Ein Ründchen durch die Stolberger Stadt: Trotz Leerstand pulsiert hier das Leben

Ein Ründchen durch die Stolberger Stadt : Trotz Leerstand pulsiert hier das Leben

Der Eingang zu Stolbergs Innenstadt ist nicht an allen Ecken schön. Allerdings kann man dem Viertel einen Vorwurf nicht machen: Leben ist auf der Mühle definitiv vorhanden – und das in vielerlei Hinsicht.

Das zeigt auch ein Blick auf die Leerstände. Während Eisenbahnstraße (3 Geschäfte und 2 Leerstände), Eschweilerstraße (7 Geschäfte und 8 Leerstände) und Mühlener Markt (4 Geschäfte und 7 Leerstände) diesbezüglich alles andere als gut abschneiden, findet man entlang der Salmstraße zwar 15 Leerstände, dafür allerdings 37 Geschäfte. Zieht man Shisha-Bars und Spielhallen einmal ab, bleibt dennoch eine große Vielfalt erhalten – auch an Einzelhändlern. Einige davon findet man schon seit Jahrzehnten dort.

So wie Café Weber, Reisebüro Piel und die Elefanten-Apotheke von Marlies Kremer-Hötte: Es sind neben der Pfarrkirche St. Mariä Himmelfahrt die wohl einzigen alten Stolberger Namen, die auf der Mühle erhalten geblieben sind. Seit unserer Bilanz im August 2010 sind eine Reihe eingesessener Geschäfte verschwunden. Die jüngsten darunter firmierten unter Rauchmann, Weverink und Orgeig. Eine Einzelhandelstradition ist zu Ende gegangen. Aber es gibt neue Namen, die bereits tradionell auf der Mühle ansässig sind. Etwa Yildiz, Dinc, Volkan und Yuretsever, die seit vielen Jahren Eckpfeiler eines vielseitigen Angebotes im Quartier sind.

Die Kinder des langjährigen Side-Präsidenten Ahmet Yildiz führen seinen früher an der „Roderburgmühle“ gelegenen Kiosk als Fachgeschäft für Heimtextilien fort im einstigen Radsportgeschäft Stollenwerk, Özlem Dinc hat ihre Brautmoden Divatilla im früheren Mode Schümmer im Nebenhaus um die Herrenlinie Baggi ergänzt, Volkan ist seit mehr als zehn Jahren Anlaufstelle für Mobilfunkkunden und Haaki, Murat und Dilber Vartsever erweitern und sanieren ihr gut besuchtes türkisches Restaurant gleich neben der Kirche. Und nicht vergessen werden darf Woolworth, das vor wenigen Wochen neu eröffnet hat, während im Obergeschoss neuer, moderner Wohnraum mit einem Betreuungsangebot entsteht.

Imbisse, Kioske und Friseure

Die Mühle hat im vergangenen Jahrzehnt viel Wandel erlebt. Zahlreiche Geschäfte eröffneten und schlossen wieder – die meisten waren Imbisse, Kioske und Friseure. Aber einen Leerstand, in dem Ausmaß wie ihn der Steinweg in dieser Dekade erlebt, hat es in dem Viertel nie gegeben – auch wenn es dort die meisten alteingesessenen Einzelhändler längst nicht mehr gibt. Und in dem Quartier pulsiert das Leben, wenn auch anders, als alte Stolberger das in Erinnerung haben.

Sie dürften sich noch an eine florierende untere Eschweilerstraße erinnern. Spätestens, seitdem die Heinrich-Heimes-Brücke für den Verkehr gesperrt ist, befindet sich das Quartier in einer Abwärtsspirale. Beispielhaft dafür steht das „Haus Capitol“; das schon längst kein Kino mehr ist und auch die Zeiten einer Spielhalle nebst Billardtischen der Vergangenheit angehören: Die bunten Scheiben sind zerschlagen, im Flur türmt sich Müll, und der weitere Blick offenbart den Niedergang.

