„Haben Gefühl, gebraucht zu werden“: Verein Gips zeigt Schülern in Stolberg, wie man mit Behinderung lebt

„Haben Gefühl, gebraucht zu werden“ : Verein Gips zeigt Schülern in Stolberg, wie man mit Behinderung lebt

Es ist zwar nur eins von insgesamt 24 Projekten aus dem Aktionsplan Inklusion, aber es gehört sicherlich zu den Eindrucksvollsten: Der Verein Gips war nun in Stolberg zu Gast. Behinderte erklären Schüler, wie ihr Alltag funktioniert.

Das Schreiben des eigenen Namens dürfte in der sechsten Klasse kein Problem mehr sein – eigentlich. Doch die Schüler der Klasse 6b des Ritzefeld-Gymnasiums haben in diesen Tagen ganz andere Erfahrungen gemacht. Nur mühevoll können sie ihre Vornamen auf das weiße Blatt Papier schreiben, das vor ihnen liegt. Ist die Aufgabe nach wenigen Sekunden erledigt, atmen sie erleichtert auf. Einige von ihnen halten sich das Handgelenk fest. Warum sie mit dem Schreiben solche Schwierigkeiten haben? Dafür ist ein Paar Handschuhe verantwortlich. Durch sie wird simuliert, wie sich das Schreiben mit der Krankheit Parkinson anfühlt.

Hinter dieser Aktion steckt der Verein „Gips – Spielen und Lernen“. In den Niederlanden gibt es das Projekt, bei dem behinderte Menschen Schulklassen besuchen, um den Kindern das Leben mit einem Handicap näher zu bringen, schon seit über 30 Jahren. Vor sechs Jahren wurde auch in Deutschland eine Initiative gegründet. Nun waren die Ehrenamtler in Stolberg zu Gast. Ihr Besuch ist eins der insgesamt 24 Projekte aus dem Aktionsplan Inklusion.

Die Grundsätze der Ehrenamtler: Nur Betroffene dürfen den Schülern ihr Handicap näher bringen. Und: „Wir wollen kein Mitleid, wir wollen Mitfreude. Wir vermitteln den Kindern, wie ein Leben mit Behinderung ist, und dass man damit trotzdem glücklich leben kann“, sagt der zweite Vorsitzende Horst Boltersdorf. Wichtig sei, dass man das Thema Behinderung auch mit einer positiven Botschaft versehe. Schließlich haben er und seine Mitstreiter die Erfahrung gemacht: „Kinder wissen über Behinderungen oft nur wenig und haben Vorurteile. Fast jedes zweite Kind ist der Meinung, dass Menschen mit Behinderung in einem Heim leben.“

Den Schülern das Leben mit Behinderung näher bringen: Das ist das Ziel des Vereins Gips. Foto: ZVA/Sonja Essers

An zwei Terminen vermitteln die Ehrenamtler dem Nachwuchs, wie ihr Alltag aussieht. In der ersten Runde geht es um die Selbsterfahrung. An fünf verschiedenen Stationen können die Schüler einen Parcours mit Blindenstock und Rollstuhl absolvieren oder sich mit den Themen Blindenschrift, Gebärdensprache oder der Krankheit Parkinson auseinandersetzen. 15 Minuten Zeit gibt es pro Station, dann geht es weiter. Insgesamt zwei Stunden dauert der erste Teil.

In einem weiteren Treffen werden dann die Fragen der Schüler beantwortet. „Nach der Selbsterfahrung machen sich die Schüler immer viele Gedanken. Sie fragen uns, wie wir einkaufen gehen oder wie wir kochen“, nennt Boltersdorf nur zwei von unendlich vielen Beispielen. Damit der Nachwuchs sich auch bildlich etwas unter dem Alltag der Ehrenamtler vorstellen kann, haben Boltersdorf und seine Mitstreiter bei den Gesprächen auch Fotos von barrierefreien Küchen oder Bädern im Gepäck.

Außerdem können die Schüler des Ritzefeld-Gymnasiums sich im Rollstuhlfahren versuchen. Foto: ZVA/Sonja Essers

Warum sie mit Sechstklässlern arbeiten? „Gehen die Kinder in die sechste Klasse, sind sie meistens elf oder zwölf Jahre alt. Dann sind sie clever genug, um zu begreifen, was wir ihnen vermitteln, aber sie sind auch noch nicht in der Pubertät. Es hat sich einfach als das ideale Alter herausgestellt“, sagt Boltersdorf. Er und seine Mitstreiter hoffen, dass die Kinder diese Erfahrungen auch für den Rest ihres Lebens mitnehmen. Der Verein bietet jedoch nicht nur Besuche an Schulen in Stadt und Städteregion Aachen sowie den Kreisen Düren und Heinsberg an, sondern hat auch Programme für Erwachsene in petto.

In Stolberg war „Gips“ übrigens nicht zum letzten Mal. Nach dem Ritzefeld-Gymnasium sind auch die Sechstklässler des Goethe-Gymnasiums an der Reihe. Und damit nicht genug. „Unser Ziel ist es, das Projekt zu verstetigen und auch noch andere Schulen mit ins Boot zu holen“, sagt Stolbergs Inklusionsbeauftragter Lukas Franzen.

Nicht nur Franzen ist der Meinung, dass das Projekt eine gewinnbringende Erfahrung für alle Seiten ist. „Nach dem Besuch hinterlassen wir zufriedene Lehrer, begeisterte Schüler und glückliche Behinderte. So haben auch wir das Gefühl, gebraucht zu werden und können der Gesellschaft auf diese Weise etwas zurückgeben“, sagt Boltersdorf.

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