Stolberg qualifiziert Ordnungsamtsmitarbeiter

Ordnungsamt: Außendienst drückt wieder die Schulbank

„Es hat sich extrem verändert“, sagt Ute Kaufmann. Sie muss es wissen. Seit Anfang Juni 2000 ist sie im Außendienst des Ordnungsamtes der Stadt Stolberg tätig. Gewandelt haben sich nicht nur die Aufgaben, die auf sie und ihre Kolleginnen und Kollegen zukommen.

Gewandelt haben sich auch die Menschen, mit denen die Vertreter der Stadt es zu tun bekommen – seit 1970, als Stadtdirektor Heinrich Römer die erste Politesse zur Kontrolle des Parkraums einstellte.

„Knöllchen schreiben“, ein Ausdruck, den die Mitarbeiter gar nicht gerne hören, ist nur noch ein Teilbereich ihres beruflichen Alltags. Die Überwachung des ruhenden Verkehrs füllt bei Weitem nicht mehr die Stellenbeschreibung der Außendienstmitarbeiter aus. Sie sind heute zugleich Servicekräfte – Ansprechpartner für Bürger in allen Dingen rund um die Kupferstadt. Von der Frage nach dem richtigen Weg, dem Parkplatz oder touristischen Zielen, über allgemeine Anliegen an die Verwaltung bis hin zu Ermittlungen bei Wildem Müll oder die Überwachung von Brennpunkten, Gaststätten und Spielhallen sowie die Sicherung von lokalen Großveranstaltungen. Präsenz zeigen, Eingreifen, Ermitteln, Helfen, Kontrollieren: „Sie geben der Stadt bei ihrem Dienst auf der Straße ein Gesicht“, lobt Robert Voigtsberger das Engagement der Mitarbeiter. „Und sie vermitteln den Bürgern ein Sicherheitsgefühlt“, sagt der Erste Beigeordnete.

Nur wie? „Früher traf man fast immer  auf freundliche Menschen“, sagt Ute Kaufmann. „Heute fragt man sich, mit wem man es zu tun hat? Wie reagiert der Mensch? Wie wird es mir ergehen? In der Regel sind heute die Reaktionen viel heftiger.“

Einsatzzeiten rund um die Uhr

„Ja“, sagt Rechtsdirektorin Birgit Nolte, die seit 16 Jahren auch das Ordnungsamt leitet. „Arbeit und Aufgaben haben sich verändert.“ Schon längst ist der Außendienst nicht mehr nur während der Geschäftszeiten in der Innenstadt unterwegs. In Abstimmung mit dem Personalrat wurden die Einsatzzeiten fast schon rund um die Uhr und bis in den hintersten Winkel des Stadtgebietes ausgeweitet.

Ordnungsamtsmitarbeiter nehmen Seite an Seite mit der Polizei Aufgaben wahr, patroullieren nachts oder zu früher Morgenstunde, absolvieren Schwerpunkteinsätze dort, wo Bürger Probleme schildern – beispielsweise bei wiederholtem Vandalismus, dort, wo junge Menschen über die Stränge schlagen oder wo es vor allem im Sommer immer wieder zu Problemen mit ausufernden Gartenfesten komme.

Intensiver Austausch zur Qualifizierung: Personalrätin Kerstin Meinjard, die Außendienstmitarbeiter Roman Mittig, Ute Kaufmann und Walter Reinartz, Verdi-Sekretär Michael Dopatka, Beigeordneter Robert Voigtsberger, Personalratsvorsitzender Martin Künzer sowie Birgit Nolte und Marcel Poqué vom Ordnungsamt. . Foto: Jürgen Lange

Auch die Vorstellungsgespräche haben sich verändert, berichtet Nolte. „Welche Fähigkeiten bringt der Bewerber mit?“ Nur nett und höflich zu sein reicht nicht mehr für den Job beim Ordnungsamt. Innere Werte und die menschliche Seite zählen mehr, verrät Nolte. Durchsetzungsfähigkeit, Augenmaß und Fingerspitzengefühl sind gefragt.

Und jede Menge mehr Fachwissen als das Zählen der abgelaufenen Minuten auf dem Parkticket sind gefordert. Woher soll man das nehmen? Die Kupferstadt setzt nun auf eine intensive hausinterne Ausbildung. Zweieinhalb Jahre drücken die Mitarbeiter des Außendienstes nun die Schulbank. Zusätzlich zum Dienst und freiwillig. „Es ist toll, dass alle mitmachen“, freut sich Birgit Nolte. Das unterstreicht nicht nur das Engagement des Teams. Das dokumentiert auch ihren Wissensdurst, den Willen, ihre Arbeit noch besser zu machen. Und sicherlich gehört auch eine Portion an Mehr an eigener Sicherheit auf komplizierten Rechtsgebieten dazu.

