Stolberg: Zink bleibt WVER weiter auf den Fersen

Stolberg: Zink bleibt WVER weiter auf den Fersen

Man sagt ihnen nach, ausgesprochen durstig zu sein: Douglasien sind eine der Wunderwaffen der Städteregion im Kampf gegen Sickerwässer der Kali-Halde. Ihrem Ruf scheinen die eigentlich aus Amerika stammenden Nadelbäume in Atsch gerecht zu werden.

Dabei erleidet ihre Karriere als Helfershelfer der Umweltbehörden gleich zu Beginn einen schweren Rückschlag. Die zierlichen Setzlinge sind kaum 30 Zentimeter hoch, als die Städteregion vor fünf Jahren 30.000 Stämmchen auf dem Haldenkörper setzen lässt. 40 Prozent der über die Wurzeln aufgenommenen Feuchtigkeit sollen über die Nadeln wieder verdampfen.

36 000 Douglasien wurden auf der Kali-Halde gesetzt. Die kleinen Setzlinge sind mittlerweile bis zu einem Meter hoch. Foto: J. Lange

Doch die Bäumchen können im April 2011 ihrem Job nicht nachkommen. Aus der erhofften Säufer-Karriere wird nichts. Das Frühjahr ist zu trocken. Selbst eine Rettungsaktion am Karfreitag, als das Technische Hilfswerk die Setzlinge mit 40 Kubikmeter Wasser retten will, hat nur teilweise Erfolg. Ein Drittel der jungen Pflanzen geht ein. 15.000 Douglasien werden nachgesetzt. Heute gibt das Umweltamt der Städteregion ihre Zahl mit rund 36.000 an.

In diesen drei Spezialcontainern wurde das Sickerwasser zwischengelagert und 190 Kubikmeter zur Müllverbrennungsanlage transportiert.

Die sind mittlerweile je nach Standort bis zu einem Meter hoch gewachsen, und beweisen offensichtlich die erhoffte Trinkfreudigkeit. Gehen die RWTH-Ingenieure, die das Projekt betreuen, anfangs noch davon aus, die jährlichen Sickerwassermengen von 23.000 auf 10.300 Kubikmeter reduzieren zu können, berichtet Umweltdezernent Uwe Zink dem heute an der Zollernstraße tagenden Ausschuss für Umwelt- und Klimaschutz, dass die derzeit angenommenen 9000 Kubikmeter Sickerwässer um weitere 40 Prozent auf 5400 Kubikmeter gesenkt werden können.

„Diese Tendenz“, so Zink, ist den ersten Erkenntnissen des jüngsten Versuches an der letzten großen Altlast in der Städteregion zu entnehmen. In diesem April karrte in Abstimmung mit dem Düsseldorfer Umweltministerium ein Spezialunternehmen drei große Tankcontainer auf die Haldenrandstraße. Übungsziel ist es, zu berechnen, wie viel Sickerwasser tatsächlich ankommt über die Drainagen in dem mittlerweile unterirdischen Haldengraben.

Der wurde zuvor ab 2009 angelegt. Gleichzeitig wurden Böschungen der 2,6 Millionen Kubikmeter umfassenden Halde auf 7,5 Hektar Grundfläche begradigt, mit Erde abgedeckt und begrünt.

Um nun zu erfahren, wie viel Sickerwasser anfällt, wird in festgelegten Intervallen abgepumpt, in den drei Tankcontainern zwischengelagert und die Wasserstände registriert. Um zu genauen Daten zu kommen, müssen die beauftragten Ingenieure nun ihre Daten noch mit den Niederschlagsmengen und Durchlässigkeitswerten des Haldenkörpers in Relation bringen. Ende diesen Monats sollen die genauen Ergebnisse vorliegen. Tendenz siehe oben.

Doch die Gelegenheit der Erfassung der Mengen an Sickerwässern nutzt die Städteregion auch, um der Antwort auf die Frage nach dem wohin mit den Sickerwässern ein Stückchen näher zu kommen. Denn was ursprünglich im Oktober 2006 noch der damalige Kreis Aachen, die Solvay Deutschland GmbH als Rechtsnachfolgerin des früheren Haldenbetreibers Kali AG sowie der Altlastensanierungs- und -aufbereitungsverband (AAV) mit Unterstützung des Landes geplant hatten, ist aus finanziellen Gründen gescheitert. Spätestens im vergangenen Jahr besteht Gewissheit, dass das Modellprojekt zur Behandlung der Sickerwässer nicht annährend wirtschaftlich zu betreiben wäre.

