Stadt Stolberg plant neues Nahverkehrskonzept

Stadt plant neues Nahverkehrskonzept : Liniennetz der Busse wird untersucht

Das, was die Stadt im Rahmen ihres klimafreundlichen Mobilitätskonzeptes jetzt anpacken möchte, hat der Stadtrat bereits einmal  wenn auch unter anderen Gesichtspunkten – Anfang der 1990er Jahre diskutiert: Ein Stadtbussystem soll Ortsteile untereinander und mit dem Stadtzentrum verbinden und einen Anschluss an die Euregiobahn und überregionale Buslinien herstellen. Im nächsten Jahr soll der Rat eine entsprechende Machbarkeitsstudie beauftragen.

Vor zwei Jahrzehnten hatte das Schweizer Ingenieurbüro Hüsler das bereits einmal im Auftrag des damaligen Kreises Aachen gemacht. Im Gegensatz zu den anderen Kommunen lehnte der Stolberger Stadtrat die Vorschläge am 23. Mai 1995 mehrheitlich ab: SPD und UWG wollten seinerzeit Mehrkosten für die Stadt durch die Straffung des altehrwürdigen Liniensystems der Aseag vermeiden.

Erinnerungen an Hüsler-Konzept

Das Hüsler-Konzept schlug für Stolberg ausgehend vom Mühlener Bahnhof fünf Ringbuslinien vor: eine über Atsch und Büsbach wieder zurück, eine über Velau und Donnerberg, eine dritte in Richtung Mausbach, Werth, Gressenich und Schevenhütte, eine vierte via Vicht und Zweifall sowie eine fünfte über Büsbach, Venwegen und Breinig, wobei ebenfalls Zweifall angefahren werden sollte, um den Ringschluss im Süden zu ermöglichen. Aachen und Eschweiler sollten mittels Schnellbussen – sowie später mittels Euregiobahn – auf direktem Wege erreichbar sein.

Bereits fünf Jahre nach dem Nein muss das klamme Stolberg den gewohnten Buslinien mit einem Streichkonzert zu Leibe rücken: einerseits aus Kostengründen, um die Umlage für den Öffentlichen Personennahverkehr um eine halbe Million Euro zu reduzieren, andererseits um Parallelverkehre zur damals neuen Euregiobahn zu vermeiden.

Ob die zukünftige Linie 38 wirklich einmal bis Zweifall fährt ist offen. Zunächst soll sie Innenstadt und Hauptbahnhof besser vertakten. Foto: Jürgen Lange

So wurde beispielswiese die bis dato von Vaals bis Hauptbahnhof verkehrende Linie 25 am Mühlener Bahnhof gekappt (nachdem sie zunächst über Atsch bis Buschmühle fahren sollte), die Linie 32 als durchgehende Verbindung nach Mausbach gestrichen, so dass Vicht wieder wie zu Straßenbahnzeiten ein Umsteigebahnhof wird, und die Linie 22 fährt nur dank heftiger Bürgerproteste weiterhin durch die Atsch. Andere Linien, wie die 42, unternehmen fortan halbe Weltreisen durch das Stadtgebiet, andere Linien, wie die 12, fahren auf einmal als 48 weiter über Donnerberg nach Eschweiler. Zudem wurden zahlreiche Verbindungen zu Zeiten des Schwachlastverkehrs gestrichen.

Nur mühsam finden sich die Stolberger mit dem veränderten Linienangebot zurecht, dass über die Jahre in kleinen Details immer wieder einmal nachgebessert wird. So wurde an der Führung der Linie 72 gearbeitet, und neu kamen 2009 die Schnellbuslinie 125 nach Aachen und 2010 der Nachtbus N8 von Aachen via Eilendorf nach Stolberg hinzu.

„Nun wollen wir eine grundlegende Untersuchung des bestehenden Bussystems in Auftrag geben“, kündigt Tobias Röhm an. Denn alleine schon aus Gründen des Klimaschutzes müsse neben weiteren Ansätzen auch der ÖPNV attraktiver werden, damit die Stolberger ihr konventionelles Auto stehen lassen. Zudem erkennt der Technische Beigeordnete städtebauliche Veränderungen im Stadtgebiet als Anlass ebenso wie Fahrgastanalysen der Aseag und politische Wünsche.

Die geheime Linie 38

Beispielhaft nennt Röhm das Neubaugebiet an der Rotsch, die Überlegungen zur Neugestaltung des Geschwister-Scholl-Platzes und die Anträge zu einer Optimierung der Linien 40 und 62 in diesem Bereich. Ein weitere Wunsch sei eine verbesserte Verknüpfung zwischen Zweifall und Breinig.

„Wir möchten Ergebnisse bereits für den Nahverkehrsplan 2020/24 anmelden können“, sagt Andreas Pickhardt, aber „völlig ergebnisoffen“ sollen zunächst die Untersuchungen zu Veränderungen am bisherigen Buskonzept erfolgen, betont der Planungschef im Rathaus.

Dazu zählen durchaus auch grundlegende Überlegungen. „Was ist vorteilhafter für die Kunden und angesichts der Struktur des Stolberger Stadtgebietes?“, fragt Pickhardt: ein umsteigefreies Erreichen von Stadtteilen, was möglicherweise lange Linienwege bedeutet, oder schnelle und kurze Verbindungen, die jedoch das Umsteigen in andere Linien bedeuten können? Zudem geht es um Fragen der Taktung und der Verknüpfung mit den überregional verkehrenden Buslinien sowie der Euregiobahn nebst der Verknüpfung mit den Nachbarkommunen.

Derzeit führt die Stadt jährlich rund 3,09 Millionen Euro für den ÖPNV als Umlage an die Städteregion ab. „Es wird eine politische Entscheidung im Sinne des Klimaschutzes sein, für wie viel mehr Geld auch eine entsprechend bessere Qualität des ÖPNV in Stolberg erzielt werden kann“, bringt Pickardt einen Aspekt der Untersuchung auf den Punkt. Andere sind die Mitnahme von Fahrrädern, der Einsatz von Midi- oder Kleinbussen sowie auch die Machbarkeit grundlegend andere Beförderungsmodelle, so Tobias Röhm weiter: „Und natürlich das zu erwartende Fahrgastaufkommen.“

Bei der Geheimen Kommandosache „Linie 38“ sollen die Pläne im kommenden Jahr in die Ausschussberatungen gelangen. Die Untersuchungen der Verwaltung und die Abstimmungsgespräche mit der Aseag sehen ihrer finalen Phase entgegen, bestätigt Tobias Röhm. Absehbar sollen die Lenkungsgruppen und politische Zirkel mit den Vorberatungen befasst werden können.

Ziel der Verwaltung ist es jedenfalls, das neue Wundermittel an der Mobilitätsfront bereits vor dem Ausgang der Busanalyse auf die Reise zu schicken. Erreicht werden soll damit in erster Linie eine bessere Vertaktung der Innenstadt mit den Reginalexpress-Zügen der Deutschen Bahn am Hauptbahnhof über den Halbstundentakt der Euregiobahn hinaus. Weitere Details stehen noch nicht fest. Angestrebt ist der Dienstbeginn zum Fahrplanwechsel im Juni 2019.

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