Stolberg: Warum Irmgard Cárdenas den Menschen etwas zurückgeben will

Stolberg: Warum Irmgard Cárdenas den Menschen etwas zurückgeben will

Am 4. Januar werden wieder einige Flüchtlinge Stolberg erreichen. Untergebracht werden sie in der Donnerbergkaserne. Und jeder von ihnen hat ein individuelles Schicksal. Dass der Weg in ein fremdes Land zwar oft der einzige aber kein leichter ist, weiß die heute 77-jährige Irmgard Cárdenas.

Sie kam vor fast 60 Jahren von Zabrze, dem früheren Hindenburg in Oberschlesien, einer Großstadt im südlichen Polen, nach Stolberg. Nach entbehrungsreichen Jahren hat sie hier ihre Heimat gefunden und engagiert sich heute als Europäerin in sozialen Projekten, denn Menschlichkeit und Mut würden mehr denn je gebraucht.

Das Schicksal der heutigen Flüchtlinge vergleicht die Rentnerin, die gerne einmal Harpe Kerkeling kennenlernen würde, mit ihren Anfängen. Auch die Heimatvertriebenen, die aus dem Osten Deutschlands flohen oder umgesiedelt wurden, durchlebten in der Anfangszeit im Westen schwere Zeiten, denn die Leute waren nicht gerade begeistert von den „neuen“ Mitbürgern.

Die Einheimischen sahen die „Eindringlinge“ als Konkurrenten an, schon ihre Sprache, ihr anderer Dialekt, war ihnen fremd. Irmgard Cárdenas sieht da Parallelen zu der heutigen Flüchtlingssituation. „Alles wiederholt sich in der Geschichte“, sagt die Rentnerin, „und es dauert viele Jahrzehnte, bis man zum Zusammenleben bereit ist“.

Bei Irmgard Cárdenas war die Situation zwar etwas anders, aber mit Schwierigkeiten hatte auch sie zu kämpfen.

Im Frühjahr 1945 wurde ihr Vater von den Russen nach Sibirien gebracht und erst fünf Jahre später aus dem Arbeitslager entlassen. 1956 durfte die Familie ausreisen, weil der Vater mittlerweile in Stolberg lebte und dort Arbeit gefunden hatte. Sie waren keine Flüchtlinge, es war eine Familienzusammenführung.

Von Mai bis Oktober 1956 wohnte die Familie in einer Notunterkunft, dann zogen sie in die Foxiusstraße nach Münsterbusch. Zur Begrüßung erhielten sie lediglich 1200 Deutsche Mark. Es gab keine Tafel, kein Sozialkaufhaus, kein Möbellager und auch keine Kleiderkammer, aber sie wollten auf keinen Fall dem Staat auf der Tasche liegen.

Irmgard Cárdenas sei in Stolberg angekommen und fühle sich hier wohl. Gleichzeitig sei sie traurig, wenn sie höre, dass Heimatvertriebene oder auch Flüchtlinge auf Menschen treffen, die kein Mitgefühl zeigen.

Keiner verlasse seine Heimat freiwillig, es sei denn, es herrschen dort Krieg und unzumutbare Zustände. Deshalb unterstütze sie gerne die Menschen, die in Not geraten sind. Es sei ihre Art, den Menschen hier in Stolberg etwas zurückzugeben.

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