Pilates: Mehr als nur Training auf der Matte

Pilates : Mehr als nur Training auf der Matte

Pilates-Trainer dürfte sich eigentlich jeder nennen. Der Begriff ist nicht geschützt. Doch der Deutsche Pilates Verband setzt sich für Qualitätskriterien ein. Die Präsidentin ist eine Powerfrau aus Erkelenz.

Da steht ein Cadillac am Brüsseler Ring 23. Ohne Dach, ohne Reifen, ohne Motor – und er bewegt, nur nicht sich, sondern die Menschen in ihm. Der silberne Cadillac steht vor einem großen Spiegel in dem Pilates-Studio von Stefanie Rahn, und eigentlich sieht er eher aus wie ein Himmelbett. Den amerikanischen Namen trägt er, weil sein Erfinder, der eigentlich aus Mönchengladbach stammt, in New York weilte, während er dieses Konstrukt entwickelte, das mehr Gerät als Gefährt ist. Schlingen und Seile, Zugfedern und eine Art Trapez hängen daran. Abenteuerlich sieht das aus.

Josef Pilates, genannt „Joe“, hat für sein Ganzkörpertraining lauter Dinge benutzt, die er in seiner Umgebung gefunden hat, erklärt Stefanie Rahn. Einen Stuhl zum Beispiel. Umgedreht und mit Stahlfedern und Laschen für die Füße ausgestattet, unterstützt er eine Übung für Bauch, Beine, Knie und Füße.

Pilates? Mit Geräten? Rollt man nicht einfach eine Matte aus und legt los? „Klar, das geht auch“, sagt Stefanie Rahn, aber Josef Pilates, der von 1883 bis 1967 lebte, habe das eigentlich anders ersonnen und seine Ganzkörperübungen an und mit Geräten entwickelt. Mit einem Fitnessstudio habe das allerdings wenig zu tun. Die Apparate arbeiten mit Federn und Schienen, das Gewicht, das darin liegt, ist nur das eigene. Aber das reiche auch schon.

Die Idee dabei ist, dass die Bewegungen geführt und unterstützt werden. Gerade für Menschen mit künstlichen Hüft- oder Kniegelenken sei das sinnvoll. „Das Ziel ist Beweglichkeit“, sagt Stefanie Rahn.

„Pilates Lesson“ ist laut Werbeflyer das einzige Studio im Kreis Heinsberg, das mit original Pilatesgeräten ausgestattet ist. Den „Reformer“, „das wichtigste Gerät“, wie Rahn sagt, gibt es gleich mehrfach.

Zwischen den Konstrukten, auf denen ein beweglicher Sitz auf Schienen von links nach rechts bewegt werden kann, hängen dünne Plastikscheiben an dünnen Seilen von der Decke, um die Aerosole der Übenden von anderen fernzuhalten. Diese Erfindung stammt allerdings nicht von Pilates, sondern ist eine Eigenkreation, die der Corona-Pandemie geschuldet ist.

Corona und seine Folgen beschäftigen die Studiobesitzerin Rahn auf vielfältige Weise. Zum einen sind da die Patienten, deren Probleme recht diffus sind, die Ursache aber wohl der allgemeine Bewegungslockdown ist: depressive Verstimmungen, plötzliche Schulterprobleme, verkürzte Muskeln, der Verlust des Körpergefühls. „Ein Patient erzählte, dass er sich fühlt wie in einem Taucheranzug.“ Mit Training bekomme man das alles hin, sagt Rahn. Was sie aber schmerzt, ist die fehlende Wertschätzung für ihren Berufsstand, der eine wichtige Rolle im Gesundheitssektor spiele. „Es ist ein harter Job mit schwierigen Arbeitszeiten und wenig Anerkennung“, sagt die Unternehmerin. Wie wenig das wahrgenommen werde, sehe man daran, dass „die Gastronomen die Mehrwertsteuer auf sieben Prozent senken durften, während wir weiter 19 Prozent nehmen müssen“.

Als Präsidentin des Deutschen Pilates Verbandes arbeitet sie am Image ihrer Branche. Da Pilates kein geschützter Begriff ist, kann sich theoretisch jeder Pilatestrainer nennen. Der Verband hat Kriterien entwickelt, nach denen er Trainer und Ausbildungsinstitute zertifiziert, um einen Qualitätsstandart zu sichern.

„Ich stehe auf Netzwerken, allein ist doof“, sagt Stefanie Rahn. Deshalb steht sie seit zwei Jahren auch nicht allein an der Spitze des Vebandes, sondern als Teil eines Dreierteams: Stefanie Rahn, Kristina Dietrich und Britt Worofsky. Und das Netzwerk ist lebendig und sozial: „Innerhalb von vier Tagen haben unsere Mitglieder 12.000 Euro für die Ukraine gesammelt.“

Auch ihre zwei Pilatesbücher hat sie nicht allein geschrieben, sondern gemeinsam mit Christian Lutz. Für das dritte Buch liegen gerade die Korrekturfahnen in ihrem Büro, darin geht es um neuronales Training, kombiniert mit einem Pilatesteil. Das war auch Thema ihrer Masterarbeit, denn während andere in der Pandemie ihren Dachboden ausgebaut haben, hat Stefanie Rahn noch zusätzlich zu ihrem abgeschlossenen Studium in Tanz und Pädagogik ihren Master in Sporttherapie, Gesundheitsmanagement und Prävention gemacht.

Ihr Studio im Industriegebiet Gipco musste sie zwar neun Monate schließen, doch das Angebot lief ohne Unterbrechung online weiter. Nur gab es online nicht die „heiligen vier“: den Reformer, das Barrel, den Chair oder den Cadillac.

Wie gut das Training an ihnen funktioniert, hat Stefanie Rahn am eigenen Körper erfahren, als die Tänzerin mit 30 Jahren zwei Bandscheibenvorfälle erlitt. In der Reha lernte sie Pilates kennen und es gelang ihr, ihren Körper wieder so zu stabilisieren, dass sie wieder Sport machen konnte. Heute nimmt sie mit ihren beiden Altdeutschen Hütehunden Quinn und Paul an Meisterschaften im Canicross teil, das ist ein Geländelauf mit Hund. Eine flexible Leine verbindet dabei Mensch und Hund, der Hund läuft voraus und der Mensch dirigiert ihn mit Kommandos über die Strecke. Diese Sportart erfordert viel Kondition, Konzentration und Kraft. Im vergangenen Jahr wurde Rahn in Erkelenz für ihre Erfolge als Sportlerin des Jahres ausgezeichnet. „Pilates ist kein Ausdauertraining, damit erreicht man keine Kondition, sagt Rahn, „aber die Fähigkeit, sich Kondition zu erarbeiten.“

„Ich muss immer den Rückspiegel neu einstellen, wenn ich von der Pilatesstunde komme.“ Stefanie Rahn muss lachen, wenn sie solche Kommentare hört. Ja, das erzählen ihre Kundinnen häufiger. Mit Pilates entspannt sich die Wirbelsäule, nach dem Training fühlt der Körper sich gerade und ein paar Zentimeter größer an und dann funktioniert auch wieder der Schulterblick im echten Cadillac.