Stolberg: Vier Wochen lang auf Grabstein-Check

Stolberg: Vier Wochen lang auf Grabstein-Check

Falsche Scheu wäre hier fehl am Platz. Kräftig drückt Willi Philippengracht mit dem Kipptester gegen den Grabstein bis ein lautes Signal ertönt. Test bestanden — der Grabstein sitzt fest im Fundament. 10.000 Steine muss der Mitarbeiter vom Technischen Betriebsamt der Stadt zusammen mit seinem Kollegen Jens Hamacher so auf ihre Standfestigkeit hin überprüfen.

Das ist die Vorschrift der Gartenbau-Berufsgenossenschaft. Je nach Größe müssen die Grabsteine ein Gegengewicht von bis zu 50 Kilogramm aushalten. Ist einer locker und hält der Prüfung nicht stand, machen Philippengracht und Hamacher die Angehörigen mit einem gelben Aufkleber darauf aufmerksam. Ab dann haben diese rund drei Monate Zeit, sich darum zu kümmern. „Für die Instandhaltung und anfallende Reparaturen sind die Angehörigen zuständig, genauso wie sie auch für eventuelle Unfallschäden haften“, sagt Philippengracht. Die Stadt habe nur die Pflicht, die Warnung auszusprechen.

Am Montag haben die beiden ihren rund vier Wochen dauernden Rundgang über die Stolberger Friedhöfe begonnen. Bislang mussten 30 gelbe Aufkleber verteilt werden. „Die Zahl der losen Grabsteine ist in den letzten Jahren stark zurückgegangen“, sagt Philippengracht. Waren es im Jahr 2008 noch etwa 1000 lose Grabsteine, mussten sie im letzten Jahr schon nur noch 250 Aufkleber verteilen. Wahrscheinlich sei die Technik der Steinmetze, wie sie den Stein im Boden verankern, besser geworden, vermutet er.

Früher von Hand gerüttelt

Am häufigsten wackeln die Grabsteine auf Erdreihengräbern. Aufgrund der recht geringen Abmessungen dieses Grabtyps steht der Stein in der frisch verfüllten Erde. Wenn diese dann über die Jahre immer weiter absacke, könne das Fundament durch die Erdbewegung über die Jahre Risse bekommen. Ist ein Stein locker, muss er angehoben und neu verklebt werden. Mit ein paar hundert Euro müsse man da schon rechnen., gibt Philippengracht zu. Doch Sicherheit gehe vor.

Bevor die Stadt die Kipptester anschaffte, drückten die Mitarbeiter noch von Hand gegen die Steine. „Der Druck ist so aber natürlich einerseits nicht einheitlich und andererseits mussten wir uns immer wieder anhören, wir würden die Steine losrütteln“, sagt Philippengracht.

Dabei macht die Stadt kein Geheimnis aus ihrem Testverfahren. „Wer einmal mitgehen möchte, um sich das anzugucken, der kann das jederzeit tun“, lautet das Angebot.

Wenn sich nach der Drei-Monats-Frist niemand bei der Friedhofsverwaltung gemeldet hat, gehen die Mitarbeiter die Gräber erneut ab und schauen nach den gelben Zetteln. Wenn sie noch dort hängen, wurde das Grab in der Zeit mit großer Wahrscheinlichkeit nicht aufgesucht. Spätestens dann geht eine schriftliche Benachrichtigung raus mit der Bitte, schnellstens aktiv zu werden. „Manchmal sind die Angehörigen selbst schon verstorben oder durch Krankheit verhindert, dann bleibt uns nichts anderes übrig, als die Grabsteine hinzulegen“, sagt er bedauernd. Bei einer Mietdauer von insgesamt 30 Jahren, passiere dies schonmal — sei aber eher selten der Fall.

Dass der Test nicht ganz ungefährlich ist, musste Philippengracht einmal am eigenen Leib erfahren. „Bei leichtem Druck schien der erst zwei Jahre alte Stein noch fest, doch dann kippte er so plötzlich um, dass ich direkt mit übers Grab geflogen bin“, erinnert er sich. Der Steinmetz muss wohl den Eisenstab, der den Stein mit dem Fundament verbindet, vergessen haben. Bis auf ein paar blaue Flecken habe er sich jedoch nichts getan. Und doch zeigt die Anekdote, warum die Standfestigkeitsprüfung so wichtig ist: Man stelle sich nur vor, ein Friedhofsbesucher würde von einem umstürzenden Grabmal erschlagen.