzen gewünscht. Das sollte aber nicht zu Resignation führen, sondern die nationalen Bischofskonferenzen müssten darin ihren Auftrag erkennen, die Sache in die Hand zu nehmen. Und genau das ist unter dem franziskanischen Pontifikat einfacher als jemals zuvor.

Nach diesen vier römischen Tagen dürfte kein Zweifel mehr daran bestehen, was jetzt nötig ist: Aufklärung durch vollkommen unabhängige Experten, Öffnung aller Akten, großzügige Hilfe für Opfer, problembewusstes und rückhaltloses Sprechen über dieses Thema in der Priesterausbildung. Darüber kann es keine Diskussion mehr geben; das muss überall umgesetzt werden.

Um die eigene Zukunft nicht zu verspielen, muss die katholische Kirche aber nun endlich auch das anpacken, was nicht zuletzt in
ihren eigenen Reihen nachdrück-
lich gefordert wird: effektive Machtkontrolle, Änderung der hie- rarchischen, autoritären Strukturen, Abkehr vom Klerikalismus, Umkehr in der Sexualmoral. Über diese Anforderungen haben Bischöfe und Kardinäle seit Donnerstag im Vatikan allenfalls am Rande gesprochen, und sie wissen warum. Denn in diesen Fragen ist die katholische Kirche zutiefst gespalten.

Franziskus ist in Sachen Sexualmoral oder auch Zölibat zwar konservativ, könnte aber die Neuorientierung in diesen Fragen den Ortskirchen überlassen, so, wie er es in der Frage des Kommunionempfangs für wiederverheiratete Geschiedene und konfessionsverschiedene Ehepaare – wenn auch reichlich verklausuliert – getan hat. Er muss seinen mal ängstlichen, mal zurückhaltenden, mal konservativen, mal reaktionären Bischöfen und Kardinälen, aber auch den mutigen und Reformwilligen unter ihnen jetzt möglichst klare Signale in diese Richtung geben. Dass er das tatsächlich tut, daran gibt es begründete Zweifel.

Hierzulande hat die wissenschaftliche Missbrauchsstudie, die die deutschen Bischöfe selbst vorgestellt haben, festgestellt, dass die Unterdrückung sexueller Bedürfnisse, der Zwang, enthaltsam zu leben, eine Ursache für Missbrauch sein kann. Die Studie nennt die Machtstrukturen in der katholischen Kirche als einen Grund für die Vielzahl von Fällen sexuellen Missbrauchs.

Zweitens ist die eigene Sexualität – egal in welcher Orientierung – das Intimste, worüber der einzelne Mensch verfügt. Da hat die katholische Kirche als Ratgeberin nichts verloren; es sei denn, sie wird im Einzelfall ausdrücklich um Rat gebeten. Sie hat weder die Kompetenz noch die Vertrauenswürdigkeit, um ihren Gläubigen Vorgaben für deren Sexualleben zu machen.


Ehrlichkeit im Sinne des Papstes

Drittens tolerieren die Bischöfe in ihrem jeweiligen Verantwortungsbereich, dass Priester heimliche Liebesbeziehungen zu Frauen oder auch Männern haben. Dieses an sich sehr sympathische „Laissez faire“ offenbart aber eine verlogene Haltung, die die unmittelbar Betroffenen – vor allem auch Kinder aus solchen Beziehungen – zutiefst verletzt und massiver psychischer Belastung aussetzt. Um des Seelenfriedens liebender Menschen und um der eigenen Zukunft willen müssen die Bischöfe offen und öffentlich dazu stehen, was die allermeisten von Ihnen längst tun. Sie müssten nur ehrlich sein und könnten sich dabei auf die gestrige Rede des Papstes berufen, der zum Thema Missbrauch, das lange tabu war, sagte, „dass alle von seiner Existenz wussten, aber keiner darüber sprach“.

Die deutsche katholische Kirche wirkt hierzulande und weltweit in hohem Maße gut und segensreich. Weil in ihr aber unentschuldbare Fehler begangen wurden und sie nach wie vor und allzu häufig die Zeichen der Zeit nicht erkennt, ist ihr Ruf ruiniert. Sie hat die Chance auf Rettung, wenn mutige Bischöfe jetzt vorangehen.

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