Stolberg: Dominique Lopes-Pedro von der Jugendarbeit im Interview

Interview der Woche : Der Sozialarbeiter weiß, was die Jugendlichen beschäftigt

Seit mehr als einem Jahr arbeitet Dominique Lopes-Pedro (31) als Sozialarbeiter im städtischen Jugendzentrum Westside. Der Sozialpädagoge ist sowohl in der offenen Jugendarbeit tätig als auch bei der mobilen Jugendarbeit. Seine eigene Geschichte und Erfahrungen helfen ihm, die Probleme der Jugendlichen zu verstehen.

Als selbsternannter „Kicker-Gott“ gelingt es dem Mausbacher nicht nur über den Sport die Barriere zu den Jugendlichen abzubauen. Im Interview mit unserer Mitarbeiterin Anne Schröder verrät Lopes-Pedro, warum ihm sein Job am Herzen liegt.

Herr Lopes-Pedro, Sie arbeiten zum einen im Jugendzentrum Westside und zum anderen in der mobilen Jugendarbeit. Wie unterscheiden sich die beiden Bereiche?

Lopes-Pedro: Bei der mobilen Jugendarbeit geht es darum, die Orte zu finden, wo Cliquen ihre Freizeit verbringen. Das sind oft zentrale, aber versteckte Orte. Häufig beschweren sich Anwohner beispielsweise über Müll oder laute Musik. Ich versuche dann mit den Jugendlichen in Kontakt zu kommen. Ich habe immer einen Fußball dabei, um das Eis zu brechen. Meine Aufgabe ist es, auf beiden Seiten für Verständnis zu sorgen, zu vermitteln und zu sensibilisieren. Im Westside hingegen kommen die Jugendlichen in ihrer Freizeit zu uns.

Was machen Sie dann mit den Jugendlichen im Westside?

Lopes-Pedro: Ich bin relativ nah dran aufgrund meines Alters und meiner Interessen. Ich würde mich selbst als „Kicker Gott“ bezeichnen (lacht) und viele wollen sich dann an mir messen. Wir haben auch Spielekonsolen hier und neuerdings einen Flipper. Mein großes Steckenpferd ist aber die Musik, denn ich habe schon immer viel gesungen. Wir haben im Haus auch die Möglichkeit, eigene Songs aufzunehmen.

Für junge Menschen bestimmt eine spannende Erfahrung.

Lopes-Pedro: Auf jeden Fall. Im Moment ist Deutsch-Rap hoch im Kurs. Wir versuchen dann erst einmal Texte zu schreiben. Manchmal sind die verfassten Stücke nicht ganz jugendfrei, weil viele sich erst einmal profilieren wollen. Ich habe aber schon einen hohen Anspruch an Texte und gebe den auch weiter. Wir finden dann immer eine gute Mitte. Bald gibt es auch ein Rundumprojekt, wo wir das Ganze im größeren Rahmen anbieten und Interessierten bis 25 Jahren erklären, wie es vom Text zur fertigen Platte geht.

Ihr musikalischer Hintergrund ist wahrscheinlich auch der Grund, warum Sie sich für die Konzertreihe Westside Stories engagieren, oder?

Lopes-Pedro: Genau, die Grundidee ist, dass wir einen Abend mit Konzerten zu einer bestimmten Musikrichtung veranstalten – und das mit Künstlern aus der Region. Das Organisatorische macht mir viel Spaß und zu sehen, dass es klappt, ist noch viel schöner. Das ist aber bei allen Ideen so, die man in der Jugendarbeit einbringt. Man bietet was an, bereitet vor, aber weiß nie genau, wie das von den Jugendlichen angenommen wird.

Was stehen denn noch für Ideen für die Zukunft an?

Lopes-Pedro: Unter anderem wollen wir mit der Jugendwerkstatt zum Thema Streetart kooperieren und beispielsweise mit Graffiti etwas gestalten und mit Künstlern zusammenarbeiten. Das soll im Rahmen der Projekte „Zoom“, des „Viertel-LAB“ und „Obertsark“ passieren. Dazu laufen gerade Gespräche und Überlegungen. Ich würde mich außerdem freuen, wenn das Jugendkino wiederbelebt werden würde. 

Warum haben Sie diesen Berufsweg eingeschlagen?

Lopes-Pedro: Ich war selbst Jugendlicher in einem sozialen Brennpunkt, im Ostviertel in Aachen. Ich hab ganz viel aus dieser Zeit mitgenommen. Wenn es um Unterstützung zum Beispiel bei Hausaufgaben ging, war das Jugendzentrum der Stadt Aachen meine Anlaufstelle. Dort gab es PCs, aber auch Spiele und Gleichaltrige. Ich hatte auch Ansprechpartner, wie ich jetzt einer bin, die mich gepusht haben.

Inwiefern?

Lopes-Pedro: Zum Beispiel bei der Bildung. Mein Weg war dann doch recht erfolgreich. Ich war erst auf der Realschule, bin dann aufs Gymnasium und habe Abitur gemacht. Ich habe mich zuerst in einigen Ausbildungen versucht, weil ich mir das Studium nicht leisten konnte. Und die Betreuer haben mich gerade in der Zeit sehr unterstützt.

Hilft Ihnen ihre eigene Geschichte im Umgang mit den Jugendlichen?

Ja, schon. Man begrüßt sich per Handschlag und versteht sich schnell sehr gut. Ich sage aber auch klar, wenn Grenzen überschritten werden. Die Kinder nehmen das anders wahr, als wenn man mit erhobenem Zeigefinger da steht. Die Jugendlichen suchen sich auch ihre Ansprechpartner aus und wenn manche wissen, dass ich in relativ schweirigen Familienverhältnissen aufgewachsen bin, hilft das, die Barrieren abzubauen.

Was waren das für schwierige Familienverhältnisse?

Lopes-Pedro: Also es war keine oder so Gewalt im Spiel. Ich komme aus einer Migrantenfamilie, meine Eltern haben beide gearbeitet und es waren die typischen Probleme wie Integration, Sprache und die neue Kultur. Ich bin in Angola geboren. Mein Vater hat damals professionell Basketball gespielt und war auch in der Nationalmannschaft. Wir sind dann wegen dem Job nach Europa gekommen als ich drei Jahre alt war. Wir haben in Portugal, in den Niederlanden, Belgien und Frankreich gelebt, bevor wir nach Deutschland gekommen sind. Da musste ich erst einmal die Sprache lernen. Auch das Bildungssystem mit den weiterführenden Schulen kann eine Migrantenfamilie überfordern. Daran hängt aber nunmal die Zukunft der Kinder.

Da kann eine Anlaufstelle wie ein Jugendzentrum der erste Wegweiser sein. Was ist Ihnen bei der Unterstützung von Jugendlichen wichtig?

Lopes-Pedro: Das hört sich immer platt an, aber: der Dialog ist wirklich wertvoll. Wenn man Dinge bespricht und Probleme offen darlegt,  dann klärt sich ganz viel von selbst. Besonders Vorurteile lösen sich auf. Wenn man Hintergründe erfährt, kann man nachvollziehen, warum eine Person so ist, wie sie ist. Das bringt sehr viel. Beispielweise wenn man weiß, dass Migrantenkinder zu Hause viel Stress haben, weil sie Verantwortung übernehmen müssen. Was ich in Deutschland gut finde ist, dass es zu jedem Lebensbereich ein kostenloses Beratungsangebot gibt. Das ist ein großer Vorteil. Wenn man ein Problem hat, kann man Hilfe finden. Man muss nur wissen wo – und das geht auch, indem man miteinander spricht.