Interview der Woche: Zemhret Fischer ist aus Eritrea bis nach Stolberg geflüchtet

Interview der Woche : Zemhret Fischer ist aus Eritrea bis nach Stolberg geflüchtet

Eritrea ist nach Nigeria das Land, aus dem die meisten afrikanischen Flüchtlinge nach Deutschland kommen. Einer von ihnen ist Zemhret Fissha, der seit Januar 2018 in Stolberg angekommen ist. Mit ihm sprach unsere Mitarbeiterin Marie-Luise Otten über seine Heimat und das Leben in Deutschland.

Eritrea ist ein kleines Land, etwa so groß wie ein Drittel von Deutschland, im Nordosten von Afrika an der Küste des Roten Meeres, das an Äthiopien, den Sudan und Dschibuti grenzt. Seit der Einführung des zeitlich unbefristeten Nationaldienstes hat sich die Situation der Menschen extrem verschlechtert.

Das Land befindet sich in einer wirtschaftlichen Abwärtsspirale, sodass jedes Jahr viele tausende Einwohner fliehen. Die meisten von ihnen in den Sudan und nach Äthiopien, viele andere auf die arabische Halbinsel, und nur die wenigsten Geflüchteten erreichen Europa und hier Deutschland. Zemrhet Fischer hat es geschafft. Davon erzählt er Marie-Luise Otten im Interview.

Wie alt waren Sie, als Sie Ihre Heimat verlassen haben?

Fissha: Da war ich schon 21 Jahre alt.

Was haben Sie in Eritrea vor Ihrer Flucht gemacht?

Fissha:  Nach dem Abitur war ich ein Jahr beim Militär und habe ein Jahr Allgemeine Naturwissenschaft studiert, jedoch ohne Abschluss.

Was war der Grund für Ihre Flucht?

Fissha: Jeder der kann, verlässt Eritrea, und das obwohl es gegenwärtig keinen Krieg gibt. Eritrea und Äthiopien führten von 1998 bis 2000 einen verheerenden Grenzkrieg gegeneinander, dem bis zu 100.000 Menschen zum Opfer fielen. Äthiopien weigert sich, ein nach internationalem Recht Eritrea zustehendes Grenzgebiet abzutreten, und die eritreische Regierung reagierte darauf mit der Militarisierung der gesamten Gesellschaft. Mit 18 beginnt die militärische Ausbildung, indem gleichzeitig das 12. Schuljahr absolviert wird. Nach der Ausbildung arbeiten alle fast kostenlos für den Staat und haben keine Chance, mit ihrem Sold eine Familie zu ernähren. Das ist auch der Grund, warum die Menschen, darunter auch die Kinder, arbeiten müssen, damit sie über die Runden kommen. Ich wollte einfach nur weg. Damals habe ich noch nicht an Deutschland gedacht. Die Entscheidung ist erst nach längerem Aufenthalt im Sudan gefallen.

Was ist mit Ihrer Familie? Lebt sie auch im Ausland? Haben Sie Kontakt zu ihnen?

Fissha: Mein zwei Jahre älterer Bruder lebt im Sudan, meine älteste Schwester (29 Jahre) und alle anderen der Familie sind in Eritrea. Einmal im Monat telefoniere ich mit ihnen.

Welche Routen haben Sie genommen, um an Ihr Ziel zu kommen?

Fissha: Zunächst zu Fuß in den Sudan, wo ich elf Monate bei Verwandten geblieben bin. Hier habe ich zwei junge Leute kennengelernt, die mit mir nach Hamburg wollten. Vom Sudan sind wir dann vier Tage mit einem LKW, auf dem 80 Menschen hockten, und fünf weiteren Tage mit einem kleinen Auto durch die Wüste bis nach Libyen gefahren, wo ich mich von meinen beiden Freunden trennen musste. In Libyen blieb ich sieben Monate und saß unter anderem mit 1500 Flüchtlingen aus Äthiopien, Eritrea, Somalia und Sudan im Gefängnis. Mit einem kleinen Boot ging es über das Mittelmeer (20 Stunden im Wasser) nach Italien, wo ich dann registriert wurde und meinen Fingerabdruck hinterließ. Übernachtet habe ich beim Roten Kreuz oder auf Bahnhöfen. Nach zwei Wochen setzte ich meine Reise mit dem Zug nach Paris fort, dann von dort weiter über Belgien nach Aachen, wo ich von der Polizei aufgegriffen wurde, die mich nach Dortmund in die Flüchtlingsunterkunft brachte. In der Erstaufnahmeeinrichtung in Unna lebte ich einen Monat, im Flüchtlingscamp in Hamm weitere vier. Von Hamm kam ich gleich nach Stolberg, wo ich weitere vier Monate in einem Wohnheim an der Bergstaße blieb.