Deutlicher als auf der gegenüberliegenden Straßenseite kann man es nicht dokumentieren: Am Gebäude, wo in der einstigen Gaststätte „Stadtwache“ aktuell ein Sportwettenbüro residiert, hängt das uralte Straßenschild nur noch an einer Schraube senkrecht herunter. Vor neun Jahren gab es hier noch viele kleine Läden. Übrig sind ein Dart-Bistro, ein Kiosk, die Stolberger Tafel, der Sitz einer Bauunternehmung und – seit langem – das Schneider-Atelier von Sofia Theodoris. Wo an der Eisenbahnstraße einst das legendäre italienische Restaurant „Roma“ lockte und zuletzt das von einem Kulturverein genutzte Lokal geschlossen wurde, wird renoviert: Der Star-Friseur an der Ecke „Auf der Mühle“ will sich vergrößern. Kosmetik bietet das Lokal dazwischen im früheren Fischladen.

Besser kann man den Zustand an der unteren Eschweilerstraße nicht beschreiben wie dieses Straßenschild. Foto: ZVA/Sonja Essers

Um die Ecke, wo einst „Klimbim“, „Scala“ und „Mühlenstube“ erste Adressen waren, sind eine Sisha-Stube und Leerstand. Die Spielhalle existiert weiter, „Astoria“ beziehungsweise später „Hinkelstein“ ist längst in eine Wohnung umgebaut.

Die Salmstraße empfängt Besucher derzeit mit kulinarischer Vielfalt. „Hallo Pascha“, „Steinbackofen“ und neuerdings „Balkan Grill“ bilden die Nachbarschaft von Café Weber. Während die einstige Kneipe und spätere Teestube Bistro Gizun seit einigen Monaten geschlossen ist, hat nebenan im alten Café Rongen ein Kiosk neu eröffnet – neben einem bestehenden, während im Mevlana Grill (früher Kennedy) schon lange nicht mehr gegrillt wird. Etabliert gelten das zielgruppenorientierte „Kapadokya“ und die Shisha-Bar „La Roche“.

An der Ecke zum Mühlener Markt – er hat übrigens noch eine Telefonzelle – bieten die „Lebensretter Euregio“ Wissen. Zuvor war dort die Fahrschule Schüller, die nun im einst spanischen Restaurant residiert, das zwischenzeitlich eine Shisha-Bar war. Der Imbiss hat nach dem Unfalltod des Inhabers keine echte Folgenutzung erlebt. „Os Stolberg“ hat aufgegeben. Daulat Alsaleh, die Friseur Hugo als „Hairfleur“ weitergeführt hat ist über zwei weitere Stationen in Mausbach nun im Neubau am Ortseingang zu finden.

Im Burg-Center zu finden ist dagegen die IG Metall, die gefühlte Ewigkeiten am Mühlener Markt residierte. Dort sind noch Anwälte und Ärzte, ein Kampfsportstudio und ein Fitness- mit Sonnenstudio sowie das Café Podium, während augenscheinlich die Kellerdisko „Club Cabaret“ nicht mehr betrieben wird. Einst hatte dort Gerd Bougé gastronomische Akzente gesetzt.

Zurück auf der Salmstraße gibt es ein Wiedersehen mit einem der Schandflecke dieses Jahrzehnts: Der Leerstand und Zerfall eines kleinen Ladenlokals, wo einst Damenwäsche, dann Kosmetik angeboten und später Kunsthandwerk ausgestellt wurde. Das Pendant ein wenig weiter hinter Woolworth ist die einst erste Aldi- dann Schlecker-Filiale in der Stadt. Davor aber noch besteht länger als zehn Jahre die Spielhalle Admiral im früheren Rundfunkfachgeschäft W. A. Meyer. Und der Güven Supermarkt (einst kd) freut sich auf eine Erweiterung im Herbst.

Anfänge der Bücherstube

Gegenüber, neben Volkan trifft der Leerstand von Uhren Rauchmann. Ein weiterer Mobilfunkanbieter und ein Uhren/Batterien-Geschäft gibt es schon lange. Um die Ecke in der „Roderburgmühle“ ist ein Kiosk Nachfolger im Yildiz-Laden. Der Blick fällt am Ende der Straße auf das frühere Zweirad-Fachgeschäft Koll, das wieder eine Nachfolgenutzung sucht.

