Stolberg: Zinkhütter Hof: Umbau fördert Überraschungen zu Tage

Stolberg : Zinkhütter Hof: Umbau fördert Überraschungen zu Tage

Sebastian Wenzler ist ein Mann, der staunen kann. Und das muss er auch. Immer wieder stößt der Leiter des Zinkhütter Hofs auf neue Erkenntnisse, die ihn seine bisherigen Annahmen verwerfen lassen. Gerade die letzten Monaten, in denen der Gebäudekomplex neben dem bisherigen Industriemuseum restauriert und umgebaut worden ist, brachten einige Überraschungen zu Tage.

An den erstaunlichen Lösungen so mancher Rätsel lässt Wenzler die Teilnehmer unserer Sommer-Lesertour teilhaben und führt sie exklusiv in das kurz vor der Fertigstellung stehende „Forum Zinkhütter Hof”. Und bringt dabei auch unsere Leser zum Staunen.

„Tempel der Arbeit”

Zunächst einmal nimmt Wenzler die Teilnehmer mit auf eine Reise ins 19. Jahrhundert. In die Zeit, in der der Zinkhütter Hof noch eine Glashütte war. Dort, wo heute der Herstellungssprozess der Aachener Nadeln veranschaulicht wird, stand vor langer Zeit ein riesiger Glasofen. Die Höhe des Raumes und die gewaltigen Backsteinmauern lassen seine Dimension erahnen.

Mit einem Blick nach oben wirkt die Architektur besonders eindrucksvoll, beinah sakral mutet sie an. Wenzler spricht auch von einem „Tempel der Arbeit”. „Lange Zeit dachten wir, dass dieses Gebäude seit 1835 hier steht. Neueste Erkenntnisse lassen uns nun davon ausgehen, dass es schon um 1800 erbaut worden ist”, sagt der Museumsleiter.

Durch die Baumaßnahme nebenan kamen die nötigen Informationen ans Licht. Die Jahresringe von verarbeitetem Holz wurden verglichen und machte die neue Datierung möglich. So wurde auch klar, dass die Villa auf dem Gelände, dass heute die Museumsverwaltung beherbergt, nicht zeitgleich, sondern erst Ende des 1900 Jahrhundert gebaut wurde.

Von der früheren Glas-, späteren Zinkhütte und dem heutigem Museum aus führt Wenzler die Besucher über den Hof zur wohl spannendsten Baustelle Stolbergs, ins neue „Forum Zinkhütter Hof”. In den ehemaligen Arbeiterhäusern wurde in den letzten Monaten mit Euregionale-Mitteln ordentlich geschuftet, um ab Herbst mit vielfältigen, museumspädagogischen Angeboten aufwarten zu können.

Vor einer hohen, dunklen Backsteinmauer macht Wenzel Halt und zeigt, welche weitere Überraschung der Umbau zu Tage förderte. Er selbst hatte schon lange Zweifel, dass das Gebäude seit jeher als Arbeiterunterkunft - wie seit 1905 fast 100 Jahre lang für die Stolberger Zink - diente. Die unverhältnismäßig großen Eingangstüren hatten ihn stutzig gemacht.

Jetzt endlich hat er den Beweis. Die Anordnung der Steine an der Wand ließe erkennen, dass jedes der sieben Häuser mit zwei Kaminen versehen war. Und Heizungen waren für Arbeiterwohnungen unüblich. Vermutlich dienten sie eher zum Trocknen, zum Trocknen von tönernen Tiegeln. „Wir können mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sagen, dass hier zu Zeiten der Glasherstellung eine Pottery, eine Art Töpferei untergebracht war”, erklärt Wenzler.

Die Freude über die Bestätigung seiner Zweifel hält er dabei genauso wenig zurück, wie sein Erstaunen darüber. In der Töpferei wurden wohl die Tiegel, die bei der Glasschmelze nebenan benötigt wurden, hergestellt. Naheliegend ist die Annahme einer benachbarten Tiegelproduktion deswegen, weil pro Jahr rund 180 solcher Tiegel verschlissen wurden und ihre Fertigstellung ein halbes Jahr in Anspruch nimmt.

Noch ist die ehemalige Pottery eine Baustelle. Aber trotz Baugerüsten, Schuttresten und Farbtöpfen schafft es Wenzel mühelos, eine Vorstellung davon enstehen zu lassen, wie in drei Werkstätten schon bald Geschichte - und Zukunft - vor allem jungen Besuchern erlebbar gemacht wird.

In der Geschichtswerkstatt erfahren sie unter dem Leitgedanken des interaktiven Lernens etwas über die industrielle Entwicklung der Region. Die Zukunftswerkstatt bietet einen Erlebnisparcour zur individuellen Lebens- und Berufsplanung. Ordentlich krachen und zischen lassen können es bis zu zwei Schulklassen in der neuen Museumswerkstatt.

Pariser Archive

Und wenn dann nach der Fertigstellung im Herbst noch Euregionale-Mittel übrig sind, würde Wenzler gern die Pariser Archive durchstöbern, um noch mehr über die Vergangenheit des Zinkhütter Hofes zu erfahren. Denn des Rätsels Lösung, warum nur so wenig sichere Erkenntnisse über die letzten 200 Jahre vorliegen, lautet: „Die Franzosen waren hier und haben vermutlich fast alle Dokumente mitgenommen - auch das wissen wir jetzt”, sagt Wenzler. Die Überraschungen, die dann womöglich noch zu Tage treten, werden Wenzler bestimmt ins Staunen versetzen. Und mit Sicherheit nicht nur ihn.

Die Teilnehmer für unsere zweite Lesertour durch das Burg-Center, am Mittwoch, 15. Juli, um 17 Uhr,werden von uns noch ausgelost und telefonisch benachrichtigt. Für die Lesertouren „Dem Imker über die Schulter schauen” am Dienstag, 4. August, und „Alte Holztechniken erleben” im Sägewerk am Dienstag, 11. August, sind noch einige Plätze frei. Interessenten können sich in der Redaktion unter 02402/12600-49 oder per E-mail an lokales-stolberg@zeitungsverlag-aachen.de melden.