Vier neue „Stolpersteine“ verlegt

Andenken: Vier neue „Stolpersteine“ in Stolberg verlegt

Die Erinnerung an die Ermordng von Juden zur Nazi-Zeit soll auch in Stolberg wach gehalten werden

Sonnentalstraße 1: Mitten in der Stolberger Innenstadt, mitten unter anderen Bürgern der Kupferstadt, lebte einst die jüdische Metzgersfamilie Hartog. Vater und Mutter wurden verschleppt und im KZ ermordet; die Kinder mussten sich um ihres Überlebens willen nach Übersee in Sicherheit bringen. Mit einer zu Herzen gehenden Geste haben der als Prüfungsmeister seiner Innung und Mitbegründer der Volksbank verdiente Stolberger und seine Angehörigen auf eine Intiative von Rolf Gussen hin einen gewissen Platz in der Öffentlichkeit zurückerhalten – unter großer Anteilnahme der Bürgerschaft wurden vor dem Haus Sonnentalstraße 1, in dem sich einst Wohnung und Geschäftsräume der Hartogs befanden, vier „Stolpersteine“ ins Trottoir eingelassen, mit denen Leben und Leiden von Vater, Frau und Kindern der Vergessenheit entrissen

Zu Herzen gehend war an diesem rund 40 Minuten langen Gedenkakt voller Zeichen vieles. Doch vor allem die kurze Rede von Initiator Rolf Gussen ging den Zuhörern, darunter auch Bürgermeister Dr. Tim Grüttemeier und der Kandidat der CDU für seine Nachfolge, Andreas Dovern, zu Herzen.

„Ich willkeine lange Rede halten“, bekundete Gussen mit hörbar bewegter Stimme, und erzählte davon, wie sein Vater Josef bei Salomon Hartog den Umgang mit Vieh, Fleisch und allen Utensilien des Metzgerhandwerks erlernt habe. Am Schluss der kurzen Ansprache fiel dann der Satz, der keine Beteuerung brauchte: „Es war mir ein Herzensanliegen.“

Aspekte des Gedenkens

Bevor aber Udo Beitzel und Horst Meiser von der „Gruppe Z“, die in Stolberg dem Andenken an verfolgte Juden, Sinti, Roma und anderen Opfern des Massenmordes auch politisch Geltung verschafft, die vier von dem Berliner Bildhauer Gunter Demnig geschaffenen „Stolpersteine“ in das vorbereitete Erdreich einsetzten, und eingespielte Musikbeiträge das Gedenken auf eine andere Ebene rückten, beleuchteten weitere Redner Aspekte des Gedenkens an die Hartogs und die vielen anderen Opfer des NS-Terrors.

Darunter war auch Bürgermeister Grüttemeier, der in deutlichen Worten auch die Rechten und Rechtsradikalen der Gegenwart aufs Korn nahm. „Kaum mehr fassbar“ sei der Holocaust anno 2018. Und doch müsse die Frage gestellt werden: „Ist das ein fernes Kapitel der Vergangenheit?“ Das sei es auf keinen Fall, befand der Rathaus-Chef. Mehr noch: Dem „Es muss jetzt einmal gut sein“, dem Relativieren und Aufrechnen der Gräueltaten des Hitler-Regimes gelte es energisch entgegen zu treten.

Wachsamkeit empfahl der Bürgermeister auch gegenüber dem subtilen Sichanschleichen rechter Ideologien: „Die Grundsteine wurden und werden durch die Vergiftung der Sprache gelegt.“ In diesem Sinne seien Demnigs Steine nicht nur von Bedeutung, was die Erinnerung an die Toten betrifft: „Die Steine erinnern uns an unsere gemeinsame Verantwortung.“ Und noch etwas: „Zu den Tätern gehören Stolberger; und auch die Opfer wohnten unter uns.“

Wie zwischen 2009 und heute der Weg zu den „Stolpersteinen“ durch die politischen Instanzen verlaufen ist, zeichnete Ralf Dieter Dallmann namens der „Gruppe Z“ nach – ebenso wie Katja Lange-Rehberg die Geschichte der Hartogs, ihrer Verwurzelung und ihrer Verfolgung bis hin zum bitteren Ende nachzeichnete.

Den Weg zu den Herzen der Zuhörer – den fanden indes vor allem zwei Schülerinnen der Gesamtschule in Kogelshäuserstraße mit einem Gedicht der in einem Zwangsarbeitslager an Fleckfieber gestorbenen Lyrikerin Selma Meerbaum-Eisinger.

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