Das Schneideratelier Altin ist mit Damen- und Herrenabteilung eine gefragte Adresse, nachdem von „Juttas Wollladen“ über Tattoo-Studio und Kanzlei unterschiedliche Nutzungen kamen und gingen. Nebenan steht eine Traditionsadresse leer: Das seit 1932 ansässige Foto- und Drogeriegeschäft Orgeig. 1987 hatte Nachbar Esraf Uzur seinen Lebensmittelladen eröffnet. Eigentlich wollte er ihn für seine Familie vergößern. Nun gibt es im sanierten Laden E-Rauchwaren.

Kurz nach einer Drogen-Razzia im Obergeschoss schloss die Shisha-Bar „Al Waha“ im ehemaligen „Kupfergrill“. Neues kulinarisches Leben erblüht neben der Kirche. Das kleine türkische Gasthaus von Hakki Yurtsever läuft so gut, dass er den leerstehenden Eissalon nutzen und sein Restaurant verschönern und vergrößern kann. Hinter der Kirche hält Café Weber weiter die Stellung, während Juwelier Berretz sich schon längst auf sein Geschäfte an der Kaiserstraße in Würselen konzentriert. An der Ecke zum Mühlener Ring ist die Wabe mit ihrem Sozialkaufhaus präsent, wo zuvor Elektrogeräte und Polsterei ansässig waren.

Hakki, Murat und Dilber Yurtsever (v.l.) freuen sich darauf ihren renovierten Laden an der Salmstraße in diesen Tagen wieder eröffnen zu können. Foto: Jürgen Lange

Auf der östlichen Seite hat das Reisebüro Piel einen neuen Nachbarn: Rumänische Lebensmittel gibt es heute dort, wo die Metzgerei Hessler einst einmal war. Während die Spielhalle Slot weiter besteht, ist das Lara 2 geschlossen. In der Passage zum Kaplan-Dunkel-Platz ist die VdK-Kreisgeschäftstelle. Nachdem die Europastuben von einem Kulturverein genutzt wurden, entsteht ein Lokal eines Bauelemente-Anbieters, der noch am Lehmkaulweg zu finden ist. Es folgen ein Leerstand im Ex-Blumengeschäft, ein Friseur im Ex-Stoffgeschäft, ein Kiosk in der Ex-Bäckerei und das Szenelokal „Bucaresti“ dort, wo Stolbergs erstes griechisches Lokal war. Daneben sind Heimbedarf Vildiz und Moden Divatilla nebst Baggi, ein Kebab-Haus und ein Friseur zu finden.

Gegenüber hat „West Mode“ an der Ecke des Mühlener Rings auch schon Tradition. Ebenso wie Friseur Nazar im Nachbarhaus, wo die Anfänge der Stolberger Bücherstube lagen. Aber Ralf Weverink hat mit seinem Brillenstudio Stolberg den Rücken gekehrt, um sich auf seinen jüngeren Laden in seiner norddeutschen Heimat zu konzentrieren. Schon vor zehn Jahren hatte es nebenan Petra Pütz mit ihrem WMF-Sortiment nach Würselen „verschlagen“.

City-Friseurin Doris Ganser schließt und verkauft ihr Inventar. Selbst der afrikanische Klamottenladen ist nicht mehr da, wohl noch ein E-Rauchwaren-Anbieter und die Shisha-Bar Marrakesch an der Ecke zur Jordanstraße. Dort hat das legendäre „Toulouse“ des nicht minder legendären Said Quahab eine russische Nachfolge gefunden. Der Friseur nebenan war schon vor zehn Jahren nicht mehr.

Ein Haus weiter bot in der Nachfolge des Arbeitsamtes das chinesiches Restaurant „Formosa“ Kulinarisches an. Jetzt läuft der Umbau als Studentenwohnheim für junge Muslime.