Stolberg: Zvart Kelm „kann das Weihnachtsfest zweimal feiern“

Stolberg: Zvart Kelm „kann das Weihnachtsfest zweimal feiern“

In der Stadt Stolberg leben laut Statistik Menschen aus über 100 Nationen. Stolberg - eine Weltstadt? Warum wählen Menschen die Stadt, was gefällt ihnen an Deutschland, was weniger und warum bleiben sie dennoch hier. In loser Folge wollen wir Menschen aus unterschiedlichen Ländern der Welt vorstellen, warum sie Stolberg als ihre zweite Heimat gewählt haben.

Den Anfang machen wir mit Zvart Kelm geborene Grigoryan. Sie stammt aus Martuni, einer Stadt am Ufer des Sewansees in Armenien und wohnt seit 15 Jahren in Stolberg. Sie gehört zu den wenigen Menschen, die das Weihnachtsfest zweimal feiern. Warum das so ist, warum sie gerne in Stolberg lebt und was sie an Weihnachten schätzt, hat sie unserer Mitarbeiterin Marie-Luise Otten im Interview erzählt.

Wo liegt Armenien und was zeichnet das Land aus?

Kelm: Armenien ist der älteste christliche Staat und liegt im Kaukasus zwischen Georgien (Norden), Aserbaidschan (Osten), Iran (Süden) und der Türkei (Westen). Weil dem Armenischen Volk das Christentum von den Aposteln gebracht wurde, nennt sich unsere Kirche „apostolisch“. Unser Schutzpatron ist Grigor, der Erleuchter. König Trdat III. wurde durch ihn bekehrt und erhob 301 das Christentum zur Staatsreligion. Grigor war der erste Katholikos, das heißt, Oberhaupt der Armenischen Apostolischen Kirche.

Was unterscheidet das Leben in Deutschland von dem in Armenien?

Kelm: Wir bewundern die Deutschen, wie sie sich aus dem Nichts nach dem II. Weltkrieg wieder hoch gekämpft haben. In Deutschland lässt sich gut leben, man kann hier alles erreichen, wenn man will. Auch der friedliche Mauerfall beeindruckt uns immer wieder. Wenn man die Deutschen allerdings fragt, was sie mit Armenien verbinden, sagen sie zuerst „Radio Eriwan“, dann Völkermord und Erdbeben. Armeniens Grenzen sind zu, unsere Wirtschaft ist schwach, die Arbeitslosigkeit hoch und die politische Elite korrupt. Unser Volk ist fleißig, viele wohnen im Ausland, um ihren Familien zu helfen, denn Güter des täglichen Bedarfs aus dem Ausland können uns nur über Flugzeuge erreichen. Wir befinden uns mit Aserbeidschan um die Region Bergkarabach im Kriegszustand.

Was war der Grund, weshalb Sie nach Stolberg gekommen sind?

Kelm: In Armenien leben die Eltern mit ihren Kinder und Enkelkindern zusammen. Ich verspürte nach dem Tod meiner Eltern, die wir fünf Töchter siebzehn Jahre lang gepflegt hatten, den Ruf, etwas Neues zu wagen. Ich war 1985 bereits in der damaligen DDR gewesen und mir hatte die Kultur in Potsdam, Berlin, Dresden und Leipzig gut gefallen. Eine Landsfrau, die in Stolberg lebte und mir vom deutschen Leben vorgeschwärmt hatte, lud mich ein, sie zu besuchen. Diese Einladung habe ich 2002 angenommen. Bald lernte ich hier meinen Mann kennen, wir haben geheiratet und 10 glückliche Jahre verlebt. Er verstarb leider viel zu früh.

Was haben Sie dafür aufgegeben?

Kelm: Ich hatte eine gute Arbeit, mit der ich mir den Lebensunterhalt verdienen konnte. Nach Feierabend und am Wochenende bin ich meinem Zweitjob als Kosmetikerin nachgegangen. Ich habe meine Familie (vier Schwestern mit ihren Familien) und meinen Freundeskreis zurückgelassen.

Wie war das Leben am Anfang in Stolberg? War es schwer?

Kelm: Ja, es war alles neu für mich. Ich war zwar neugierig auf das Land, die Menschen und ihre Kultur, aber auch unsicher und hatte Angst, mich zu blamieren. Die Vorstellung, die ich von den Deutschen hatte, schwand allmählich, weil man mir viel Skepsis und Misstrauen entgegenbrachte. Entweder wird man verteufelt oder idealisiert. Heute weiß ich, dass es wohl auch Angst auf beiden Seiten war. Der einzige Kontakt waren mein Mann und meine wenigen Landsleute, die in Stolberg leben.

