Stolberg-Vicht: Vichter Klassik-Konzert: Musik, die neue Horizonte eröffnet

Stolberg-Vicht : Vichter Klassik-Konzert: Musik, die neue Horizonte eröffnet

Wenn sich jeder Neubürger mit seinen künstlerischen Fähigkeiten so einbringen würde wie Prof. Wolfgang Boettcher in Vicht, dann hätten Gleichgültigkeit, Einsamkeit und Gewohnheit weniger Platz. Kultur live zu erleben, heißt Gemeinschaft zu genießen und sich mit Freunden und Gleichgesinnten darüber auszutauschen.

In diesem Fall war es die Musik, die die Menschen einander näher brachte und gleichzeitig neue Horizonte eröffnete. Trotz vieler parallel laufender Veranstaltungen erfreute sich das 5. Vichter Klassik-Konzert mit reiner Celli-Musik eines hohen Zuspruchs. Die Menschen waren gerne gekommen, um den überwältigenden Darbietungen von Guido Schiefen, Luca De Falco, Marlene Siemes, Isabela Saavedra Orjuela, Laurenz Vanorek und Wolfgang Boettcher zu lauschen. Denn kaum ein anderes Instrument eignet sich so sehr zum Ensemblespiel wie das Violoncello.

Diese Tatsache spiegelte sich in einem erstaunlich breiten Repertoire wider. Werke von drei bis zu sechs Violoncelli waren in Vicht zu hören. Als die Ouvertüre zur Operette „Die Fledermaus“ erklang, glaubte manch einer beim Neujahrskonzert anwesend zu sein. Auf fünf Celli reduzierte sich die gelungene Bearbeitung des jüdischen Gebets „Kol Nidrei“ des deutschen Romantikers Max Bruch. Auch ohne Harfe und Bläserkolorit ging das bekannte Werk in der Bearbeitung von Gunter Ribke unter die Haut. Luca de Falco, Marlene Siemes und Isabela Saavedra Orjuela, Studenten an der Hochschule für Musik Luzern bei Guido Schiefens zeigten im fulminanten Concerto in D-Dur op. 3 Nr. 9 von Antonio Vivaldi ein besonders schönes Zeugnis dafür, dass Bach Vivaldi verehrte.

Julius Klengel (1859-1933), einer der bedeutendsten Cellopädagogen seiner Zeit, komponierte in den „Vier Stücken“ op. 33 für vier Violoncelli in lockerer Folge programmatische Genrebilder aus der Tradition des 19. Jahrhunderts, aus den Guido Schiefen mit drei seiner Schüler das „Wiegenlied“ (Nr. 3) und den „Marsch“ (Nr. 4) interpretierten. Der Wechsel zwischen langsameren und rascheren Tempi gelang den Ausführenden verblüffend leicht und bemerkenswert rein.

Guido Schiefen gehöre zu den ganz großen Cellovirtuosen und sei international anerkannt, sagte Rudi Dreuw bei der Begrüßung. Der Förderer talentierter junger Menschen kam in Hennef zur Welt und verbringt seit zehn Jahren einen großen Teil des Jahres in Luzern, wo er als Dozent an der Musikhochschule lehrt. Da er aber seinen ersten Wohnsitz nach wie vor in Eitorf hat, durfte sich Schiefen vor wenigen Tagen in das Goldene Buch eintragen und ist somit Ehrenbürger der Stadt, verriet Dreuw.

Nach einer Verschnaufpause setzte das Quartett das Programm mit einer tiefsinnigen Bearbeitung der bekannten Komposition „Fratres“ des estnischen Komponisten Arvo Pärt fort. Das Werk vermittelte den Eindruck einer würdigen, kerzenerleuchteten Prozession mittelalterlicher Mönche auf ihrem Weg zur Messe.

Schiefen spielte den Solopart des Meisterwerkes leidenschaftlich klar und doch geheimnisvoll. „Salut d’amour“ betitelte Sir Edward Elgar seine zu Herzen gehende Kantilene (getragene, gesangartige Melodie), die in der Fassung für drei Violoncelli die Liebesbotschaft des Briten an seine spätere Frau angemessen überbringt. Dem Kölner Tonsetzer Eduard Pütz, Theorielehrer an der Rheinischen Musikschule, gelang mit dem „Tango Passionata“ ein echter „Crossover“. Er überwand die Grenzen zwischen der ernsten und der unterhaltenden Musik und demonstrierte, dass Unterhaltsamkeit und tiefsinnige Qualität keinen Widerspruch darstellen.

Zum Schluss inszenierten fünf Cellisten mit der von Werner Thomas-Mifune arrangierten Carmen-Suite von George Bizet populäre Opernarien in virtuoser Manier. Bravo-Rufe und Standing Ovations für dieses überwältigende Hörerlebnis schlossen sich an, und die Künstler genossen sichtlich den Applaus. Sie bedankten sich ihrerseits mit dem elegischen und melancholischen „Requiem“ von David Popper, der böhmischen Ikone der Cellomusik, das ursprünglich für drei Celli und Klavier geschrieben, in Vicht aber auf sechs Celli dargeboten wurde.

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