Stolberg: Vertonte Poesie kommt beim Publikum gut an

Stolberg : Vertonte Poesie kommt beim Publikum gut an

Wer künstlerisch wertvolle Musik gerne hört, der kam beim Klassik Festival Momentum in diesem Jahr wieder voll auf seine Kosten. Der letzte Abend gehörte dem Kunstlied der Romantik. Als solistischer Vortrag mit Instrumentalbegleitung stellt es im Gegensatz zum Volkslied hohe Ansprüche an die Stimme und das musikalische Verständnis.

Dass diese vertonte Poesie so gut ankam, lag zum einen an der Sopranistin Stella Motina, die mit ihrer schönen Stimme in die Tiefen der wunderbaren Musikwelt von Robert Schumann, Gabriel Fauré, Franz Schubert, Richard Strauss und Edvard Grieg tauchte und ein berührendes Bild des ewig Weiblichen zeichnete. Zum anderen war Patricia Buzari die ideale Begleiterin am Flügel und wusste sich, wo es angebracht war, zurückzunehmen.

Es gelang den beiden Künstlern, die differenzierten Stimmungen innerhalb der klavierbegleiteten Lieder, mal stärker, mal schlichter in der Melodik, eindrucksvoll zu gestalten, so dass die interessierten Zuhörern im Museum Zinkhütter Hof von einem Konzert der „Extraklasse“ sprachen.

Der romantische Liederabend begann mit dem Liederzyklus „Frauenliebe und -leben“ von Robert Schumann. In den acht Liedern nach Texten von Adalbert Chamisso, 1840 komponiert, vermittelte er seiner zukünftigen Frau, Clara Schumann, die von den Idealen der Romantik geprägte Vorstellung, große Liebe, Ehe und Mutterschaft seien die Erfüllung des Frauenlebens.

Die in Lugansk in der Ukraine geborene Sängerin interpretierte diese Lieder mit überwältigender Spannkraft und viel Gefühl. Man spürte gleich im ersten Lied „Seit ich ihn gesehen“ die ersten Regungen einer großen Liebe. Der Jubel setzte sich im „Herrlichsten von allen“, der Hochzeit und dem Glück der Mutterschaft, fort. Und dann im Gegensatz die tiefe Trauer beim Tod des Ehemanns. Stella Motina wusste die Stimmungen eines Frauenlebens mit lebhafter Mimik und Stimme umzusetzen und ähnlich intensiv begleitete Patricia Buzari.

Kein anderer hat das französische Kunstlied so geprägt wie Gabriel Fauré, der im Laufe von 60 Jahren über 100 Lieder komponierte. Mit „Claire de Lune“, „Chanson d’amour“ und „Fleur jetée“ hatte Stella Motina eine gute Wahl getroffen und trug die Lieder mit viel Charme vor.

Von großer Eindringlichkeit und Melancholie war das „Gretchen am Spinnrade“ von Franz Schubert, das auf einer Szene aus dem „Faust“ von Johann Wolfgang von Goethe basiert. Gretchen singt während des Spinnens und denkt dabei an Faust, den sie zuvor flüchtig auf der Straße getroffen hat.

Später, nach einem Kuss im Gartenhäuschen, fühlt sie sich von dem Ansturm der Gefühle aus der Bahn geworfen und sinnt in einem Monolog beim Spinnen darüber nach. Tonmalerisch schön spiegelte Patrica Buzari Gretchens Unruhe und pochendes Herz in der Begleitung wider, und auch das Drehen des Spinnrades war im Klavierpart ständig zu vernehmen.

Eine weitere Frauengestalt Goethes war Mignon, die sich Franz Schubert zum Vorbild für drei seiner schönsten Lieder nahm. In „Nur wer die Sehnsucht kennt“ verwies die Interpretin auf die Wehmut, Schmerzlichkeit und Klage hin, die nur der begreifen kann, der die Sehnsucht selbst kennengelernt hat. Fröhlich, flink und frech kam die „Forelle“ daher. Dieses beliebte Schubert-Lied überzeugte durch eine besondere Lebhaftigkeit der Klavierbegleitung.

Der nächste Block gehörte Richard Strauss und einer Auswahl der schönsten und bekanntesten Lieder, zum Beispiel „Die Nacht“, „Allerseelen“ und „Zueignung“. Die sechs Lieder op. 48 von Edvard Grieg zeigten ebenso meisterliches Können, und der Zuhörer wunderte sich, dass er diesen Liedern nicht öfter in den Konzertsälen begegnet. Auch am letzten Abend gab es Zugaben, darunter „Und morgen wird die Sonne wieder scheinen“ von Richard Strauss und „Die Lotosblume“ von Robert Schumann.

(mlo)
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