Stolberg: Versuche an Kaninchen unnötig machen

Stolberg : Versuche an Kaninchen unnötig machen

Die innovativsten Unternehmen findet man manchmal da, wo man sie gar nicht vermutet. Oder man findet sie - erst einmal gar nicht. Die kleine Stolberger Firma Innolabtec liegt etwas versteckt in einer Art Hinterhof in Mausbach, am Rande des dortigen Industriegebiets.

Es ist ein junges Unternehmen, gegründet von Dr. Siegfried Brandtner vor zehn Jahren. Jung aber auch, weil einige der Mitarbeiter damals wohl noch zur Schule gingen. Und es ist klein: Weniger als zehn Mitarbeiter beschäftigt der Chemiker, der zuvor bei Grünenthal die chemische Laborautomation entwickelte, bevor er sich mit Innolabtec in genau dieser Branche selbständig machte.

Lockere Atmosphäre

Siegfried Brandtner erscheint in sportlicher Dreiviertelhose, darüber das gleiche rote Poloshirt, das auch seine Mitarbeiter tragen. Man duzt sich, das Betriebsklima ist gut, die Atmosphäre locker. Offensichtlich ideale Voraussetzungen für kreative Köpfe, und das hat auch das Bundesministerium für Forschung erkannt. 103.000 Euro fließen als Förderung in die Werther Straße, wo Innolabtec sitzt. Geld für die Entwicklung eines Testsystems, dass in Zukunft Augentests an lebenden Kaninchen unnötig machen kann.

Ein Blick in den Tierschutzbericht der Europäischen Union aus dem Jahr 2007 lässt Tierfreunde erschaudern. Allein für die chemische Industrie wurden europaweit rund 180.000 lebende Kaninchen in Tierversuchen eingesetzt, hinzu kommen etwa 5500 weitere in der Kosmetikindustrie. „Das sind irre Zahlen, davon möchte man wegkommen”, erklärt Siegfried Brandtner.

Laut Gesetz muss aber jede Chemikalie, die mit mehr als einer Tonne Gewicht auf den Markt kommt, vorher auf ihre Verträglichkeit getestet werden, „und schließlich ist fast jedes Haushaltsmittel eine Chemikalie”, sagt Brandtner.

Ähnlich sieht es bei medizinischen Salben oder kosmetischen Cremes aus. Rund 30.000 Substanzen müssen EU-weit pro Jahr getestet werden. Für die Versuchstiere bedeuten sogenannte In-Vivo-Tests, also Tests am lebenden Tier, eine enorme Tortur. „Ich war lange genug in der Pharma-Industrie um zu wissen, dass solche Tests zwar notwendig, aber alles andere als angenehm sind”, sagt Brandtner.

Der Ursprung seines Unternehmens liegt in der Entwicklung von Geräten für chemische Verfahren. Komplexe Roboteranlagen haben sie hier in Mausbach entwickelt, Temperaturbäder für die Lebensmittelanalyse oder Maschinen wie die Flexline, ein Magnetrühr- und Temperiersystem. Mit diesem lassen sich auf einem halben Quadratmeter bis zu 20 verschiedene chemische Verbindungen rühren, und das bei Temperaturen von minus 20 bis plus 180 Grad Celsius - gleichzeitig und unabhängig voneinander.

Nun hat Brandtners Firma im Verbund mit dem gemeinnützigen Aachener Centrum für Technologietransfer in der Ophtalmologie (ACTO) und der RWTH Aachen einen In-Vitro-Test entwickelt, der Versuche mit den Augen toter Tiere ermöglicht. Tiere wohlgemerkt, die ohnehin geschlachtet wurden, weil sie für den Verzehr bestimmt sind. Deren Köpfe würden sonst im Müll landen - nun landen sie im Testsystem der Verbundpartner.

Diese haben eine Augenkammer kreiert, mit der sich Versuche an Kaninchen imitieren lassen. Der Name des entwickelten Verfahrens ist „EVEIT”, das steht für „Ex Vivo Eye Irritation Test”. Ex Vivo heißt außerhalb des Lebendigen. Dennoch erhalte man die gleichen Ergebnisse wie bei Tests an lebenden Kaninchen.

Im präparierten Zustand sind die (toten) Augen nämlich noch mehrere Tage haltbar: „Die biologische Funktion der Hornhaut entspricht exakt der eines lebenden Objekts”, erklärt Brandtner. Dass die Testsysteme funktionieren, das hätten wissenschaftliche Abhandlungen bereits erwiesen, so Brandtner. Und nicht nur das: „Wir können sogar feststellen, ob am Auge eine Heilung eintritt. Das können Sie mit anderen Systemen nicht machen.”

Ein Grund mehr, für das Bundesministerium für Forschung, den Aachen-Stolberger Verbund finanziell zu fördern. Die Zuwendung aus Berlin hilft, das Projekt weiter zu entwickeln. Verbessert werden soll zum Beispiel das multiple Auftragen auf das Auge, das bereits jetzt möglich ist. Außerdem soll die Augenkammer so fortentwickelt werden, dass sie für die spätere Automation genutzt werden kann. Ziel ist, dass man 100 Tests am Tag schafft, 20.000 im Jahr.

Und dann weiß Siegfried Brandtner, dass er nicht nur für sein eigenes Geschäft etwas Gutes getan hat: „Ich muss einem Kaninchen nicht zum 100. Mal eine Salbe ins Auge schmieren, von der ich weiß, dass das Auge davon kaputt geht. Das ist ethisch nicht zu verantworten.”

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