Die Zugabe erforderlicher Katalysatoren, um die Schadstoffe ausflocken zu können, würde den Kostenrahmen mehr als sprengen. Angelehnt an eine Methode aus der Erdölindustrie sollte das niederländische Unternehmen Paques in Zusammenarbeit mit dem Bayer-Konzern und in Partnerschaft mit einem Aachener Ingenieurbüro sowie der RWTH eine Pilotanlage entwickeln. Aber bereits die technisch Erfolg versprechenden Versuche im Laborstadium ergaben letztlich, dass bei einer Anlage in der Praxis die Betriebskosten explodieren würden.

Und somit wäre die Aufgabe der Entschärfung der Altlast nur in einem Ansatz gelöst. Von den anfänglich vier überlegten Varianten verfolgt die Städteregion derzeit zwei: das Verdüsen der Sickerwässer in der Müllverbrennungsanlage Weisweiler sowie die Mitbehandlung in der Kläranlage Steinfurt.

Letztere wird vom Wasserverband Eifel-Rur betrieben. Doch der WVER wehrt sich mit allen Händen und Füßen vor dem Sickerwasser wie eine Katze vor Wasser. Dabei sind die Jungs und Mädels vom WVER alles andere als wasserscheu; sie lieben eher ihre Aufgabe, dreckiges Wasser sauber zu machen. Damit sie aber ihren Job auch weiterhin erledigen können, meiden sie das Sickerwasser wie der Teufel das Weihwasser.

Das „Weihwasser“ der Kali-Halde hat es jedenfalls in sich. Verkippt wurden überwiegend anorganische Rückstände aus der Produktion von Schwefelsäure, Sulfat, Soda, Salzsäure, Ätznatron, Chlorkalk, Super- und Rhenaniaphosphat sowie diverse andere Produkte. In der Hauptsache waren dies die wasserlöslichen und teilweise schwefelhaltigen Calciumsalze sowie Aschen, Schlacken und Bauschutt. Vor allem die Salze werden durch Niederschlagswasser gelöst. Die Sickerwässer gelangen von dort durch den Boden in den Saubach und somit in die Inde. Zusätzlich wird aufgrund von chemischen Reaktionen mit der Luft Schwefelwasserstoffgas frei: Es stinkt!

Vor Jahren hat der WVER die Mitbehandlung des Sickerwassers „tröpfchenweise“ in der Kläranlage getestet: 1m3 pro Tag bei 20.000 m3 Gesamtzulauf. Nur mit Not konnte damals ein Umkippen der Aufbereitung verhindern werden. Seitdem fordert der WVER einen halbtechnischen Versuch durch die RWTH. Uwe Zink dazu: „Das würde eine deutlich zeitaufwendigere und kostenintensivere Herangehensweise bedeuten.“

Weniger widerspenstig ist dagegen die MVA. Ganz zahm haben die Weisweiler bei dem Versuch mitgespielt, das Sickerwasser gemeinsam mit dem üblichen Müll zu vergasen. Dazu wurden in den Spezialcontainern 190 Kubikmeter angekarrt. Verteilt auf drei Tage wurde das Sickerwasser in die Verbrennungslinien eingedüst. „Unter Berücksichtigung der zwei vorhergehenden Eindüsversuche hat die MVA den Prozess soweit modifiziert, dass der Vorgang ohne Probleme erfolgen konnte“, resümiert Zink. Nun arbeitet die MVA an einem Konzept zur dauerhaften Eindüsung und einer Kalkulation der Kosten dafür.

Die der Halde nähere Steinfurt hat der Umweltdezernent deswegen aber noch nicht aus den Augen verloren: „Das endgültige Vorgehen wird derzeit unter Beteiligung des Umweltministeriums zwischen dem AAV und dem WVER abgestimmt“. Als nächsten Schritt plane Düsseldorf eine Einigung mit dem Wasserverband zu erwirken, um einen großtechnischen Pilotversuch vor Ort an der Kläranlage Steinfurt beginnen zu können. Unter wissenschaftlicher Begleitung soll er dann ein halbes Jahr dauern.

Es geht somit weiterhin um die Kosten der Sanierung. Vor acht Jahren hatten sich die Beteiligten auf eine Summe von zehn Millionen Euro geeinigt; die Hälfte trägt die öffentliche Hand.

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