Stolberg: Stolberger OP-Schwester in Sierra Leone: Hitze, Müll und eine Ziege im OP

Stolberg: Stolberger OP-Schwester in Sierra Leone: Hitze, Müll und eine Ziege im OP

Nicole Wickerath hat schon die halbe Welt bereist: Sie besuchte Namibia, war gleich zwei Mal auf Sri Lanka, machte Station in Vietnam, Nepal und gerade erst kehrte sie aus Sierra Leone zurück. Zahlreiche Bilder hat sie von ihrer letzten Reise mitgebracht, die sie auf dem Holztisch vor sich ausbreitet. Darauf sind allerdings keine wunderschönen Landschaften oder außergewöhnlichen Tiere zu sehen.

Vielmehr sind darauf Wellblechhütten und unter Wasser stehende Straßen abgebildet. Warum? Nicole Wickerath war nicht als Touristin vor Ort. Die OP-Schwester und ihre Kollegen von Interplast haben die Menschen in Sierra Leone medizinisch versorgt und in rund drei Wochen 92 Mal operiert. Wickeraths Fazit nach ihrer Rückkehr: „Selbstverständlich würde ich das immer wieder machen. Für mich ist das kein Beruf, sondern eine Berufung.“

Angefangen hat alles Mitte dieses Jahres. Nicole Wickerath erhielt eine E-Mail von Teamleiter Hans-Jürgen Arndt. „Er brauchte dringend eine auslandserfahrene OP-Schwester, die mit einem neuen Team nach Sierra Leone reist, um dort zu helfen“, sagt Wickerath, die in Jülich lebt und an der Franziska-Schervier-Schule des Bethlehem-Gesundheitszentrums unterrichtet. Nachdem die Schulleitung zugestimmt hatte, ging alles ganz schnell. Innerhalb weniger Monate musste sich Wickerath insgesamt zwölf Impfungen unterziehen. Darunter unter anderem gegen Gelbfieber, Tollwut, Cholera und natürlich Malaria. „Sierra Leone ist zu 100 Prozent Malaria-Gebiet. Ohne Impfungen hätte ich nicht fliegen können“, sagt Wickerath.

Mehrere Treffen mit dem Team folgten. „Es musste viel organisiert werden. Das Equipment musste besorgt werden und das war ziemlich aufwendig“, so Wickerath. Grundsätzlich lebt die Organisation Interplast nur von Spenden. Zwei Wochen vor der Abreise mussten die neun Teammitglieder Übergepäck und auch ihre Hygieneartikel abgeben.

Am Abreisetag selbst durfte jeder zwei Koffer à 32 Kilo mitnehmen. Nach einem turbulenten sechsstündigen Flug von Brüssel nach Freetown übernachtete man im Flughafenhotel. Von dort aus ging es dann nach Kenema.

Für Nicole Wickerath war es der erste Einsatz in Sierra Leone. Sie stellte schnell fest: „So viel Armut hatte ich zuvor noch nirgendwo gesehen.“ Wellblechhütten und jede Menge Müll prägen das Straßenbild. Zudem herrsche dort eine hohe Arbeitslosigkeit. „Und es war unglaublich heiß. Jeden Tag zwischen 35 und 40 Grad. Wir standen fast immer bis zu elf Stunden im OP — ohne Klimaanlage. Das war ganz schön anstrengend“, sagt Wickerath. Begeistert ist die OP-Schwester allerdings nach wie vor von den Menschen, die dort leben. „Sie sind so zuvorkommend, und sie jammern nicht. Sie sitzen vor dem OP auf dem Boden und warten geduldig. Das kenne ich fast gar nicht mehr.“

Gardinen im OP

Und wie kann man sich das Krankenhaus dort vorstellen? Zwei OP-Säle wurden für das Team aus Deutschland reserviert. Mit deutschen OPs seien diese jedoch nicht zu vergleichen gewesen. „Wir hatten beispielsweise Gardinen im OP und die Lampen waren kaputt, so dass wir teilweise mit Stirnlampen operieren mussten“, sagt Wickerath. Auch Tierbesuch sei keine Seltenheit gewesen. Kakerlaken, eine Echse und sogar eine Ziege waren zeitweise dort zu finden.

Das schockte Nicole Wickerath jedoch kaum. Dafür allerdings die Versorgung der Patienten. „Die Patienten müssen sich selbst versorgen. Die Schwestern bringen beispielsweise kein Essen. Man kann dort nur überleben, wenn man Angehörige hat, die bei einem bleiben“, sagt sie. Das Operationsspektrum des Teams umfasste neben den häufigen großflächigen und chronischen Wunden, Verbrennungen, Weichteiltumore und auch frische Frakturen. „Vom Operativen her war das eine große Herausforderung. So viele große unfallchirurgische Sachen gab es bei den letzten Einsätzen nicht.“

Zudem mussten zwei Unterschenkelamputationen bei stark vereiterten Weichteilen mit Knochenbeteiligung und Madenbefall vorgenommen werden. „Wir hätten wahrscheinlich mehrere Jahre bleiben können und hätten trotzdem nicht alle Menschen behandeln können“, sagt Wickerath. Für März ist der nächste Einsatz in Sierra Leone geplant. Nicole Wickerath wird allerdings nicht dabei sein. „In der Regel fahre ich nur alle zwei Jahre“, sagt Wickerath, die 1989 im St.-Antonius-Hospital in Eschweiler ihre Ausbildung machte und seit April 2016 am Bethlehem-Gesundheitszentrum arbeitet.

Dass in den kommenden Jahren allerdings wieder ein Auslandseinsatz ansteht, ist für Nicole Wickerath außer Frage. „Ich würde gerne mal nach Tansania, um dort zu helfen“, sagt sie. Doch auch Sierra Leone sei ihr ans Herz gewachsen. „Wenn man wieder in Deutschland ist, weiß man erst zu schätzen, was man alles hat“, sagt Wickerath, die allerdings genaue Vorstellungen hat, was sich vor Ort ändern müsse, damit es den Menschen dort besser gehen könnte. „Es gibt so viele Organisationen, die dort arbeiten. Aber eine wirkliche Vernetzung gibt es nicht. Ich fände es schön, wenn man viel enger zusammenarbeiten würde. Davon würden die Menschen vor Ort wirklich profitieren“, sagt sie.