Stolberg: Stolberger als Hahn im Korb: Ballett ist kein reiner Frauensport

Stolberg: Stolberger als Hahn im Korb: Ballett ist kein reiner Frauensport

Wenn Sebastian Püttgen in die Luft springt, sieht das anders aus, als bei den restlichen Kursteilnehmern. Ein bisschen weniger grazil, die Geschmeidigkeit in seinen Bewegungen fehlt. Das mag an seiner Größe liegen, und daran, dass er sich heute nicht richtig aufgewärmt hat. Vielleicht aber auch daran, dass er ein Junge ist — der einzige in seinem Ballettkurs.

Sebastian weiß noch genau, wie er zum Tanzen gekommen ist: durch seine Schwester. „Als unsere Mutter sie zum Training gebracht hat, wollte ich auch mitmachen“, sagt er. Neun Jahre ist das jetzt her. Seitdem kommt der 18-Jährige einmal wöchentlich in das Ballett-Atelier in Stolberg, um zu trainieren. Dass Sebastian allein unter Mädchen ist, stört ihn nicht: „Ich bin gerne der Hahn im Korb, das ist mir nicht peinlich“, sagt er.

Angst vor Hänseleien

Das war nicht immer so: In der Grundschule erzählt Sebastian nichts von seinem Hobby, aus Angst gehänselt zu werden. Ab der siebten Klasse sei das besser geworden, jetzt sieht er sein Tanzen sogar ein Vorteil: Im Sportkurs zum Beispiel oder auf Partys.

Von seinen Freunden erntet Sebastian für sein Hobby Bewunderung, einen von ihnen konnte er sogar zum Mitmachen animieren: „Ich habe gefragt, ob er sich nicht auch am Ballett versuchen möchte“, sagt Sebastian. Nicht ganz uneigennützig, gibt er zu: „Damit ich einen Leidensgenossen habe“. Ganz einfach sei das Training allein unter Mädchen nämlich nicht immer: „Sie sind oft sind viel gelenkiger als ich,“ sagt Sebastian. „Bei der Beweglichkeit gibt es Unterschiede.“

Das bekommt Sebastian auch heute zu spüren: Er sitzt Kursteilnehmerin Laura mit gegrätschten Beinen gegenüber. Sie fassen sich an den Händen, Laura drückt ihre Füße gegen Sebastians Kniegelenke. „Weiter kannst du deine Beine nicht öffnen?“, fragt sie. Irgendwann wird es für ihn zu schmerzhaft.

Schmerzen gehören dazu

Dass es manchmal weh tut, gehöre aber dazu, weiß der 18-Jährige: „Ich versuche schließlich, immer besser zu werden“, sagt er. „Trotz anderer körperlicher Voraussetzungen.“

Ein Außenseiter in der Gruppe ist Sebastian deshalb nicht — auch Berührungsängste gibt es keine. Die Mädchen finden es toll, dass er mittanzt: „Jetzt können wir bei Aufführungen auch mal Hebefiguren machen, oder Übungen, die einen Mann erfordern“, sagt Laura.

Auch Siegfried Matheis, Leiter vom Stolberger Ballett-Atelier, freut sich über männliche Tänzer und räumt mit Vorurteilen auf: Dass Ballett reiner Frauensport ist, sei völliger Quatsch. „Früher waren Frauen gar nicht zugelassen, es haben nur Männer getanzt — auch die weiblichen Rollen.“

Einer der jüngsten angemeldeten Teilnehmer im Ballett-Atelier ist übrigens auch ein Junge: der Vierjährige Sascha. Er lernt spielerisch, was einen guten Tänzer ausmacht: „Bleistift anspitzen“ heißt zum Beispiel Füße strecken, „Prinzessin Buff“ meint die erste Position, eine elementare Grundhaltung im Ballett. Begriffe, die Sebastian auch noch gut kennt. So hat er auch vor neun Jahren angefangen, ehe Ballett zu einem Hobby wurde, das er nicht mehr missen möchte.

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