Das ist die große Frage, die an diesem Tag vor allem Michael Dopatka interessiert. Der Sekretär der Gewerkschaft Verdi informiert sich über  den Weg der Stadt Stolberg auf einem Gebiet, das immer mehr Kommunen als dringendes Handlungsfeld erkennen. Personalratsvorsitzender Martin Künzer hat seinen Gewerkschaftskollegen eingeladen, sich über den Stolberger Weg eingehend zu informieren. „Die hausinterne Qualifizierung erzeugt Professionalität“, bilanziert Künzer. Ein genereller Ausbildungsweg oder -konzept fehlt bislang für den Außendienst, der irgendwo in einem wenig definierten Feld zwischen Polizist  und Verwaltungsfachkraft seine Aufgaben erfüllt. „Aber ein neues Berufsfeld erwächst hier langsam“, sagt Künzer. Die Polizei gebe zunehmend Aufgaben an die städtischen Ordnungskräfte ab, die eine Lücke ausfüllen müssten, die der nicht mehr vorhandene Schutzmann an der Ecke von früher hinterlässt.

„Es ist ein spannendes Thema“, unterstreicht Dopatka.  „Die Kommunen gehen sehr unterschiedlich damit um“, registriert der Gewerkschaftssekretär. So habe sich der Aachener Oberbürgermeister für „eine Billig-Variante entschieden“, die so gar nicht nach dem Geschmack von Verdi ist: die Beauftragung eines externen Sicherheitsdienstes für den Bushof. „Die Privaten können bei weitem nicht die Qualität vorweisen, wie die Mitarbeiter des Ordnungsamtes“, ist Dopatka überzeugt. In Aachen werden die Probleme lediglich verlagert, aber nicht gelöst. Stolberg wähle dagegen die Qualifizierung des Außendienstes durch Fortbildung. „Es ist vorstellbar, dass dieser Weg Signalwirkung auf andere Kommunen haben wird“, prophezeit der Verdi-Funktionär.

Was macht Stolberg? „Wir haben gute Leute, die wir auch halten wollen“, betont Birgit Nolte. Sie geben auch den Puls des (Rat-)Hauses wieder. „Wir wollen die Mitarbeiter weiterbilden und fit machen für die Herausforderungen der heutigen Zeit.“ In Abstimmung mit dem Personalrat hat Nolte ein Qualifizierungsmodell erarbeitet, das sich an den ersten Verwaltungslehrgang anlehnt. Federführend mit im Boot ist Marcel Poqué, der gerade selbst eine Qualifizierung zum Höheren Verwaltungsdienst durchläuft und „frisches Wissen“ mit einbringen kann.

Zweieinhalb Jahre Qualifizierung inklusive Zwischen- und Abschlussprüfung liegen vor den elf Lehrgangsteilnehmern, wobei auch der zwölfte Außendienstmitarbeiter, der absehbar pensioniert wird, das Weiterbildungsangebot annimmt. In diesem Januar hat die Qualifizierung begonnen. Die ersten drei Monate Theorie haben die Kolleginnen und Kollegen, die der normalen Schulbank längst ade gesagt haben, fast geschafft.

Auf Präsenz zurückgreifen

Zwischen den drei jeweils dreimonatigenTheorie-Einheiten liegen Praktika. Beispielsweise bei der Polizei, aber auch andere themenrelevante Behörden stehen auf der To-do-Liste. Beispielsweise die Städteregion, die originär zuständig ist für den Veterinär- und Gesundheitsbereich, aber bei ihren Einsätzen regelmäßig auf die Präsenz der städtischen Ordnungshüter zurückgreift. Besonders spannend dabei sind die mittlerweile ineinander übergreifenden Kompetenzen. Bestes Beispiel dabei ist die Polizei. Teilweise sind die Grenzen der Zuständigkeit klar abgegrenzt, teilweise werden mittlerweile immer mehr polizeiliche Aufgaben auf die städtischen Mitarbeiter übertragen.

Aber vor allem jede Menge Jurisprudenz muss die Klasse bewältigen. Das fängt an beim allgemeinen Verwaltungs- und dem Polizeirecht, geht weiter bei den vielfältigen Vorschriften des Ordnungsrechtes, das auch Themenbereiche wie Gaststätten, Gewerbe, Verkehr und Umwelt umfasst, geht weiter bei Kommunalrecht und Strafrecht und mündet sogar in Teilbereichen des Bürgerlichen Gesetzbuches.

