1. Lokales
  2. Stolberg

Einsatz auf der Insel Chios: Stolberger Zahnärzte helfen im Flüchtlingslager

Einsatz auf der Insel Chios : Stolberger Zahnärzte helfen im Flüchtlingslager

Christina Håkansson und Armin Reinartz gehören der Hilfsorganisation Dental Emergency Team an. Im Lager Vidal auf Chios behandeln die Zahnärzte Geflüchtete. Unserer Zeitung schildern sie ihre Erfahrungen.

Erst vor wenigen Tagen ist Christina Håkansson wieder nach Stolberg zurückgekehrt – mit etlichen Eindrücken aus ihrer Zeit auf der griechischen Insel Chios. Dort machte die 50-Jährige, die an der Rathausstraße eine Zahnarztpraxis betreibt, allerdings keinen Urlaub. Im Lager Vial behandelte die Stolbergerin vielmehr Menschen, die aus ihrer Heimat geflüchtet sind.

Im Durchschnitt kümmerte sich Håkansson um zehn Patienten am Tag, die mit unterschiedlichen Anliegen zu ihr kamen. „Vom Notfall über Füllungen und Wurzelbehandlungen bis zur Prophylaxe war alles dabei“, berichtet sie im Gespräch mit unserer Zeitung. Die Zahnärztin weiß: „Der Bedarf an Behandlungen ist riesig. Die medizinische Hilfe vor Ort ist gewährleistet, aber eine zahnmedizinische Versorgung stand einige Jahre lang nicht auf der Agenda.“

Das kann Armin Reinartz bestätigen. 2020 gründete der Stolberger Zahnarzt gemeinsam mit seinem Kollegen Alexander Schafigh die Hilfsorganisation Dental Emergency Team. Zunächst arbeiteten die Zahnärzte ehrenamtlich im Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos. Im Sommer 2021 wurden sie erstmals auf Chios aktiv. Dort gibt es seit 2015 ein Flüchtlingslager. „Vor uns gab es allerdings keine zahnmedizinische Versorgung“, blickt Reinartz zurück.

„In den Hochzeiten lebten 3000 Menschen im Lager. Mittlerweile sind es um die 300, aber noch immer kommen Geflüchtete an“, weiß der Zahnarzt zu berichten. Vor allem Menschen aus Eritrea, Somalia, Sierra Leone, aber auch Geflüchtete aus dem Jemen, aus Palästina und Syrien leben im Lager Vial, einem ehemaligen Aluminiumwerk. „Die Insel ist nur wenige Kilometer vom türkischen Festland entfernt. Immer wieder versuchen also Boote überzusetzen.“

Doch das sei nicht immer von Erfolg gekrönt. Die Routen würden von den griechischen Behörden beobachtet, deshalb komme es auch zu sogenannten Pushbacks. „Das bedeutet, dass die Boote mit aller Macht zurückgedrängt werden“, sagt Reinartz und fügt hinzu: „Diejenigen, die es bis ins Lager geschafft haben, sind happy, aber auch gezeichnet von der Flucht. Bei dieser passieren viele schreckliche Dinge.“

Davon kann auch Christina Håkansson berichten. Zum zweiten Mal war die Stolbergerin nun auf Chios im Einsatz. Was sie bei ihrem Aufenthalt vor wenigen Wochen sah, hat sie nachhaltig beeindruckt. „Im Lager leben viele junge Männer und grundsätzlich viele junge Menschen unter 25 Jahre. Ich habe einige gesehen mit Spuren von Misshandlungen und vielen Narben. Das hat mich schon sehr mitgenommen“, sagt sie. Håkansson hat mit einer Kollegin aus Oldenburg zusammengearbeitet. Chirurgische Eingriffe wie das Ziehen von Zähnen und Wurzeln standen meist im Vordergrund. „Aber wir haben auch gespendete Zahnbürsten und Zahnpasta verteilt und über die richtige Mundhygiene aufgeklärt. Wir hatten viel zu tun, doch die Menschen, die wir behandelt haben, waren wirklich sehr dankbar.“

 Zahnärztin Christina Håkansson und ihr Kollege Armin Reinartz behandeln ehrenamtlich Geflüchtete im Lager auf Chios.
Zahnärztin Christina Håkansson und ihr Kollege Armin Reinartz behandeln ehrenamtlich Geflüchtete im Lager auf Chios. Foto: MHA/Sonja Essers

48 Teams waren seit der Einrichtung der Zahnstation vor Ort. „Mittlerweile können wir auf einen Pool von 120 Zahnärzten aus ganz Deutschland zurückgreifen. Und bis auf wenige Ausnahmen war die Zahnstation bislang immer besetzt“, sagt Reinartz und fügt hinzu: „Das macht schon stolz.“

Unterstützung gebe es zudem in Form von Spenden – finanzieller und materieller Art. Im Rahmen einer Praxisauflösung in Eschweiler konnte Armin Reinartz einige noch brauchbare Geräte nach Chios bringen lassen. Den Kontakt hatte Christina Håkansson hergestellt. Und schließlich entschied sie sich selbst für einen Einsatz im Flüchtlingslager. „Viele Menschen, die wir behandelt haben, hatten in ihrer Heimat keine Möglichkeit, zum Zahnarzt zu gehen. Manche waren noch nie in einer Praxis.“

 Die Zahnstation befindet sich in einem Container.
Die Zahnstation befindet sich in einem Container. Foto: Christina Håkansson

Die Stolbergerin hofft, dass weitere Kolleginnen es ihr gleichtun und sich für einen Einsatz auf Chios entscheiden werden. Der dauert in der Regel zwischen einer und drei Wochen. „Eben solange, wie die Zahnärzte bleiben können“, sagt Armin Reinartz. Die Kosten für den Flug müssen die Freiwilligen selbst tragen. Eine mietfreie Unterkunft kann bei Bedarf gestellt werden. Einzige Voraussetzung für die Teilnahme: „Eine zweijährige Berufserfahrung. Wer die nicht hat, darf nur assistieren“, betont Reinartz.

Die Arbeit in der Zahnstation beginnt am Nachmittag. Der Morgen steht zur freien Verfügung. „Man kann also entweder die Insel erkunden oder sich den medizinischen Kräften anschließen und im Quarantäne-Auffanglager helfen“, sagt der Stolberger. Dafür hat sich auch Christina Håkansson bei ihrem letzten Besuch entschieden. Und damit für eine herausfordernde Aufgabe. „An einem Tag kam ein Boot mit 22 Menschen an. Davon hatten 18 Personen die Krätze“, berichtet die 50-Jährige.

Für sie und Armin Reinartz steht fest, dass sie auch im kommenden Jahr wieder auf Chios im Einsatz sein werden. „Es ist schön, dass man mit seinem Beruf Gutes tun kann. Diese Menschen haben Unvorstellbares hinter sich und sind einfach nur dankbar. Das macht mich sehr demütig“, sagt die Zahnärztin. Und ihr Kollege meint: „Zahnärzte sehen vielfach in ihresgleichen Konkurrenz. Aber wir sind eine Gruppe von Gleichgesinnten, die ein gemeinsames Ziel vor Augen hat: den Menschen zu helfen. Das treibt uns an.“