Stolberg: „Stolberg goes Italy”: Ein echter Italo-Stolberger

Stolberg: „Stolberg goes Italy”: Ein echter Italo-Stolberger

Als „Enzo” aus der italienischen Provinz Bari 1969 nach Stolberg kam, war er 13 Jahre alt, sprach kein Wort Deutsch und hatte keine Freunde. „Das war schlimm”, sagt Vincenzo Malcangi heute, während er im italienischen Eiscafé sitzt und sich an seine ersten Jahre in Deutschland erinnert.

Viel mehr als ein kleines Wörterbuch und ein paar löchrige Fußballschuhe hatte Vincenzo Malcangi, 56, damals nicht, als er in der Kupferstadt - zusammen mit seinem Vater und seinen zwei Brüdern - ein neues Leben begann. Mit 14 Jahren unterschrieb er den Arbeitsvertrag bei Prym. Sein Vater war glücklich, aber war es der junge „Enzo” auch? Heute ist er es. Seiner Firma ist er treu geblieben, er hat eine Frau, zwei Söhne und ist 42 Jahre nach seiner Ankunft ein echter Stolberger. „Italien ist mein Mutterland, aber hier ist mein Zuhause”, sagt er.

In „den schönen 70er Jahren” lernte Vincenzo Malcangi seine Frau kennen, Karneval in der Disco. Noch im gleichen Jahr wurde geheiratet. „Anfangs habe ich gar nicht gemerkt, dass Vincenzo Italiener ist”, erinnert sich Christa Malcangi und lacht.

Das Paar entspricht nicht gerade dem Bild einer typischen italo-deutschen Beziehung. Christa Malcangi ist zwar ein echtes „Altstadt-Mädcher”, die ihrem Mann das Platt-Deutsch beigebracht hat, aber viele ihrer Bekannten behaupten, sie sei „die eigentliche Italienerin”. Ein kleiner Macho sei Vincenzo in jungen Jahren schon gewesen, und eifersüchtig, wenn sich seine Frau für den Fußballplatz schön machte, um „Torschützenkönig Enzo” anzufeuern. Auch sein Temperament gehe hin und wieder mit ihm durch, wenn es Streit gibt. „Aber im Grunde ist mein Mann viel ruhiger als ich”, sagt Christa Malcangi.

Familie an erster Stelle

In einer Sache sind sich die beiden sehr ähnlich und gleichsam italienisch geprägt. Die Familie steht für die Malcangis an erster Stelle. Ihre Söhne Roberto (26) und Marco (31) sind ihr Ein und Alles. „In Italien fühlt man sich der Familie viel mehr verpflichtet”, erzählt das Paar. „Aber mittlerweile ist der Trend bei den jungen Leuten ähnlich wie hier. Sie heiraten später und bekommen weniger Kinder”, bedauert Vincenzo Malcangi. „Da geht etwas von dem Charakter Italiens verloren.” Die Malcangis haben alles daran gesetzt, dass ihre Söhne eine gute Zukunft haben. Zurzeit hilft Vincenzo Malcangi seinem Sohn Roberto in jeder freien Minute beim Hausbau.

Wenn jemand ihren Kindern Steine in den Weg legte oder sie als „Migrantenkinder” bezeichnete, kämpfte Christa Malcangi „wie eine Löwin” für sie. Auch Vincenzo Malcangi wird lieber „Italo-Deutscher” als „Migrant” genannt. Schließlich hat er seit seinem 14. Lebensjahr hart gearbeitet und Steuern gezahlt, und er besitzt einen deutschen Pass. „Da will man auch ensprechend behandelt werden.”

Die Familie habe es nicht immer leicht dabei gehabt, akzeptiert zu werden. Dabei denken sie vor allem an Lehrer zurück, die ihren Kindern mit Vorurteilen begegneten. „Als wir jung waren, haben wir uns über so etwas sehr aufgeregt”, erzählen sie. Heute sind sie lockerer geworden, legen nicht mehr jedes Wort auf die Goldwaage. Auf Ungerechtigkeiten im Alltag reagieren sie mit kleinen Tricks. Wenn sie zum Beispiel einen Tisch im Restaurant reservieren, nutzt Christa Malcangi ihren Mädchennamen. Denn sie weiß mittlerweile: „Dann bekommen wir einen besseren Platz.”

Vincenzo Malcangi fühlt sich in Stolberg inzwischen sehr gut integriert. Über die Mitgliedschaft in verschiedenen Fußballvereinen hat er eine Menge Freunde gefunden, mit vielen Kollegen arbeitet er seit über 40 Jahren zusammen und hat ein sehr vertrauensvolles Verhältnis aufgebaut. In seine Heimat kehrt er nicht mehr ganz so oft zurück wie früher, als die Kinder noch klein waren. Meist einmal im Jahr machen die Malcangis Urlaub in Italien und sehen die Familie. „Er bekommt oft schneller Heimweh nach Stolberg als ich”, sagt Christa Malcangi über ihren Mann.

Trotzdem ist Vincenzo Malcangi natürlich stolz auf seine Heimat. Wenn die italienische gegen die deutsche Nationalmannschaft spielt, dann hängen beide Flaggen im Wohnzimmer. Ein bisschen mehr schlägt sein Herz aber dann doch für die Italiener, gibt Malcangi zu. Wenig stolz ist er auf Italiens Ministerpräsidenten. „Berlusconi ist ein Rassist, er muss weg”, sagt Malcangi und zum ersten Mal weicht sein Lächeln einer finsteren Miene.

Es ist ihm unangenehm, wenn er auf Berlusconi angesprochen oder gar mit ihm in einen Topf geschmissen wird. Dass sein Heimatland von diesem Mann repräsentiert wird, ist für Malcangi eine Schande. Umso besser, dass seine Heimatstadt am Wochenende mit „Stolberg goes Italy” ein gutes Licht auf Italien wirft. Die Malcangis freuen sich auf das Fest: „Wir sind gespannt, wie viele Italiener wir treffen werden!”