Die erste Zwischenprüfung folgt gleich nach dem ersten Einführungsblock. „Bei dieser Gelegenheit sollen sich die Kollegen auch überprüfen und fragen, ob dieser Weg auch der richtige für sie selbst ist“, betont Nolte und verweist auf die Freiwilligkeit des Angebotes. Mit dem Abschluss, bei dem die Lösung tatsächlicher Fälle aus dem Stolberger Alltag abgefragt wird, winkt den Außendienstmitarbeitern aber auch ein beruflicher Aufstieg. „Die Kollegen gewinnen nicht nur viel Wissen für ihr Berufsleben, sondern ihre Aufgabe liegt dann auch bei weitem nicht mehr bei der Tarifgruppe E5“, unterstreichen Nolte und Künzer. Je nach Aufgabengebiet sind die Stellen dann nach E7 bis E9 zu bewerten. „Details wird dann die Bewertungskommission festlegen müssen“, sagt der Personalratsvorsitzende, der diesen Lehrgang als „best-practice-Beispiel“ würdigt. Sowohl für den Bereich des Ordnungsamtes wie auch für eine grundlegende Fort- und Weiterbildung innerhalb der Stadtverwaltung.

Es ist ein Beispiel, das bei den Mitarbeitern gut ankommt. „Die Qualifizierung macht Freude“, sagt Walter Reinartz, der seit März 2003 sich vor allem der illegalen Abfallproblematik widmet. „Die Leute haben sich um 180 Grad geändert“, sagt Reinartz und meint dabei nicht nur die zunehmende Dreistigkeit beim illegalen Handeln. „Wenn wir bei unseren Ermittlungen an den Wohnungen klingeln, bleiben immer mehr Türen verschlossen.“ Reinartz: „Knalltüten hat es schon immer gegeben, aber das Potenzial geht deutlich nach oben.“ Das ist – da sind sich alle einig – ein Zeichen des gesellschaftlichen Wandels. Den hat auch schon Roman Mittig erfahren, der erst seit April 2017 die blaue Uniform mit dem Wappen des Löwen trägt. „Aggressiver und eigensinniger“, reagieren die Mitbürger.

Es ist vor allem ein besseres Standing im beruflichen Alltag, das sich die Außendienstmitarbeiter versprechen. „Die Qualifizierung gibt uns persönlich eine professionelle Sicherheit und vermittelt die Kenntnis unserer Kompetenzen“, bringt es Ute Kaufmann auf den Punkt: „Was darf ich, was darf ich nicht?“

Ein solches Rüstzeug und die umfassenden gesetzlichen Hintergründe wurde bislang dem Außendienst in Stolberg nicht mit auf den Weg gegeben, als es ausschließlich darum ging, Parksünder zu ertappen. Aber genau das ist längst nicht mehr die einzige Aufgabe, wie Robert Voigtsberger unterstreicht. „Die Bürger verlangen nach der Präsenz unserer Ordnungskräfte“, betont der Erste Beigeordnete. „Sie vermitteln Sicherheit und sind oftmals erster Ansprechpartner“. Es gebe viele positive Rückmeldungen aus der Bevölkerung und immer mehr Wünsche nach dem Einsatz der Außendienstmitarbeiter.

Und das auch in Bereichen, in denen man es auf den ersten Blick nicht vermuten mag, wie das Team aus seinem Alltag berichtet. Zahlreiche Fragen, aber auch viele Informationen werden an sie herangetragen. „Wenn wir selbst nicht zuständig sind, finden wir den richtigen Ansprechpartner, der sich des Problems annimmt“, verspricht Birgit Nolte.

Das ist Alltag in Stolberg. Am Abend nach der Gesprächsrunde brechen zwei Mitarbeiter des Außendienstes vom Rathaus aus einmal mehr auf in eine der Problemzonen des Stadtgebietes. „Wir haben wieder einen gemeinsamen Einsatz mit der Polizei“, verraten sie. Diesmal steht neben Shisha-Bars, Spielhallen wieder einer der bekannten Umschlagplätze für Drogen auf dem Dienstplan. Routine in Stolberg. Die Überwachung des ruhenden Verkehrs ist – allen Unkenrufen zum Trotz – längst nur noch ein Teilaspekt der Kräfte des Ordnungsamtes, die sich engagiert weiterqualifizieren für die Herausforderungen des alltäglichen Berufslebens.

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