Umbauarbeiten am muslimischen Studentenwohnheim haben begonnen

Muslimisches Studentenwohnheim : „Mehr als Aufklären können wir nicht“

Die Bauarbeiten am muslimischen Studentenwohnheim haben begonnen. Was sich dort in den kommenden Monaten tun soll? Und welche Rolle das Thema Transparenz für die Gemeinde spielt? Ein Überblick.

Ruhig ist es an diesem Morgen in der Jordanstraße. Dort, wo einst das Stolberger Arbeitsamt angesiedelt war und später dann ein chinesisches Restaurant die Gäste anlockte, soll ein Wohnheim für muslimische Studenten entstehen. Wobei das Wort entstehen an dieser Stelle eigentlich der falsche Ausdruck ist. Was etliche Stolberger wohl nicht wissen: Nachdem der Verband der islamischen Kulturzentren (VIKZ) mit Sitz in Köln das Gebäude 2016 erwarb, wurden dort bereits Zimmer für Studenten hergerichtet. Nun soll dort ein Anbau entstehen, der später mit dem Bestandsgebäude verbunden werden soll, berichtet Adnan Özden vom Integrations- und Bildungsverein (IBV).

Als im vergangenen Jahr bekannt wurde, dass dort ein Studentenwohnheim für junge Muslime entstehen soll, sorgte das für Aufsehen. Mit Transparenz will die Gemeinde, deren Moschee sich an der Schneidmühle befindet, nun den Vorurteilen entgegenwirken. „Mehr als den Menschen unser Vorhaben erklären und sie aufklären, können wir nicht“, sagt Özden. Er ist der Meinung: Das Studentenwohnheim sei ein Schritt in die richtige Richtung.

Ein Rückblick: Auch wenn der Kauf bereits fast drei Jahre zurückliegt, dass dort ein Studentenwohnheim für junge Muslime entstehen soll, wurde erst Ende April des vergangenen Jahres bekannt.

Der VIKZ ist der älteste und auch einer der größten islamischen Dachverbände Deutschlands. Ihm gehören deutschlandweit neun Landesverbände und rund 300 Moscheegemeinden an – auch in Stolberg. Diese befindet sich in der Schneidmühle und wird dort vom Integrations- und Bildungsverein betrieben. Der Verband selbst versteht sich als „parteipolitisch neutral“. Das geht auch aus einer Dokumentation zu den islamischen Organisationen in Deutschland des wissenschaftlichen Dienstes des Deutschen Bundestages hervor. „Der VIKZ bekennt sich zum Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland.

Seine Arbeit und seine Ziele stehen im Einklang mit der freiheitlich-demokratischen Grundordnung“, heißt es dort. Der Verband der Islamischen Kulturzentren gehört der sunnitisch-hanefitischen Ausrichtung des Islam an und betont, dass diese Ausrichtung des Islam fern von Extremismus und Fanatismus sei und eine moderate Linie verfolge. Die sunnitische Glaubensgruppe ist die Größte im Islam.

Anfrage an das Land

In Stolberg hagelte es im vergangenen Jahr für das Vorhaben ordentlich Kritik. Der SPD-Landtagsabgeordnete Stefan Kämmerling stellte damals eine kleine Anfrage an die Landesregierung. „Ein Studentenwohnheim das ausschließlich männlichen Studierenden muslimischen Glaubens zugänglich ist, stellt ein rückwärtsgewandtes Vorhaben dar und ist integrationshemmend“, erklärte er. „Für mich steht fest, dass ein derart isoliertes Studentenwohnheim eine der schlechtesten Ideen ist, die man gerade für den Stadtteil Mühle haben kann. Insbesondere die Mühle braucht Akzeptanz für Integration. Abgeschottete Einrichtungen aber bewirken das Gegenteil“, sagte Kämmerling damals.

Auch Bürgermeister Patrick Haas – zum damaligen Zeitpunkt noch SPD-Partei- und Fraktionsvorsitzender – äußerte damals seine Bedenken. Auch weil Frauen bei diesem Vorhaben ausgegrenzt würden. „Wir hatten damals nicht so ein großes Interesse erwartet“, sagt Özden rückblickend.

Kritische Töne dürften für den Verband jedoch keine neue Erfahrung gewesen sein. 2008 beauftragte er die Erziehungswissenschaftlerin Ursula Boos-Nünning, ein Gutachten über die 19 Schülerwohnheime des VIKZ zu erstellen. Boos-Nünning, ehemalige Rektorin der Universität Essen, leitete zahlreiche Forschungsprojekte zu Migrationsfragen. Dabei ging es vor allem um die Situation von Kindern und Jugendlichen und ihren Familien.

