Stolberg: „Zivi” ade: Stolberg wartet auf Freiwillige

Stolberg: „Zivi” ade: Stolberg wartet auf Freiwillige

Es ist schon eine bizarre Situation, wenn sich ein Arbeitgeber darüber freut, dass seine Angestellten keinen Studienplatz bekommen. Deshalb weiß Walter Rühl auch nicht so recht, wie er es eigentlich formulieren soll.

„Erfreulicherweise - oder unerfreulicherweise - haben einige unserer Zivis derzeit keinen Ausbildungs- oder Studienplatz gefunden und ihren Dienst bei uns für ein halbes Jahr verlängert”, sagt der Beauftragte für Zivildienst, Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) und Bundesfreiwilligendienst (BFD) beim Deutschen Roten Kreuz (DRK). Fakt ist: Wenn der Zivildienst zum 1. Juli offiziell wegfällt, beginnt für einige Betriebe das große Warten - auf „Zivi”-Nachfolger, die freiwillig an ihre Stelle treten.

Allzu viel Zuversicht kann Rühl in diesem Punkt nicht aufbringen und hat deshalb schon mal nachgerechnet: Sollte das DRK auf der Ebene des Kreisverbandes seinen Bedarf an Zivildienstleistenden nicht mit Arbeitskräften aus dem FSJ und dem neuen BFD decken können, „müssten wir auf andere Dienste zurückgreifen und 50000 bis 70000 Euro in die Hand nehmen.” Etwa 30 „Zivis” beschäftigt das DRK in Stolberg, viele von ihnen beim Behindertenfahrdienst für die Regenbogen-Schule.

Deren Leiterin Gundula Brüggenwirth blickt weniger angespannt in die Zukunft. Zwei ihrer drei „Zivis”, deren Dienstzeit sich gerade dem Ende zuneigt, haben ihren Einsatz an der Schule mit dem Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung verlängert. Doch aufgeschoben ist bekanntlich nicht aufgehoben - und dann? „Wir hoffen auf Jahrespraktikanten und setzen auf die FSJ-Schiene”, sagt Brüggenwirth. Besagtes Jahrespraktikum wird vom Schulamt der Städteregion finanziert und mit monatlich 300 Euro je Praktikant vergütet. Zudem gibt es ein Abkommen mit der Bistumszentrale für Freiwillige Soziale Dienste, die drei „Schnuppertage” in der Regenbogen-Schule ermöglicht.

Für den letzten „Zivi” im Heim des Guten Samaritan liegt die Entlassungsurkunde bereits in der Schreibtischschublade. „In Seniorenzenten sind Zivildienstleistende eine wertvolle Ergänzung. Wir möchten ja bewusst mit mehreren Generationen unter einem Dach leben, und im Betreuungsbereich entstehen besondere Bindungen”, sagt Heimleiter Dirk Renerken. Er hat bislang kaum Bewerbungen von FSJ-Absolventen vorliegen, bleibt aber gelassen. „Eine echte Sorge ist es nicht, aber ein großer Wunsch.” Er hegt die Hoffnung, „dass wir mit Freiwilligen unser großes Fachkräfteproblem in den Griff bekommen.”

Auch im Bethlehem-Krankenhaus sitzen die „Zivis” quasi auf gepackten Koffern; die letzten vier ihrer Art verlassen das Haus am Montasende. Doch Planlosigkeit herrscht deshalb an der Steinfeldstraße noch lange nicht. „Wir haben unseren Stellenplan immer so ausgerichtet, dass wir auf unsere Zivildienstleistenden nicht angewiesen sind”, erklärt Helmut Drummen. Das gilt jedoch bei Weitem nicht für jeden Betrieb, weiß der „Bethlehem”-Personalleiter. „Auf die Gesamtheit bezogen, wird das ein ernsthaftes Problem und große Lücken reißen”, sagt Drummen.

„Das ist schon eine Zeit des Umbruchs”, räumt auch Brüggenwirth ein. „Vielleicht bekommen wir zwei oder drei Stellen erst mal nicht besetzt.” Und: Zu den FSJ-Absolventen zählen mehrheitlich junge Frauen - ihren Anteil schätzt Brüggenwirth auf 70 Prozent. „Die Pflege älterer Schüler müssen aber Männer übernehmen, und Jungs orientieren sich beim Rollenerwerb natürlich an Männern”, gibt die Schulleiterin zu bedenken.

Ob Einsatz in der Förderschule oder Behindertenfahrdienst, Krankentransport oder ambulante Pflege, Rettungsdienst oder stationäre Betreuung: „Der âZiviÔ ist das preisgünstigste Wesen”, weiß DRK-Mann Rühl, der zumindest noch bis zum Jahresende auf die ausrangierte Spezies zurückgreifen kann. „Was danach kommt, wissen wir nicht”, sagt Rühl. Nur so viel: „Wir werden als Kreisverband massiv betroffen sein.” Anfragen für ein Freiwilliges Soziales Jahr sind da, vom Bundesfreiwilligendienst hat Rühl indes noch keine einzige Bewerbung vorliegen. „Ich weiß nicht, was für Leute uns demnächst ins Haus kommen.” Unerfreulicherweise - oder erfreulicherweise.

Weitere Infos unter:

http://www.fsj-aachen.de

http://bundes-freiwilligendienst.de