Rauf in den Dachstuhl: Tag des offenen Denkmals in St. Mariä Himmelfahrt

Rauf in den Dachstuhl: Tag des offenen Denkmals in St. Mariä Himmelfahrt

Zum 25. Mal wurde jetzt deutschlandweit der Tag des Offenen Denkmals begangen. Bei einer der größten Kulturveranstaltungen Deutschlands werden jährlich mehrere Tausend Baudenkmäler der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, die meist nicht der Allgemeinheit zugänglich sind.

Die Stolberger katholische Pfarrgemeinde beteiligte sich in diesem Jahr mit einem Angebot der ganz besonderen Art. Denise Geilus übernahm als leitende Fachkraft der Pfarrgemeinde die Organisation des Aktionstages. Drei Führungen bot der Kirchenvorstand in den Dachstuhl der Unterstolberger Kirche St. Mariä Himmelfahrt an.

Aber keine kostbaren Relikte der Kunstgeschichte, keine fachmännischen Konstruktionen in Stein oder Zimmermannskunst waren das Ziel der Führer. Die Dacheindeckung selbst war Objekt der Betrachtung der kleinen Gruppen, die enge Stiegen und Stege im Nordturm und nördlichen Seitenschiff der Kirche mit Paul Kirch und Bernd Stickeler erklommen.

Sie sorgten für fachkundige Erläuterungen der Kirchengeschichte seit ihrem Anfang im Jahr 1850. Als Tragschicht für die Schiefereindeckung wurden in der Nachkriegszeit die Längsseiten von hölzernen Munitionskisten der Wehrmacht verwendet.

Da Unterstolberg im Zweiten Weltkrieg, genauer im Herbst 1944, für mehrere Wochen Frontgebiet war, hatte auch die Kirche sehr starke Schäden erlitten. Die hohen neugotischen Turmhelme waren eingestürzt und die Kirchenschiffe eingebrochen.

Der Wiederaufbau dauerte bis 1953 und das Holz der Kisten, die laut erhaltener Aufschriften einst schwerste Granaten des Kalibers 8,8 Zentimeter aufgenommen hatten, wurde in Zeiten mangelnder Roh- und Baustoffe einer ungewöhnlichen Zweitverwendung im Kirchendach zugeführt. Bistumsarchitektin Noemi Richarz hatte die Idee, den Baubefund mit besonderem Seltenheitswert nun der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Auslöser für die nähere Betrachtung des Bauwerks durch Architekten, Denkmalpfleger und Kirchenvorstand war der sanierungsbedürftige Zustand des Schieferdaches. Traditionell wurde Eifeler Schiefer beim Wiederaufbau auf den drei großen Dachflächen der Kirchenschiffe aufgebracht, der dann Opfer des sauren Regens vergangener Jahrzehnte wurde, wie Paul Kirch anschaulich erläuterte.

Was über Jahrhunderte bester Baustoff war, bröselt nun langsam vor sich hin. Auf mikroskopischer Ebene befinden sich im Schiefergestein Eisensulfide, die mit dem sauren Regen oxidierten. Dieser Vorgang führt zu einer Ausdehnung auf der Mikroebene, die das dunkle Eifelgestein porös werden lässt.

Diese Altlast der Umweltverschmutzung führte zur genaueren Betrachtung des Daches, das die Pfarrgemeinde St. Lucia bald neu eindecken will. Die historische Schalung aus den Kisten der Panzerabwehrmunition wird dabei erhalten und als Teil des eingetragenen Baudenkmals mit besonderem Seltenheitswert geschützt.

Ohne es nach außen zu zeigen, ist das Kirchengebäude ein außergewöhnliches Relikt der Kriegs- und Nachkriegsgeschichte. Weniger ästhetische oder kunsthistorische, sondern andere Aspekte machen auf lokaler Ebene Denkmäler von historischem Wert aus. Manche Bauwerke bergen Geschichten, die sie erst bei einem genauen Blick preisgeben.

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