100 Jahren Wahlrecht für Frauen in Deutschland

Kommentar zum Frauenwahlrecht : Männer, teilt eure Macht!

Auf den ersten Blick sieht es so aus, als sei Frauen vor 100 Jahren schlagartig die gleiche gesellschaftliche Teilhabe zugesprochen worden. Nach dem Wahlrecht für Frauen würde sich die Gleichstellung der Frauen in allen anderen Bereichen schon irgendwie von selbst ergeben, man müsste der Entwicklung nur etwas Zeit geben – so die bis heute häufig vertretene These. Doch so einfach ist es nicht.

Dass sich diese Einschätzung nicht bewahrheitet hat, zeigen nicht zuletzt die Debatte über eine Frauenquote in Spitzenpositionen und die Zahlen, die jährlich am 18. März zum Equal-Pay-Day erscheinen und belegen, dass Frauen im Durchschnitt für gleiche Arbeit noch immer weniger Lohn erhalten.

Doch dass sich diese Einschätzung nicht bewahrheitet hat, zeigen nicht zuletzt die Debatte über eine Frauenquote in Spitzenpositionen und die Zahlen, die jährlich am 18. März zum Equal-Pay-Day erscheinen und belegen, dass Frauen noch immer für gleiche Arbeit weniger Lohn erhalten. Es reicht also nicht aus, Frauen das Wahlrecht zuzugestehen und sich danach bequem und selbstzufrieden zurückzulehnen.

Zahlen sind rückläufig

Die Zahl der Frauen in politischen Ämtern stagniert nicht nur, sie ist sogar rückläufig. Im Bundestag und Bundesrat machen Frauen nicht einmal ein Drittel der Abgeordneten aus, insgesamt sind es sogar sieben Prozent weniger weibliche Abgeordnete als bei den Wahlen 2013. Der Frauenanteil in den Parlamenten in Äthiopien (39 Prozent), Burundi (37 Prozent) und den meisten EU-Staaten liegt deutlich höher. Angela Merkel hat es selbst gesagt: Der Bundestag ist in dieser Hinsicht „kein Ruhmesblatt“.

Noch düsterer sieht es in Deutschland bei den konservativen Parteien aus. Gerade einmal jeder fünfte Abgeordnete der CDU/CSU-Fraktion ist weiblich. Die AfD-Fraktion hat einen Frauenanteil von nur elf Prozent. Die Partei macht keinen Hehl aus ihrem rückwärtsgewandten Festhalten an traditionellen Geschlechterrollen, sie duldet sexistische Äußerungen ihrer Mitglieder und erfreut sich dennoch zunehmender Beliebtheit – wohlgemerkt überwiegend bei männlichen Wählern. Mit fortschreitender Emanzipation findet auch die Gegenbewegung – der Machismus – wieder mehr Zulauf. Donald Trump und der philippinische Präsident Rodrigo Duterte erfahren für ihre sexistischen Äußerungen ebenso viel Beifall wie Kritik, aber vor allem eine internationale Bühne für ihr frauenverachtendes Weltbild, das auch in Deutschland Befürworter findet.

100 Jahre nach der Einführung des Wahlrechts für Frauen ist also offensichtlich, dass Emanzipation kein Selbstläufer ist und es auch nie war. Die vier Frauen, die neben 61 Männern 1948 dem Parlamentarischen Rat angehörten, werden als „Mütter des Grundgesetzes“ gefeiert. Doch wie hätte die Verfassung wohl heute ausgesehen, wenn die Hälfte der Mitglieder weiblich oder die Geschlechterverteilung gar umgekehrt gewesen wäre?

Die Gesellschaft widerspiegeln

Bei der Gleichstellung geht es schließlich nicht nur um das aktive Wahlrecht für Frauen, sondern auch darum, dass Frauen in politischen Ämtern gleichermaßen repräsentiert werden. Wenn auf Wahllisten fast ausnahmslos männliche Kandidaten geführt werden, ist dies nicht möglich. Chancengleichheit heißt, auch Frauen und Männern zu gleichen Teilen die Möglichkeit zu geben, gewählt zu werden. Der Vorstoß von Justizministerin Katarina Barley und Frauenministerin Franziska Giffey ist ein guter Ansatz, denn damit der Bundestag die Gesellschaft repräsentieren kann, muss er sie auch widerspiegeln.

Denn im Bundestag werden Gesetze verabschiedet, die das gesellschaftliche Zusammenleben prägen. Bisher werden Debatten nur allzu gerne über statt mit Frauen geführt – über alleinerziehende Mütter, Betreuungsgeld oder Abtreibung. Das muss sich dringend ändern.

Und vor allem müssen Frauen bei der Entscheidung über derartige Gesetzesvorhaben gleichberechtigt repräsentiert sein.  Sie müssen auch die Chance haben, nicht nur ihre Stimme abgeben zu können, sondern den politischen Diskurs zu formen und Wirtschaft, Forschung und Entwicklung gleichberechtigt mitzugestalten.  Denn nur so ist der weibliche Einfluss in jenen Institutionen gesichert, die heute über die Lebensbedingungen für unsere und für zukünftige Generationen entscheiden.

Mehr von Aachener Zeitung