Beschimpfungen gehören zum Alltag: Zahl der Gewalttaten an Krankenhäusern steigt auch in Stolberg

Beschimpfungen gehören zum Alltag : Zahl der Gewalttaten an Krankenhäusern steigt auch in Stolberg

Beschimpfungen, Drohungen, zerstörte Möbel und Gewalt: An den Krankenhäusern in Nordrhein-Westfalen wurden im vergangenen Jahr mehr als 10000 Straftaten erfasst — Tendenz steigend. Das waren ein Prozent oder 100 Taten mehr als im Vorjahr, wie eine Auswertung des Landeskriminalamtes NRW ergab.

Betroffen sind jedoch nicht nur die Mitarbeiter in großen Universitätskliniken. Auch am Bethlehem-Gesundheitszentrum hat man festgestellt, dass Aggressivität und Gewaltbereitschaft steigen. „Es ist für jeden einzelnen Mitarbeiter gefährlicher geworden“, sagt Arnulf Cosler, pflegerischer Leiter der Zentralambulanz des Krankenhauses.

Genaue Zahlen kann Cosler nicht nennen. Trotzdem sei eigentlich klar, dass Pöbeleien und Übergriffe keine Ausnahmen sind. Beschimpfungen seien die Mitarbeiter fast täglich ausgesetzt. Und auch „unschöne Situationen“ erlebe man regelmäßig, sagt Arnulf Cosler und meint damit tätliche Attacken, die „immer wieder“ vorkämen. Und damit nicht genug. Erst in der vergangenen Woche demolierte eine Patientin einen Desinfektionsspender. Auch Tritte gegen Möbel würden immer mal wieder passieren, seien allerdings nicht an der Tagesordnung.

Angehörige als Problem

Welche Gründe dieses Verhalten haben könnte? Eigentlich habe es dieses Problem schon immer gegeben. Die Häufigkeit der Fälle nehme allerdings zu. Denn: „Der Anspruch der Menschen hat sich deutlich geändert, wenn es darum geht, wie schnell sie behandelt werden sollen“, meint Cosler. Das beziehe sich nicht nur auf Patienten, die alkoholisiert seien oder eine psychische Erkrankung haben. Oft seien nämlich nicht die Patienten, sondern vielmehr die Angehörigen das Problem.

Ein Sicherheitskonzept soll dafür sorgen, dass es in der Zentralambulanz des Bethlehems nicht zu „unschönen Situationen“ kommt. Foto: Sonja Essers

Immer wieder komme es vor, dass sie mit ihrem Verhalten eine Behandlung behindern oder sogar verhindern. In den meisten Fällen werden die Aggressionen durch Wartezeiten hervorgerufen. Je länger man warten müsse, umso mehr kämen einige Angehörige in Rage. „Die Leute sind der Meinung, dass ihr Angehöriger das Wichtigste ist“, sagt Cosler. Dass es in einer Zentralambulanz allerdings auch zu Wartezeiten kommen könne, dafür hätten nicht alle Verständnis.

Immer wieder sei er vom Verhalten der Menschen „erschüttert“, sagt Cosler. Um gefährlichen Situationen vorzubeugen und die Mitarbeiter davor zu schützen, habe man ein Sicherheitskonzept erarbeitet, das klare Strukturen beinhalte und vor allem nachts von großer Bedeutung sei.

Einlasskontrollen

Bereits an der Pforte beginne dann eine Selektion. Bedeutet: „Jeder, der das Haus nach 21 Uhr betritt, wird telefonisch angemeldet, damit wir wissen, welche Personen sich im Haus befinden“, sagt Arnulf Cosler. Der Zugang der Zentralambulanz sei zudem verschlossen, so dass an dieser Stelle eine weitere Einlasskontrolle stattfinde. Weiter gehe es dann im Behandlungsraum selbst. In diesem soll sich — neben dem Patienten — nämlich nur eine Begleitperson aufhalten.

Der Rest werde gebeten, im Wartezimmer Platz zu nehmen. Auf diese Weise könne man das Tagesgeschäft besser kanalisieren, sagt Cosler. Vor allem in der Nacht, in der grundsätzlich weniger Personal als tagsüber im Dienst sei, habe sich diese Vorgehensweise bewährt.

Und wenn es nun doch zu einer Auseinandersetzung kommt? Grundsätzlich seien die Mitarbeiter so geschult, dass sie deeskalierend reagieren. Dabei spiele das Thema Kommunikation eine wichtige Rolle. Dazu gehöre auch, dass eine Behandlung abgelehnt werden muss, wenn die Mitarbeiter der Zentralambulanz nicht an den Patienten rankommen.

„Die letzte Konsequenz ist, dass die Polizei dazugerufen wird“, sagt Cosler. Mit ihr gebe es eine enge Zusammenarbeit. Durch das Sicherheitskonzept, das ebenfalls definierte Rückzugsorte für die Mitarbeiter vorsehe, habe man die Vorfälle allerdings auf ein Minimum reduzieren können. „So funktioniert es besser“, sagt Cosler.

Doch nicht nur im Bethlehem-Gesundheitszentrum spielt das Thema eine wichtige Rolle. Auch im Rathaus treffe man entsprechende Vorkehrungen. Das betrifft jedoch nur die sogenannten publikumsintensiven Abteilungen der Verwaltung.

Dazu zählen in erster Linie Jugendamt und auch Sozialamt. Dort könne man das Thema nie ganz ausschließen, erklärt Stolbergs Erster Beigeordneter Robert Voigtsberger. Das liege vor allem an den Sachverhalten, die dort bearbeitet werden, so Voigtsberger weiter und nennt das Thema Kindeswohlgefährdung als eines von zahlreichen Beispielen. „Das sind höchst emotionale Angelegenheiten für beide Seiten“, sagt der Erste Beigeordnete.

So gebe es beispielsweise individuelle psychosoziale Gefährdungsbeurteilungen, die sich damit auseinandersetzen, welche Konfliktpotenziale es im Zuge der einzelnen Arbeitsplätze geben kann. Seit 1996 wird zudem für die Mitarbeiter, in deren Abteilungen eine Gefährdung vorliegt, ein spezielles Deeskalationstraining angeboten. Normalerweise werde dies dann alle zwei bis drei Jahre wiederholt, es kann aber auch bei Bedarf spontaner angeboten werden.

Dort lernen die Mitarbeiter, welche Gefahren es gibt und wie man entsprechend reagieren kann. Auch ein Notfallinformationssystem gibt es.

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