Die Ergebnisse der Untersuchung mit dem Titel „Beten und Lernen“ wurden im Juli 2010 der Öffentlichkeit vorgestellt. Laut Boos-Nünning hätten sich die beiden Kernvorwürfe – die Jugendlichen zögen auf Druck ihrer Eltern in die Heime und das Ziel sei die Elitebildung – nicht bestätigt. Die Jugendlichen würden weder religiös noch politisch beeinflusst. Die überwiegend türkischstämmigen Schüler hätten jedoch kaum deutsche Freunde und ein Erziehungsstil sei die Medien-Abstinenz. Boos-Nünning übte Kritik daran, dass die Jugendlichen in ihrer Freizeit fremdbestimmt würden und ihnen darüber hinaus kein Mitspracherecht eingeräumt würde.

Dem vorausgegangen waren kritische Töne aus dem Jahr 2003. Damals entstand das erste Schüler-Wohnheim des VIKZ in Nordrhein-Westfalen. Dieses wurde von Turkologen als „integrationshemmend“ und „strengstens scharia-orientiert“ beschrieben. 2008 zitierten Medien Vorwürfe gegen den VIKZ aus einem Dossier der Kölner Polizei von 2006. Darin wurde dem Verband vorgeworfen, er sei „antiwestlich, antidemokratisch und antijüdisch“, die Kinder würden in den Koranschulen des VIKZ geschlagen, der „heilige Krieg“ und das Märtyrertum würden in Predigten verherrlicht. Daraufhin schaltete sich die nordrhein-westfälische Landesregierung ein.

Die Vorwürfe, der Verband sei antiwestlich, antidemokratisch und antijüdisch könnten nicht bestätigt werden, hieß es damals vom Integrationsministerium NRW. Dementsprechend wurde auch der Verfassungsschutz nicht eingeschaltet. Doch zurück nach Stolberg und in die Gegenwart.

Transparenz sei der Gemeinde wichtig. Aus diesem Grund wolle man auch einen Tag der offenen Tür veranstalten, sobald der Anbau stehe. Bereits im vergangenen Jahr hatte man genau das versucht. Zum Iftaressen hatte man im vergangenen Jahr die Öffentlichkeit eingeladen, damit diese Fragen zum Vorhaben stellen konnte. 242 Einladungen hatte man verschickt, erhielt aber nur 14 Antworten.

Platz für 28 Studenten

Was genau soll in den kommenden Monaten in der Jordanstraße geschehen? Der Anbau soll insgesamt 130 Quadratmeter verteilt auf drei Etagen umfassen – davon zwei Obergeschosse und ein Kellergeschoss. 28 Studenten sollen in Zweibettzimmern untergebracht werden. Die Schlafräume sollen sich in den Obergeschossen befinden. Im Untergeschoss soll es einen Lernraum geben, im Erdgeschoss sollen eine große Küche, ein Speisesaal und ein Aufenthaltsraum entstehen. Die Umbaukosten schätzt Özden auf rund 750.000 Euro. Geld, für das die Gemeinde einen Kredit aufgenommen hat. Allerdings sei man überzeugt davon, dass das Studentenwohnheim ein Projekt sei, das Zukunft habe.

Als man vor einigen Jahren nach geeignetem Wohnraum für Studenten suchte, habe man zunächst nur Aachen im Blick gehabt. „Dort haben wir nicht gefunden, was uns zugesprochen hat und dann haben wir auch das Umland mit einbezogen“, sagt Özden. An der Jordanstraße wurde man schließlich fündig. In Stolberg spiele das Thema Wohnraum für Studenten vor allem durch die gute Anbindung nach Aachen ebenfalls eine Rolle. Mit dem Studentenwohnheim wolle man eine „Plattform schaffen, damit sich die Studenten auf ihr Studium konzentrieren können“. Dazu wolle man als Gemeinde einen Beitrag leisten.

Das Angebot soll sich an Studenten aus der näheren Umgebung, aber auch aus ganz Nordrhein-Westfalen richten, die in Aachen studieren – beschränkt sich allerdings auf Männer. Warum? Weil die Gemeinde ausschließlich geschlechtergetrennte Angebote vorhält. „Das hat nichts damit zu tun, dass wir gegen Mädchen oder Frauen gerichtet wären“, sagt Özden und verweist darauf, dass die Gemeinde in den vergangenen Jahrzehnten etliche Angebote für Mädchen vorgehalten hätte – darunter Hausaufgabenbetreuung oder Ausflüge an den Wochenenden und in den Ferien.

Wann der Anbau fertig sein wird und mit den Innenarbeiten begonnen werden kann, stehe derzeit noch nicht fest. Allerdings wolle man die Stolberger an den Entwicklungen teilhaben lassen. „Vorurteile gibt es immer wieder. Wir können nur vorbeugen, indem wir zeigen, was im Inneren passiert“, ist sich Özden sicher.

Mehr von Aachener Zeitung