Stolberg/Moskau: Zwei Stolberger im Deutschland-Trikot zum Finale

Stolberg/Moskau: Zwei Stolberger im Deutschland-Trikot zum Finale

An den 31. Oktober 2017 kann sich René Gerhards noch genau erinnern. Als sein Handy klingelte, befand er sich gerade am Flughafen in London-Stansted auf der Durchreise nach Glasgow. Dort traf Celtic Glasgow an diesem Abend im Rahmen der Champions-League-Gruppenphase auf den FC Bayern München. Dieser sollte sich am Ende mit 2:1 durchsetzen.

Bayern-Fan René Gerhards freute sich an diesem Tag jedoch fast ein wenig mehr über den Anruf als über den Sieg. Schließlich war sein Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung die Fédération Internationale de Football Association oder kurz die Fifa. Der Grund für den Anruf: Gerhards bekam die Möglichkeit, zwei Karten für das WM-Finale in Moskau zu ergattern. Am Donnerstagvormittag fliegt er gemeinsam mit Dieter Nerlich zum Endspiel Frankreich gegen Kroatien. Doch von vorne.

René Gerhards und Dieter Nerlich sind Fußball-Fans durch und durch. Die Herzen der beiden Stolberger schlagen für den FC Bayern München. Bereits seit 40 Jahren ist Nerlich Fan des Vereins und verpasste so gut wie kein Spiel — zumindest vor dem Fernseher.

Reisen waren für den damaligen Gastronomen allerdings nicht drin. Und genau an dieser Stelle kam Kumpel René Gerhards ins Spiel. Er sieht sich nicht nur jedes Heimspiel der Münchener an, sondern reist seit einigen Jahren auch zu den Auswärtsspielen. Seine Bilanz kann sich sehen lassen: „Von den letzten 15 Auswärtsspielen habe ich vielleicht eins verpasst“, sagt er. Gerhards überredete Nerlich, der mittlerweile Rentner ist, zu einer gemeinsamen Reise. Doch dabei blieb es nicht.

Europameisterschaft in Frankreich

Nachdem sie sämtliche Spiele im Rahmen des DFB-Pokals und auch einige Länderspiele besucht hatten, stand der nächste Schritt an: Vor zwei Jahren reisten sie zur Europameisterschaft nach Frankreich und schauten sich drei Spiele an. Mit dem Auto ging es nach Lille und dann nach Marseille. „In Lille haben wir zwei tolle Tage erlebt. Jede Reise hat etwas Besonderes. Man trifft verrückte Leute und erlebt tolle Trips, die wie Urlaub sind“, sagt Nerlich.

An Marseille hat er allerdings auch einige nicht so schöne Erinnerungen. „Dort sind wir 90 Minuten lang ausgepfiffen worden. Das ist kein sportliches Verhalten“, meint er. Aus diesem Grund gönne er Frankreich den Weltmeister-Titel nicht.

Auch René Gerhards hat an die Europameisterschaft in Frankreich nicht nur schöne Erinnerungen. Schließlich schied Deutschland damals im Halbfinale aus — gegen den Gastgeber. „Damals saß ich weinend im Stadion. So etwas nimmt mich sehr mit“, sagt der 34-Jährige. Das WM-Finale könne er nun ein wenig entspannter angehen. Auch er drückt den Kroaten die Daumen. Schließlich stehe mit Mario Mandukic ein ehemaliger Bayern-Profi auf dem Platz und auch Bayerns neuer Trainer Niko Kovac sei Kroate. „Außerdem war Kroatien bisher noch nie Weltmeister. Deshalb hat Kroatien leichte Sympathie-Punkte“, sagt Gerhards und lacht.

Und wie beurteilen die beiden Stolberger Fußball-Fans das Abschneiden der deutschen Elf in diesem Jahr? Eigentlich hatten sie damit gerechnet, das Team von Bundestrainer Jogi Löw im Finale zu sehen. „Fußballspielen können sie alle. Aber ein Trainer muss seine Mannschaft auch formen“, meint Nerlich. Bereits beim Confederations Cup im vergangenen Jahr habe man gesehen, dass das deutsche Team nicht besonders leistungsstark sei. Nach dem WM-Aus überlegten die beiden Männer, ob sie die Reise nach Moskau trotzdem antreten sollen. Doch schnell war klar, dass sie auf dieses Erlebnis nicht verzichten wollen — auch ohne deutsche Beteiligung.

Nerlich hat dennoch Konsequenzen gezogen. „Die nächsten Länderspiele werde ich erstmal boykottieren. Ich bin aus dem DFB-Fanclub ausgetreten. Ich bin sehr enttäuscht von der Führung im DFB-Team“, sagt er. Gerhards hat diesbezüglich eine etwas andere Einstellung. Er will bereits im September zum nächsten Länderspiel fahren. Dann trifft die deutsche Elf auf die Niederlande. Doch nun steht erst einmal das WM-Finale auf dem Programm. Darauf freuen die beiden sich sehr. „Wir wollen ein tolles Fußballspiel sehen“, so Nerlich.

Bereits im vergangenen August musste Gerhards bei der Fifa sein Interesse für Tickets bekunden. „Mit einem Zuschlag hätte ich nie gerechnet. Deshalb war ich total aus dem Häuschen, als ich den Anruf bekam“, sagt er. „Dabei Glück zu haben ist sehr schwierig. Schließlich bewerben sich Leute aus der ganzen Welt. Jeder will zum WM-Finale“, so Nerlich. Ein Visum brauchten die beiden nicht. Anstelle dessen tragen sie eine Fan-ID bei sich. Darauf sind sämtliche Daten gespeichert.

Am Donnerstagvormittag gegen 10.30 Uhr startet der Flieger. Ein Guide soll ihnen ein wenig die Stadt zeigen. Schließlich wollen Nerlich und Gerhards auch etwas von Moskau sehen. Am Samstag wollen sich die beiden Stolberger auf der Fanmeile das Spiel um Platz 3 ansehen — natürlich im Deutschland-Trikot. Trainings-, Heim- und Auswärts-Variante dürfen im Gepäck nicht fehlen. Am Montag reisen sie dann wieder zurück nach Stolberg.

Vor fünf Monaten gebucht

Und was kosten sie die vier Tage? Für die Tickets haben sie pro Person 380 Euro gezahlt. Die Hotelkosten von rund 550 Euro teilen sie sich, für die Flüge zahlen sie rund 300 Euro pro Person. „Mit 1000 Euro pro Person ohne Essen und Trinken müssen wir schon rechnen. Das war uns aber auch vorher bewusst“, sagt Gerhards. „Wer kann schon sagen, dass er mit 34 Jahren bei einem WM-Finale war?“ Seit Oktober habe er sich für die Reise etwas auf die hohe Kante gelegt. Das Hotel hat Gerhards vor fünf Monaten gebucht. Schließlich muss dieses nicht nur nah genug am Stadion liegen. Man muss von dort aus auch die Innenstadt gut erreichen können. Und sauber sein sollte es natürlich auch.

Nach der Weltmeisterschaft ist übrigens vor der nächsten Europameisterschaft. Die soll in zwölf europäischen Ländern ausgerichtet werden. Drei Spiele werden in München stattfinden. „Die Überlegungen hinzufahren sind schon sehr groß. Gerade in unserem Heimstadion“ sagt Gerhards. Er würde auch gerne zur nächsten WM nach Katar reisen. Nerlich ist anderer Meinung. „Damit kann ich mich nicht anfreunden“ sagt er. Wie gut, dass bis dahin noch viel Zeit bleibt.