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Stolberg: Stolberger Sozialkaufhaus trifft den Zeitgeist

Stolberg : Stolberger Sozialkaufhaus trifft den Zeitgeist

Montagnachmittag, 14 Uhr. Im Sozialkaufhaus an der Ellermühlenstraße ist es eher ruhig. Das übliche Vormittagsgeschäft ist vorbei, und Manfred Peters hat Zeit für einen Kaffee.

Der Werkstattleiter lädt ins Büro, und zwischen Zetteln, Haushaltsgeräten und einem Computer findet man sogar noch einen Sitzplatz. Das Büro hat Peters, der Schreiner, selbst gebaut, gemeinsam mit seinem Team vom Sozialkaufhaus.

Und dann fängt er an zu erzählen, wie sie dieses Lokal gefunden haben, in dem früher mal ein Contra-Markt war und oben ein altes Kino. Und wie sie in sechs Wochen aus einem heruntergekommen Leerstand einen attraktiven Laden geschaffen haben.

Der ehemalige Fußballer spricht oft von seinem Team, wenn er die 22 jungen Leute meint, für die ihre Arbeit im Sozialkaufhaus vor allem eines ist: eine echte Chance.

Die jungen Arbeitslosen, zum Teil mit einer Vielzahl sozialer Beeinträchtigungen belastet, bereiten sich hier auf den Einsatz im ersten Arbeitsmarkt vor. Auf Teamgeist hat Peters seine Mannschaft vom ersten Tag an eingeschworen, und man kann sich gut vorstellen, dass es funktioniert.

Dann ist es mit der Ruhe erst einmal vorbei, ein gelber Lieferwagen fährt vor. Der ist nur geliehen, doch bald, so hoffen sie hier, können sie sich einen eigenen leisten, einen richtigen Lkw.

„Ein Transportauto ist unser großes Anliegen”, sagt Peters im Rausgehen. „Da muss sich was tun, damit wir flexibler sind.” Schon ist Peters an der Tür.

Der Lieferwagen ist voll, drei seiner Mitarbeiter haben ihn bei einer Wohnungsauflösung beladen. Regale, Stühle, eine Couch. Es wimmelt von Helfern; wenn eine neue Ladung kommt, packt jeder mit an.

Zeit, sich mit Francisco Garcia zu unterhalten. Der 29-Jährige sitzt im Büro, gibt Warenbestände in den Computer ein, telefoniert. Garcia war langzeitarbeitslos, hing Zuhause rum, hatte viel Zeit und wenige Perspektiven.

Jetzt hat er seine Chance ergriffen. „Es ist gut, wenn man das Gefühl hat, gebraucht zu werden”, sagt er. „Wenn man nur Zuhause sitzt, dann verliert man den Glauben an sich selbst. Die Freizeit ist einem nichts wert, man hat einfach zuviel davon.”

Heute ist sie ihm wieder etwas wert. Garcia arbeitet in der Verwaltung des Sozialkaufhauses, er erledigt die Stundenerfassung der Mitarbeiter, sortiert eingehende Waren, erstellt Vordrucke und Formulare. „Das liegt mir”, sagt er, „es ist abwechslungsreich und ich habe auch Kontakt zu Kunden.”

Und deren Zahl steigt, seit das erste und bislang einzige Sozialkaufhaus im Kreis Aachen vor knapp drei Monaten seine Pforten geöffnet hat. „Wir haben anscheinend einen Zeitgeist getroffen”, sagt Katrin Bauermeister, Vorstandsmitglied beim Aachener Verein Wabe, der das Sozialkaufhaus-Projekt gemeinsam mit der Arge im Kreis Aachen betreut.

„Der Zulauf ist super stark”, sagt sie, „und zwar von beiden Seiten.” Das Kaufhaus, in dem Hartz IV-Empfänger und Kunden der Arge günstig verschieden Produkte für den Haushalt erwerben können, werde von diesen sehr gut angenommen, sagt Bauermeister.

Und auch über mangelnde Spendenbereitschaft könne man sich nicht beklagen. „Es gibt sehr viele Spender im ganzen Kreisgebiet, da müssen wir die Abholung schon gut organisieren.” Wartezeiten von bis zu zwei Wochen sind keine Seltenheit.

Und dann sind da ja noch die jungen Leute, die hier arbeiten. Werkangebote machen Wabe und Arge zwar auch im Metall- und im ökologischen Landschaftsbau, doch die Jobs im Sozialkaufhaus sind die begehrtesten.

Verkauf, Werkstatt, Transport und Dekoration: Das ist eine attraktive Mischung für junge Arbeitslose, die auf dem ersten Arbeitsmarkt - noch - keine Perspektive haben.

So wie Francisco Garcia, der von einem Ausbildungsplatz in der Verwaltung träumt. „Ich habe mich schon vorher beworben, aber nie ein Vorstellungsgespräch bekommen.”

Schuld sei wohl sein Lebenslauf, meint der 29-Jährige. Die lange Arbeitslosigkeit, das Alter. „Aber jetzt erlebe ich gerade meinen zweiten Frühling. Im kommenden Jahr schreibe ich wieder Bewerbungen.” Und er hat sogar wieder eine Freundin.

Der gelbe Lieferwagen ist weg, zur nächsten Tour. Gelegenheit für Manfred Peters, dem Besuch den Rest des Lokals zu zeigen. Die vielen Möbel im ersten Stock, die das Team aus alten Beständen für die Kunden wieder hergerichtet hat, die Fahrräder oder die Kleiderkammer im Keller, wo sogar ein paar Fitnessgeräte stehen.

Peters blickt stolz auf das alles, und ein bisschen wirkt der ehemalige Fußballer wie ein Jugendtrainer, der hofft, dass seine Schützlinge bald einen großen Verein finden. Die Perspektive ist gar nicht mal schlecht.