Wie haben Sie sich verständigt?

Kelm: Ich habe in der Schule von der sechsten bis zehnten Klasse Deutsch gelernt, was ich aber erst aus der Versenkung holen musste, weil ich in Armenien diese Sprache nicht brauchte. „Mit Händen und Füßen“, wie man so schön sagt, habe ich mir zunächst geholfen.

Wie sah es mit dem Heimweh aus?

Kelm: Ich hatte sehr viel Heimweh zu Beginn, weil es zu teuer war, immer anzurufen. Als es über Skype dann 2007 möglich war, mit meiner Familie in Armenien und Freunden überall auf der Welt zu sprechen, ließ es allmählich nach.

Wie oft sind Sie in den vergangenen 15 Jahren in Armenien gewesen?

Kelm: Bisher siebenmal: Mit meinem Mann, der sich in Armenien sehr wohl fühlte, obwohl er die Sprache nicht verstand, war ich viermal dort, zwischen 2006 und im Winter 2017.

Haben Sie einen deutschen Pass?

Kelm: Nein. Zu Beginn waren die Bedingungen für eine Einreise nach Armenien schwierig: Für einen deutschen Pass brauchte man ein Visum und musste Gebühren bezahlen, die sehr hoch waren. In heutiger Zeit kann jeder das Land besuchen, braucht also kein Visum zu beantragen und auch kein Geldbetrag zu zahlen.

Hat sich das Leben für Sie in Deutschland verändert?

Kelm: Ja, das Misstrauen ist ein wenig gewichen, die Kontakte sind mehr geworden. Ich habe viele nette Leute kennengelernt. Die Straßen und Plätze in Stolberg sind mir vertraut. Und wenn ich durch die Stadt spazieren gehe, fühle ich mich ein wenig wie in Martuni. Es wäre noch schöner, wenn mein Mann leben würde.

Warum feiern Sie Weihnachten zweimal?

Kelm: Die Geburt Jesu wird nicht nur von der römisch-katholischen und protestantischen Kirche am 25. Dezember gefeiert, sondern auch von jenen orthodoxen Christen, die für die unbeweglichen Festtage den gregorianischen Kalender übernommen haben, wie die griechisch-orthodoxe Kirche. Für andere Ostkirchen (Russland, Serbien, Georgien, Ukraine), die den Julianischen Kalender für die Berechnung der Daten ihrer Feiertage verwenden, findet das Fest erst am oder um den 7. Januar statt. (Das hängt auch mit den Schaltjahren zusammen.)

Es hinkt dem seit 1582 in Westeuropa und anderen Staaten der Welt gebräuchlichen gregorianischen Kalender um 13 Tage hinterher. Bei uns in Armenien findet Weihnachten allerdings immer am 6. Januar statt, dem im Osten und Westen kalendarisch festgelegten Epiphaniafest. Bei uns ist es nicht das „Fest der Erscheinung des Herrn“, sondern die Geburt Jesu, weil wir uns weder nach dem Julianischen noch nach dem Gregorianischen Kalender richten. Für uns ist einzig und allein die Armenische apostolische Kirche maßgebend. Mit meinem Mann habe ich daher immer im Dezember und im Januar Weihnachten gefeiert.

Was schätzen Sie an Weihnachten besonders?

Kelm: Alles ist festlich geschmückt. Die Menschen haben gute Laune und verbringen die Tage in gemütlicher Atmosphäre.

Wie verbringen Sie in diesem Jahr die Weihnachtstage?

Kelm: Ich schaue mir im Fernsehen die Weihnachtsmesse an und bin bei deutschen Freunden zur „Feuerzangenbowle“ eingeladen. Im Januar lade ich dann meine Freunde zu mir ein und feiere über eine Skypekonferenz auch mit meiner Familie in Armenien, Russland und anderen Ländern. Im Unterschied zu den Deutschen, die doch an Festen eher ernst sind, gehören bei uns zu einem guten Essen auch das Tanzen und Singen dazu. Das neue Jahr muss mit guter Laune begonnen werden, damit es ein gutes Jahr wird.

Was wünschen Sie sich für diese Tage und darüber hinaus?

Kelm: Mein Wunsch wäre, dass nicht nur an Weihnachten Frieden und Wohlwollen einkehren. Weihnachten kennt keine Grenzen. Das Fest verbindet Kulturen, Geschlechter, Kinder und Erwachsene, ob arm oder reich.