Frivol, kämpferisch und sehr politisch: Manfred Schnabel wird 92 Jahre alt und bekommt einen Tucholsky-Abend

Frivol, kämpferisch und sehr politisch : Manfred Schnabel wird 92 Jahre alt und bekommt einen Tucholsky-Abend

Ein solches Geburtstagsgeschenk bekommt wahrlich nicht jeder. Professor Manfred Schnabel erhielt nicht etwa eine Flasche Wein oder ein gutes Buch als Anerkennung seines Schaffens für das Theater Düren im Haus der Stadt.

Nein, am Vorabend seines 92. Geburtstags beschenkten ihn Düren Kultur und die Erna-Schiefenbusch-Gesellschaft mit einem Kurt Tucholsky-Abend. Rund 100 Zuschauer waren am Freitagabend dabei, um das vom „Roto“-Theater Dortmund dargebotene Präsent mit ihm gemeinsam zu genießen.

Über seinen Lieblingsdichter Tucholsky sagt Schnabel, dass er dessen ironische Art, das Leben zu betrachten, sehr liebe. Tucholsky besaß die Gabe, „seine Zeit”, die Zeit der Weimarer Republik nach dem ersten Weltkrieg, so zu beschreiben, dass er sowohl in ernsthaftem Ton über das Grauen des Krieges als auch im Plauderton über die bei näherem Hinschauen unterhaltsamen Unvollkommenheiten der Menschen berichten konnte.

Das machte ihn schon zu Lebzeiten zu einem viel gespielten und heiß geliebten Kabarettisten der linksliberalen Szene.

Dem „Roto“-Theater aus dem Ruhrgebiet dienten Leben und Schaffen des Journalisten und Schriftstellers als idealer Ausgangspunkt für eines ihrer typischen Dichterprogramme, in denen sie sich jeweils einen Autor vornehmen, um dessen Werk in Zusammenhang mit der Biographie des Schreibenden zu interpretieren. Es sei ihnen wichtig, dass man auch die Entstehungsgeschichte, den Hintergrund, der Lyrik kenne, erklären die beiden in einem Interview, das auf der Internetseite des Theaters zu sehen ist.

Und so berichtete Rüdiger Trappman auf der Bühne als Erzähler beispielsweise von Tucholskys vielen Pseudonoymen, welche die Bandbreite seiner Persönlichkeit widerspiegelten. Auf der einen Seite Theobald Tiger, der Freche, Frivole, auf der anderen Seite Ignaz Wrobel, der Politische, Kämpferische, der sich mit den Regierenden anlegt.

Hirnlose, gefährliche Politiker und sonstige Führer waren ebenso Tucholskys Thema wie Milieustudien im Berlin der Zwanziger- und Dreißigerjahre.

Ausgeprägte Mimik

Barbara Kleyboldt rezitierte mit ausgeprägter Mimik und genüsslich berlinernd Gedichte wie „Karrieren“, ein Text, der sich humoristisch-bissig mit Lebensläufen befasst, die „durch den Hintern jehn“ – das Hinterteil des Chefs wohlgemerkt, das gewissen Leuten zum Hineinkriechen diene und das sie als „feine Herren“ verließen, die nun ihrerseits keine Gnade gegenüber Untergebenen kennen würden.

Kleyboldt sang mit ausdrucksstarker Stimme die von Hanns Eisler vertonte Ballade „Der Graben“, ein Lied über die Sinnlosigkeit des Krieges aus der Sicht einer Mutter, die ihren Sohn verliert, sowie andere Lieder Tucholskys.

Unterhaltsam wurde es beispielsweise bei dem Gedicht „Danach“, das Kleyboldt ebenfalls im Berliner Dialekt darbot. Hier beschäftigte sich Tucholsky mit dem Phänomen des Happy Ends im Film oder besser gesagt mit der Frage, warum am Filmende abgeblendet wird. Na, weil danach folgendes passiert: Nach Sex, Kind und unerfüllten Trennungsgelüsten folgt das Alter und die schließliche Einsicht: „Die Ehe war zum jrößten Teile vabrühte Milch un Langeweile.“

Dass für derlei düstere Bilanzen bei Frauen wie Männern Lebenslügen, übersteigerte Erwartungen und verpasste Chancen ursächlich sind, zeigte Tucholsky in seinen Texten gerne auf, zum Beispiel in dem von Kleyboldt dargebotenen Gedicht „Eine Frau denkt“, ein Monolog, der von der Unfähigkeit zur offenen Kommunikation handelt und deswegen gedacht werden muss.

Als Kulisse gut gewählt für diesen Abend ist ein großformatiger Druck des Bildes „Stützen der Gesellschaft“ von George Grosz, ein Zeitgenosse Tucholskys, der mit den Mitteln der Malerei das zum Ausdruck brachte, was auch den Schriftsteller umtrieb: Die Gräuel von Nationalismus und Fanatismus, welche Tucholsky am eigenen Leibe erfuhr – im ersten Weltkrieg als Soldat und danach mit dem Aufkeimen und -blühen der NSDAP.

Professor Manfred Schnabel genoss sein Geburtstagsgeschenk: Tucholskys unterhaltsame, leichte Arbeiten, seien im die liebsten, sagte Schnabel, aber der Schriftsteller habe eben beides gekonnt – ernst und komisch.