Und dann?

Fissha: Ich besuchte einen Monat vor und nach den Sommerferien das Berufskolleg, um die deutsche Sprache zu erlernen. Eines Tages erhielt ich einen Brief mit der Aufforderung, nach Italien zurückzukehren. Von einem Freund hatte ich mittlerweile von Pastor Charles gehört. Der Mann der evangelischen Kirchengemeinde Aldenhoven gewährt Menschen aus Eritrea Kirchenasyl. Bei ihm lebte ich dann weitere drei Monate. „Charlie“, wie wir ihn nennen, schaffte es mit einem Aachener Rechtsanwalt beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BamF) für mich ein Bleiberecht zu erwirken. Jetzt lebe ich mit einem weiteren Eritreer in einer Wohngemeinschaft im Steinweg, arbeite als Koch in einem Schnellrestaurant und lerne an der Sprach-Akademie in Aachen weiter Deutsch.

Haben Sie von Ihren Freunden noch mal etwas gehört? Wo sind sie geblieben?

Fissha: Ja, der eine lebt in der Nähe von Frankfurt/Main und der andere in Köln.

Wie viel Gepäck hatten Sie dabei?

Fissha: Nur einen kleinen Rucksack.

Wie war das am Anfang für Sie in Deutschland? Wie wurden Sie aufgenommen?

Fissha: Die Leute waren sehr freundlich und hilfsbereit, und ich habe durchweg gute Erfahrungen gemacht.

Wie war es mit der Sprache, wie haben Sie sich verständigt?

Fissha: Am Anfang mit Händen und Füßen und etwas Englisch.

Wie viele Sprachen sprechen Sie jetzt?

Fissha: Neben Tigrigna (in Eritrea gesprochen), Englisch und Deutsch verstehe ich Arabisch und Amharisch (äthiosemitische Sprache im nördlichen Zentraläthiopien).

Was unterscheidet das Leben in Deutschland von dem in Eritrea?

Fissha: Die Menschen hier haben Zukunft und eine Perspektive. Man kann alles werden, wenn man fleißig ist. Die Bürokratie stört mich nicht, im Gegenteil, die Papiere helfen mir, die Deutschen und ihre Sprache zu verstehen.

Wurden Ihre Erwartungen erfüllt? Inwiefern?

Fissha: Ja, in jedem Fall. Ich fühle mich sicher und lerne den ganzen Tag, wenn ich nicht arbeiten muss.

Wie lange können Sie in Deutschland bleiben?

Fissha: Mein Aufenthaltsstatus beträgt drei Jahre.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Fissha: Mein Wunsch ist es, Fachinformatiker zu werden. Und die deutsche Sprache ist die Schlüsselqualifikation für den Arbeitsmarkt. Um beruflich weiter zu kommen, muss ich den Sprachtest auf dem Niveau B2 bestehen. Die Prüfung fand schon statt, und ich warte jeden Tag auf das Ergebnis. Bezüglich meines Traumberufs habe ich in Kürze ein Beratungsgespräch.

Wie haben Sie Ihre „Patin“ kennengelernt?

Fissha: Ich habe Frau Drobig über das „Café Willkommen“ kennengelernt. Wir waren uns gleich sympathisch, und ich freue mich jedes Mal, wenn wir uns treffen.

Eine Frage an die „Patin“. Wie wurden Sie auf Zemhret aufmerksam?

Drobig: Als Ehrenamtlerin habe ich ursprünglich mit den Flüchtlingsfrauen Handarbeiten wie zum Beispiel Stricken oder Weben durchgeführt, aber leider gab es nach einiger Zeit kein Interesse mehr dafür. Da hat mir der Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) angeboten, die Patenschaft von Zemhret zu übernehmen. Wir treffen uns jetzt zweimal pro Monat zu Gesprächen, damit er eine weitere Gelegenheit hat, seine Deutschkenntnisse zu vertiefen. Wie wichtig das Sprechen ist, brauche ich ja nicht zu betonen.

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