Stolberg: Stolberger Bier „Ketsch“ wird nicht mehr produziert

Stolberg: Stolberger Bier „Ketsch“ wird nicht mehr produziert

„Catch a Ketsch“: Diesem Slogan wird man nicht mehr lange folgen können. Nur noch wenige Tropfen Ketschenburger Biers können in den letzten Fässern der einschlägigen Gaststätten in Stolberg gezapft werden. Sind sie leer, ist das „Ketsch“ erst einmal wieder Geschichte.

Die vor neun Jahren gelungene Wiedergeburt des Gerstensaftes nach Stolberger Rezeptur gehört erneut der Geschichte an. Nachschub ist keiner mehr geordert. Zahnarzt Rüdiger Fröschen, der 2008 das Comeback dieser Kupferstädter Marke als „Non-Profit-Projekt“ in die Wege geleitet hat, sieht sich gezwungen, erst einmal die Produktion einzustellen.

Das „Ketsch“ wurde von Rüdiger Fröschen (l.) und Helmut Kappes (r.) mit Werbeaufnahmen vermarktet. Foto: Archiv

Sein „Braumeister“ Helmut Kappes, der an der bisherigen Ketschenburg-Zentrale wohnt und sich als Rentner all die Jahre rührig um die Logistik der Flaschen und Fässer gekümmert hat, ist mit seinen jetzt 71 Lenzen nicht mehr in der Lage, sein Engagement fortsetzen zu können. „Helmut Kappes hat stets die ganze Last geschultert“, sagt Fröschen dankbar.

ketsch

Aber ohne seine Unterstützung fehlt dem Zahnarzt einfach die Zeit, sich um Produktion und Vertrieb zu kümmern. „Wir suchen zwar händeringend nach einer Lösung. Es gibt auch Interessenten für die Brauerei. Aber eine Entscheidung ist derzeit nicht in Sicht“, sagt Fröschen. Nicht nur Kappes Herz hängt am „Ketsch“, sondern auch der gebürtige Aachener hat das Stolberger Bier ins Herz geschlossen.

Aus einer Laune heraus und als Hobby hatte Fröschen das „Ketsch“, das einst bis tief in die Eifel geliefert wurde, aus der Versenkung geholt. 2002 — während seiner Regentschaft als Karnevalsprinz — erwirbt der bisherige Stadtkommandant der Prinzengarde der Ersten Großen den „Burghof“.

Und als er beim Renovieren in der Gaststätte Accessoires der 1817 gegründeten Ketschenburg-Brauerei findet, reift eine Idee heran. „Der Burghof war immerhin der Mutterausschank der Ketschenburg und ich dachte daran, die Marke wieder zu beleben“, erzählt Fröschen.

Comeback sollte nur ein Clou sein

Zeit, Zufall, Recherchen und eine Portion Glück helfen bei der Realisierung. Fröschen kann die Rechte vom Getränkefachgroßhandel Bongard erwerben. Das Aldenhovener Unternehmen hatte diese 1985 von der Ketschenburg übernehmen, braute das Bier aber nicht weiter.

Erst 2008 ist es soweit, als Fröschen in der Nähe von Schweinfurt im unterfränkischen Bayern eine Brauerei gefunden hat, die dem „Ketsch“ nach alter Rezeptur wieder Leben einhaucht. Zunächst ist das Ketschenburger Pils nur als Clou für den „Burghof“ und den „Postwagen“, das Wachlokal der Prinzengarde, gedacht.

Doch es soll anders kommen. Mit dem „Ketsch“ entdecken viele Besucher einen „Schluck“ Stolberger Geschichte und Heimatgefühl. Die Nachfrage steigt. Schnell will eine ganze Reihe von Gaststätten das „Ketsch“ ausschenken können. Es beginnt ein kaum für möglich gehaltenes Revival des Ketschenburger Biers, das ab 2009 zudem in Flaschen auch in einigen Supermärkten und an Tankstellen zu haben ist.

„Es sind vor allem die Jüngeren, die sich mit dem Stolberger Bier zu ihrer Heimatstadt bekennen“, analysiert Fröschen. Anstatt nach Aachen, Düsseldorf oder Köln zu fahren, werde die Stolberger Altstadt wieder zum beliebten Ziel. Jedenfalls ist der Run aufs „Ketsch“ so groß, dass der Ruf nach Accessoires laut wird: Aufkleber, T-Shirts, Feuerzeuge und vieles mehr ergänzen Gläser und Bierdeckel. Sogar ein echter Kupferbarren mit Ketschenburger Prägung wird aufgelegt.

Eine Zeit lang wird sogar ein eigener „Ketsch-Shop“ am Steinweg betrieben. Bei einem Casting werden Modelle für eine Fotokampagne gesucht. Es gibt „Ketsch-Partys“ und Internet-Foren, einen Ausschank-Anhänger und Orginale aus alten Ketschenburg-Zeiten werden allerorten aus Kellern und Truhen hervorgeholt.

Schnell kommen die „Ketsch“-Varianten „Galmei“ und „Lemon“ hinzu. Aber nach rasanter Nachfrage ließ das Interesse ebenso schnell wieder nach. „Es waren wohl Modegetränke“, meint Fröschen. Während diese beiden Sorten bald wieder eingestellt werden, pendelt sich der Absatz des Pils ein: Bei 40 Hektoliter und rund 14 000 Flaschen pro Monat liegt die Nachfrage zu Hochzeiten. Und es war stets Helmut Kappes, der die 820 Kilometer nach Bayern und zurück mit dem Lkw bewältigte, damit in der Kupferstadt das „Ketsch“ weiterhin floss.

Und wenn abends in einer Kneipe mal das Fass leer wurde oder eine Karnevalsgesellschaft Nachschub brauchte, sorgte Kappes unkompliziert dafür. Aber um eine eigene Brauerei am Ufer der Vicht zu gründen, dazu reichte die Nachfrage nach dem Ketschenburger dann doch nicht. Dieser lang gehegte Wunsch wird Rüdiger Fröschen nun wohl versagt bleiben. Zumal er auch noch eine andere Baustelle hat: Es sieht nicht so aus, dass nach ihrer Erkrankung Restaurantleiterin Irene Langhoff in den „Burghof“ zurückkehren kann.

Burghoftheater bleibt

Seit Anfang des Jahres ist das Restaurant geschlossen. „Irene ist einfach das Herz und die Seele des Hauses“, sagt Fröschen. Wie es mit dem „Burghof“ weitergehen wird ist offen. Auch für dieses Restaurant gibt es Interessenten. Aber nichts drängt des Hausherren zu einer schnellen Entscheidung.

Sicher ist jedoch, dass das 2006 von Fröschen ins Leben gerufene Burghof-Theater weiterhin eine Bühne bieten wird. „Die Proben mit Regisseurin Karin Graf laufen“, sagt der vielseitig engagierte Zahnarzt. Im Januar soll sich der Vorhang für eine neue „Faust-Rate“ öffnen.

Ein anderes Amt hat der 50-Jährige am Freitagabend mit Blick auf seine junge Familie mit zwei Jungs im Alter von drei und neun Jahren ganz bewusst nach acht Jahren in jüngere Hände gelegt: Der 32-Jährige Daniel Heinrichs, Tollität der Session 2012/13, kommandiert nun die Prinzengarde der Ersten Großen. „Ich bleibe weiterhin Gardist, aber ich darf nun auch schon einmal schwänzen“, schmunzelt Rüdiger Fröschen: „Damit ich mich um meine Familie mehr kümmern kann“.