Männerdomäne Journalismus: Starke Frauen im Westjordanland

Teil 1: Mit viel Mut zum Traumberuf : Jung, weiblich und Journalistin in den Palästinensischen Gebieten

Die Arbeit als Journalist in den Palästinensischen Gebieten ist gefährlich. Wer unabhängig und objektiv berichten und recherieren will, läuft Gefahr, bedroht, angegriffen oder festgenommen zu werden. Für Frauen ist der Beruf als Journalistin besonders schwer, denn die Gesellschaft ist konservativ geprägt. Die junge Journalistin Tala Al-Sharif erzählt über ihren Alltag und die Herausforderungen, denen sie täglich begegnen. (at)

Mein Name ist Tala Al-Sharif. Ich bin 22 Jahre alt und lebe im palästinensischen Hebron. Zurzeit studiere ich den Masterstudiengang „Journalistmus und Neue Medien“ und arbeite bei einem palästinensischen Fernsehsender als Journalistin und Moderatorin.

Als ich begann, in Ramallah zu studieren, wurde ich mit vielen Vorurteilen konfrontiert. Schließlich gilt meine Heimatstadt Hebron als sehr konservativ. Ich trage allerdings weder ein Kopftuch noch lebe ich bei meinen Eltern – obwohl ich unverheiratet bin.

Seitdem ich ein Kind war, träume ich davon, einen Wandel in meiner Gesellschaft anzustoßen. In meiner palästinensischen Heimatstadt Hebron gibt es viele Probleme. Besonders bedrückend ist die Situation der Frauen hier. Viele von ihnen sind häuslicher Gewalt, sexueller Belästigung und Repression ausgesetzt. Ihre Aufgabe als Frau in der Gesellschaft ist es, hübsch auszusehen und ansonsten unauffällig zu sein. Über ihre Probleme dürfen sie nicht in der Öffentlichkeit sprechen.

Die Stadt Ramallah im Westjordanland gilt als deutlich liberaler als der patriarchalisch und konservativ-geprägte Rest der Palästinensischen Gebiete. Foto: Annika Thee

Stereotypen aufbrechen

Deshalb habe ich beschlossen, Journalistin zu werden, denn so kann ich Informationen veröffentlichen, Stereotypen aufbrechen und über Themen sprechen, die sonst tabu sind. In meiner Gesellschaft ist Journalismus eine Männerdomäne. Aber ich möchte den Menschen in Hebron zeigen, dass auch Frauen gute Journalistinnen sein können und dass die Presse eine wichtige Aufgabe hat – nämlich Menschen zu bilden und Vorurteile zu hinterfragen.

Nach dem Bachelorstudium habe ich bei Nisaa FM gearbeitet, dem ersten Radiosender für Frauen in Palästina. Jeden Tag konnte ich Reportagen über starke Frauen in unserer Gesellschaft machen, über ihre Erfolge sprechen. Allerdings fehlten mir dort die Stimmen aus meiner Heimatstadt, wo die Frauen eben noch mehr unter der patriarchalen Gesellschaft leiden als im Rest der Palästinensischen Gebiete.

„Female Chimeras“

Besonders viel Zeit stecke ich in mein Projekt „Female Chimeras“ (weibliche Chimären), mit dem ich Frauen aus unserer Gesellschaft eine Stimme geben möchte. Sie können die Möglichkeit nutzen, selbstbewusst vor der Kamera ihre Geschichte zu erzählen. Denn in unserer konservativen Gesellschaft würden sie andernfalls kaum Gehör finden. Umso bewundernswerter ist, dass viele Frauen es trotz der alltäglichen Gewalt, sexueller Belästigung und Armut schaffen, ein erfolgreiches Leben zu führen.

Ich finde es wichtig, Frauen würdevoll zu präsentieren, nicht nur als Opfer. Frauen sind stark, intelligent und ehrgeizig – obwohl sie leider allzu oft zwangsverheiratet, geschlagen und mundtot gemacht werden. Viele dürfen nur verschleiert das Haus verlassen.

Wenn wir die Stellung der Frau in unserer Gesellschaft stärken wollen, dann brauchen wir mehr Geschichten über Frauen, die aus ihrem Schicksal ausbrechen, Hürden überwinden und andere Frauen inspirieren können. Darum geht es auf meiner Facebook-Seite. Ich suche starke Frauen, die mir in einem Video ihre Geschichten erzählen.

Das klingt erst einmal einfach, aber zu Beginn gab es viel Widerstand. Viele Frauen hatten Angst, ihre Geschichte vor der Kamera zu erzählen. Selbst wenn die Frauen einwilligen, werde ich manchmal von ihren Angehörigen bedroht.

Zuletzt haben die Söhne einer porträtierten Frau mir Vergeltung und körperliche Gewalt angedroht. Außerdem haben sie angekündigt, meine Webseite zu hacken und meine Familie zu attackieren. Daraufhin habe ich das Video mit ihrer Mutter wieder gelöscht. An dem Projekt arbeite ich aber weiter.