ECT-Terminal steigt am Bahnhof ein: „Stolberg liegt von heute an am Meer“

ECT-Terminal steigt am Bahnhof ein: „Stolberg liegt von heute an am Meer“

Der Startschuss ist gegeben. Gleich nach der gelungenen Premiere sind die Gespräche angelaufen, um die Details für den Euregio-Railport in Stolberg auszuarbeiten: Zugstrecken, Organisation, erforderliche Mengen, Zeitpläne... Eine Vision ist am Freitag ins Rollen gekommen. Oder wie es Paul Ham sagt: „Stolberg liegt von heute an am Meer.“

Der Chef der Unternehmensentwicklung der Hutchinson Ports ECT — der größte Umschlagsunternehmer im Rotterdamer Hafen — setzt auf Stolberg. Gemeinsam mit seinem Vorstandsvorsitzenden Leo Rujis schaut er sich den Probelauf des Umschlags von Containern von der Schiene auf die Straße an. Dazu haben die ECT-Manager einen Reachstacker aus ihrem Hinterland-Terminal in Venlo und einen 400-Meter-Zug aus Rotterdam mitgebracht.

Als lokaler Partner haben die Stolberger EVS und die Dürener RATH-Gruppe erst einmal 28.000 Quadratmeter eines der Güterbezirke im Hauptbahnhof provisorisch hergerichtet und die Kontakte zu den Logistikern Offergeld und Starmanns sowie regionaler Unternehmen vertieft. Der Probelauf läuft wie am Schnürchen. Und Paul Ham sagt im Interview mit unserer Zeitung: „Wir möchten hier in Stolberg investieren.“

Hinterlandterminals sind für den Rotterdamer wie auch die anderen Nordseehäfen überlebenswichtig geworden. Die Kapazitäten sind ausgeschöpft. „13,7 Millionen Container werden jährlich in Rotterdam umgeschlagen. Die müssen wir schnell ins Binnenland bringen.“

Erst einmal provisorisch hergerichtet stehen bereits
Erst einmal provisorisch hergerichtet stehen bereits 28.000 Quadratmeter im Stolberger Hauptbahnhof für den Umschlag von Containern bereit.

Von Terminals wie in Stolberg soll die weitere Verteilung und Disponierung der Güter erfolgen. Mit mehr als 1000 neuen Arbeitsplätzen vor allem für geringer qualifizierte Beschäftigte, rechnet Bürgermeister Tim Grüttemeier. „Beim Nike-Terminal nahe Antwerpen ist das gelungen“, nennt RATH-Geschäftsführer Ralph Schmitz als Beispiel. „Seit Jahren arbeiten wir an der Realisierung des Stolberger Terminals.“

Dazu bedarf es Partner — Reedereien, Unternehmen, Logistiker. „Wir begrüßen und unterstützen den Euregio-Railport ausdrücklich“, sagt Ralph Kaußen von der Offergeld Logistik. Mit 500 Lkw und 900 Aufliegern liege zwar der Fokus seines Unternehmens auf der Straße. Aber dort gehe es immer enger und unkalkulierbarer zu. Nachhaltigkeit, CO2-Vermeidung und Klimaschutz stünden auch bei den Kunden immer höher auf der Agenda.

BU
Die Gäste aus Wirtschaft und Politik waren von der Vorführung beeindruckt.

Der Bahntransport der Güter zu regionalen Umschlagsplätzen gewinne eine herausragende Bedeutung. „Wir sind mit im Boot“, betont Claßen. Denn ein Euregio-Railport generiere auch ein neues Wachstumspotenzial für die Unternehmen in der Region.

Als Beispiel aus der Industrie erläutert Dr. Urban Meurer die Zwänge der Berzelius Bleihütte Binsfeldhammer, verstärkt auf Container zu setzen. 180.000 Tonnen Schüttgut per Waggon erhält die Hütte jährlich; hinzu kommen wöchentlich 50 Container mit besonders wertvollen Rohstoffen — mit steigender Tendenz auf dem eingeschlagenen Weg als Mehrmetallerzeuger.

„Wir möchten investieren“: Paul Ham setzt
„Wir möchten investieren“: Paul Ham setzt auf den Stolberger Hauptbahnhof als ein weiteres Hinterland-Terminal des Rotterdamer Hafens.

Und auch bei der Auslieferung der Produkte möchte Meurer mit seinem eigenen Gleisanschluss im Unternehmen verstärkt auf die Schiene setzen. Vergleichbar ist das Bild bei seinem Kollegen Dirk Harten. „Bisher kommen nur die Brammen aus Hamburg mit der Bahn zu uns“, sagt der Schwermetall-Geschäftsführer und IHK-Vizepräsident.

Aber die Masse der Rohstoffe kommt immer noch per Lastwagen aus Rotterdam, so wie das Gros der Produkte auf der Straße zu den Kunden rollt. „Wenn wir das Container-Terminal in Stolberg haben, können wir auf die Schiene setzen“, sagt Harten und zeigt sich beeindruckt von der Präsentation im Hauptbahnhof. Mit Leichtigkeit und Tempo hievt der Reachstacker, ein 50 Tonnen schwerer Greifstapler auf vier Rädern die 40-Fuß-Seecontainer von den Waggons auf die Lkw und umgekehrt.

„Wir fangen morgen an“, sagt Thomas Fürpeil plakativ. Für den EVS-Geschäftsführer geht es nicht nur um Nachhaltigkeit und Zuverlässigkeit beim Transport, sondern auch um den Strukturwandel in der Region. 2030 schließt das Kraftwerk Weisweiler. Der Railport stärke den Wirtschaftsstandort NRW, vereinfache die Logistik für Unternehmen, senke die Transportkosten, und, so Tim Grüttemeier weiter, „sichere und schaffe neue Arbeitsplätze“.

Dabei geht es nicht nur um Beschäftigte, die den Umschlag in dem Hinterland-Terminal durchführen sollen, sondern vor allem die Arbeitsplätze, die in neuen Betriebsstellen die Logistik veredeln. Konfektionierung, Verpackung oder Zusammenstellung der Halbzeugwaren zu Fertigprodukten sind dabei nur Stichworte der Möglichkeiten. Rund fünf Hektar bietet der Güterbahnhof auf 35 Gleis- und Abstellanlagen mit einer Gesamtlänge von rund 14 Kilometer für den Umschlag. Hinzu kommen Flächen in Camp Astrid und Merzbrück.

Aber Tim Grüttemeier und Verkehrsminister Hendrik Wüst geht es auch um einen Wandel hin zur klimafreundlichen Mobilität. Sie beschreiben Stolberg als Drehscheibe im Personen- und Güterverkehr für Schiene und Straße, und avisieren für den autonomen Elektrobus Mover die Teststrecke Camp Astrid und Hauptbahnhof. Und nun liegt Stolberg auch noch an der Nordsee.