Grabmäler und Kapellen: Toni Dörflinger hält in Stolberg Vortrag zu Gestaltung von Friedhöfen

Grabmäler und Kapellen : Toni Dörflinger hält in Stolberg Vortrag zu Gestaltung von Friedhöfen

Durch fünf Jahrhunderte Bestattungswesen führte Lokalhistoriker Toni Dörflinger kürzlich im Saal des Kulturzentrums Frankentalstraße. Grabmälern und Kapellen sowie Baukunst und Gestaltung erläuterte er in dem Vortrag im Angebot des Volkshochschule der Kupferstadt Stolberg.

Alle Friedhöfe der Kupferstadt waren an dem Abend natürlich nicht vorzustellen, aber die Auswahl bescherte dem Publikum einen umfassenden Überblick über die jeweiligen Gegebenheiten. Und vor allem führte Dörflinger ein in das „Wer liegt wo?“ des Stolberger „Who is who?“ Denn anfangs mitten in den Orten gelegen, später im 19. Jahrhundert in die Außenbereiche verlagert, spiegeln die grünen Anlagen der letzten Ruhe Kultur, Leben und Geschichte der Stadtteile und ihrer Bewohner wieder.

Bis ins 16. Jahrhundert reicht die Geschichte der Begräbnisstätten zwischen Atsch und Zweifall zurück. Zweifalls alter Kirchhof von 1521 im Ortskern an der Kirche existiert nicht mehr, wie die Besucher erfuhren, aber war der älteste Stolbergs. Gefolgt vom 1554 angelegten Begräbnisplatz von St. Lucia neben der Burg, der ebenfalls längst aufgelöst wurde.

Das 17. Jahrhundert sah die Erbauung der lutherischen Vogelsangkirche und der reformierten Finkenberkirche an den Rändern von Alt-Stolberg, wo bis heute besonders geschichtsträchtige Grabmäler der protestantischen Bürgerinnen und Bürger erhalten sind. Dass der regional ganz besondere Kupfermeisterfriedhof im Vortrag eine herausragende Würdigung erfuhr, war natürlich unumgänglich, wie der Referent betonte.

In der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert erfolgte die Einrichtung des Vichter Friedhofes an der 1676 errichteten Kirche sowie des evangelischen Friedhofs in Zweifall. Als Johanneskapelle liegt sie gegenüber des Kirchenneubaues von 1912 und der alte Kirchhof ist seit einigen Jahren wieder Ort für Urnenbestattungen. Zweifalls historischer Gottesacker in der Apfehofstraße könnte man analog zum Kupfermeisterfriedhof durchaus als 'Reitmeisterfriedhof' bezeichnen, führte der 68-jährige aus. Beispielsweise der Reitmeister Jacob Dahmen und seine Gattin Maria Kettenis haben dort ihre Grabstätte wie auch verschiedene Mitglieder der später deutschlandweit zu Bekanntheit gelangten Familie Hoesch aus dem Eisengewerbe. Und weitere Gräber verdienter Zweifaller waren einst im Kirchenchor angelegt worden.

Auf dem Kupfermeisterfriedhof von 1686 findet sich ohnehin das „Who is who?“ der Stolberger Kupfermeisterepoche. Lynens, Schleichers, Peltzers und auch der für Stolberg nicht unbedeutende Architekt Wilhelm Schleicher (gestorben 1938). Als jüngeres Beispiel sei der international bekannte Stolberger Künstler Karl Fred Dahmen genannt, der einige Jahre nach seinem Tod 1981 in seine alte Heimat umgebettet wurde. Auch Büsbachs Gräberstätte blieb nicht unerwähnt, wenn auch die Anlegung im Dunkel der Geschichte liegt und von Dörflinger um 1804 angenommen wird. Aus derselben Zeit stammt der Venwegener Friedhof, wo wie an anderen (ehemaligen) Friedhöfen in die Umfassungsmauer eingelassene, historische Grabkreuze besondere Dokumente sind.

Eine von vielen Besonderheiten, die vorgestellt wurden, war auf diesem Begräbnisplatz die Grabstelle der im Ort seit 1974 ansässigen Schwestern der Christenserinnen. Auf dem neuen Breiniger Friedhof stand lange Jahre das Denkmal für Wilhelm Pitz, Chorleiter der Bayreuther Festspiele. Als Erinnerung an den großen Breiniger wurde es mit Benennung einer Straße zu seinen Ehren dorthin versetzt. Ein besonderes Begräbnisort ist der 1860 am Turmblick eröffnete jüdische Friedhof, der der einzige seiner Art im Gebiet der Kupferstadt ist und mit etwa dreißig Grabstätten auch der kleinste. Hier galt es, beispielsweise Berthold Wolff als verdienten Stolberger Bürger zu nennen, der hier 1949 seine letzte Ruhestätte fand. Gedemütigt und gebrochen durch Verfolgung und Terror der Nazizeit.

Toni Dörflinger zeigte einen Querschnitt der Friedhöfe des Stadtgebietes und hob die baulichen und künstlerischen Besonderheiten hervor. Auch Besucher aus der Stolberger Umgebung waren gekommen, um Hintergründe zu bestehenden und aufgelösten Begräbnisstätten zu erfahren. Nicht zuletzt war der Friedhof Bergstraße, 1878 eingerichtet als städtischer Zentralfriedhof für die geschlossenen Friedhöfe der Altstadt, eines besonderen Blickes wert. Damals vehement von der Bevölkerung abgelehnt, wurde er schnell zu einer schönen Anlage mit besonderem repräsentativen und geschichtsträchtigen Charakter. Ist der Kupfermeisterfriedhof Zeugnis für die Zeit der Kupfermeister, so ist dieser ein Friedhof der Industriellen.

Mit höchst denkmalwürdigen Grabstätten des Historismus und Neoklassizismus, das mit den Familien Wirtz, Prym, Lynen Abbilder großbürgerlichen Selbstverständnisses des letzten Jahrhunderts sind. Aber auch die Kriegsgräberstätte, die Gräber der Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter der NS-Zeit, für verstorbene Kinder eines tragischen Minenunglückes der Nachkriegszeit oder der Explosion der chemischen Fabrik Schippan in Atsch 1920 dokumentieren historische Ereignisse in stiller und Weise. Toni Dörflinger informierte wieder in bekannt anschaulicher Weise in seinem Bildvortrag einen besonderen Aspekt der Kupferstädter Geschichte, der in neunzig Minuten gar nicht vollständig abzubilden ist.

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