Besuch bei einem der letzten Meister: Von der Kreativität und Kunst des Kürschners

Besuch bei einem der letzten Meister : Von der Kreativität und Kunst des Kürschners

Es fühlt sich weich an unter den Fingerspitzen. So weich, dass man es kaum fassen kann, wenn man darüber streicht. Es sind ganz feine Härchen eines Fells, das aber nicht einem Tier etwa aus dem Streichelzoo gehört, sondern einem toten Tier.

Lauter Pelzmäntel hängen in der Boutique von Hans-Werner Creutz in Stolberg. In verschiedenen Schnitten, Farben und Mustern sind die Einzelstücke nacheinander aufgebügelt. Der Stolberger präsentiert hier seine eleganten Arbeiten, die er in seiner nebenliegenden Werkstatt einst hergestellt hat. Als Kürschnermeister übt er einen der ältesten Berufe aus, die es heute noch gibt, denn schon zu Urzeiten haben Menschen Pelz getragen.

In seinem Atelier ergibt sich ein ganz anderes Bild als im Verkaufsraum. Auf den ersten Blick wirkt der kleine Werkraum chaotisch. Schaut man aber genauer hin, hat alles seinen festen Platz: Die Felle lagern oben auf einem Regal einsortiert in beschrifteten Kisten. „Bisam“, „Waschbär“, „Persianer“, „Nerz hell“ oder „Nerz schwarz“ steht zum Beispiel darauf. Zwei riesige Tische stehen in der Mitte des Raums, der vielleicht doch größer ist, als er scheint. An den Wänden hängen Werkzeuge aller Art. Knöpfe, Ösen und Haken sind in kleinen Schubladen einsortiert.

Wenn der Kürschner mal wieder einen kreativen Einfall hat, setzt sich Hans-Werner Creutz aber zuallererst an seinen Schreibtisch auf der anderen Seite des Ateliers. Dort zeichnet er seine Design-Ideen zunächst einmal auf. „Das macht am meisten Spaß, wenn man seine Gedanken der nächsten Saison widmen kann und selbst kreativ wird“, sagt Creutz.

Inspiration holt er sich in Zeitschriften und auf Modeschauen. Dafür macht er auch schon mal einen Abstecher nach Mailand. Besonders an der Haute Coture orientiert er sich bei seinen Entwürfen: „Das ist die Richtlinie, aber man nimmt es in seinen eigenen Entwürfen nicht so extrem auf.“

In den meisten Fällen fertigt er aber speziell für Privatkunden an. Die individuellen Vorstellungen umzusetzen, sei eine der größten Herausforderungen, sagt Creutz. Als erstes muss er dann Maß nehmen. Mit den berechneten Werten fertigt er ein Schnittmuster, eine Art Schablone aus Papier, an. „Was jetzt noch zweidimensional ist, soll später einmal dreidimensional werden – das muss man immer im Hinterkopf behalten“, erklärt Creutz.

Am Anfang der Arbeiten liegt erst einmal ein Fell- oder Lederstück vor. Aus dem soll ein Kleiderstück gefertigt werden. Foto: Laura Laermann

Mit vielen Papierschablonen wie einem Ärmel, einem Kragen oder einer Mantelrückseite geht er dann ans Fell. Eigentlich ist es ähnlich wie im Stoffbereich, erklärt der Meister, allerdings habe man keine Nahtzugabe. Die einzelnen Fellteile werden direkt aneinander gefügt, der Übergang ist mithilfe eines Nahtglätters später nicht mehr zu sehen.

Aber es kommt dabei auch darauf an, die Fellteile mit Blick auf ihre Struktur und Farbe zusammenzufügen. „Die Kunst ist, ein schönes Bild zu schaffen mit einer fließenden Optik“, erklärt der Kürschnermeister. Ein besonderes Auge dafür brauche man etwa bei Persianerfellen, deren winzigen glänzenden Locken eine lebhafte Struktur formen. Oftmals bestehen Mäntel bei diesem Fell aus vielen kleinen Teilen, um einen guten Übergang zu schaffen. Besonders schöne Teile nutzt der Kürschner für den Kragen, nicht so schöne werden eher am Unterarm eingesetzt, wo sie später kaum zu sehen sind.

Jetzt ist der schicke Pelzmantel bereits fast fertig. Hans-Werner Creutz fertigt für seine Kundschaft auch besondere Modelle an. Foto: Laura Laermann

Aber nicht nur die Schönheit spielt eine Rolle, auch steckt echtes Handwerk in dem Beruf. Um die Fellteile zu glätten, werden sie zunächst angefeuchtet, gespannt und festgeklammert. Einzelne Stücke wie der Kragen müssen zudem verstärkt werden. Zum Schluss werden Taschen und Verschlüsse und von Hand die Futterseide eingenäht.

Kritik gehört auch zum Geschäft

Wenn man es richtig macht, werde der Großteil der Felle verwertet, sodass am Ende kaum Reste übrigbleiben, erklärt Creutz. Schließlich sind für die Felle Tiere gestorben. Das ist auch dem Kürschnermeister nach 35 Jahren in seinem Beruf bewusst. Daher sei es auch wichtig, beim Einkauf der Felle und Leder auf die Herkunft zu achten.

Tierschutz- und Menschenrechtsorganisationen kritisieren den Einsatz von Fellen und Leder im Kleidungsbereich, da sie häufig unter schlechten Bedingungen in Drittstaaten produziert werden. In vielen Ledergerbereien etwa in Indien oder Bangladesch kommen die Arbeiter mit giftigen Chemikalien in Kontakt und werden mit miserablen Löhnen bezahlt. Und für die Massenproduktion von Fellen werden Tiere teilweise in winzigen Käfigen herangezüchtet, um wenige Monate später zu sterben.

Creutz trifft auch immer wieder auf Kritiker, allerdings mit weniger Aggressivität, als es früher mal der Fall war. Gegen Diskussionen auf sachlicher Ebene hat er nichts. Er betont, dass er all seine Pelzmäntel mit gutem Gewissen verkaufen kann. Ein absolutes No-Go der heutigen Zeit seien Felle von Wildkatzen, die unter Artenschutz stehen.

Dennoch kommt ihm auch sowas ab und an in die Finger: Etwa wenn Kunden mit Erbstücken auftauchen. Nicht selten kommt es vor, dass er Mäntel umarbeitet, angepasst an die aktuelle Mode. „Pelze halten ewig, mehrere Jahrzehnte“, sagt Creutz.

„Werden sie irgendwann entsorgt, zersetzt sich das Material – im Gegensatz zu Mikrofasern.“ Die größten Vorteile von Fellen seien aber ihr Tragekomfort und ihre Wärme. „Am sinnvollsten wäre es, das Haar nach innen zu tragen, weil dabei ein Luftpolster entsteht, das wärmt.“

Dennoch gibt es mittlerweile viele leichtere Stoffe, die auch diese Bedingungen erfüllen. Pelzmäntel sieht man vor allem an jungen Menschen äußerst selten.

Bei der jungen Generation liege im Moment echtes Fell an der Kapuze von Daunenjacken in Trend, meint Creutz. Klar ist aber, dass die Branche ihre besten Tage hinter sich hat. Und dass Kürschnermeister Creutz einer der letzten seiner Art ist.

Mehr von Aachener Zeitung