Stolberg/Aachen: „Spiderman” legt sich mit dem Richter an

Stolberg/Aachen: „Spiderman” legt sich mit dem Richter an

„Spiderman” steht vor Gericht: In Aachen muss sich seit Montag ein 35 Jahre alter Stolberger wegen 27 Einbrüchen in Arzt- beziehungsweise Tierarztpraxen und Büroräume sowie Gaststätten verantworten.

Den Namen „Spiderman” hat der von Drogen abhängige Mann weg, seit er durch eine abenteuerliche Flucht im Januar 2004 seine Festnahme vereiteln wollte und am Fallrohr einer Regenrinne fünf Meter emporkletterte wie der rot-blaue Kinoheld.

Seine Flucht führte ihn über die Dächer Stolbergs, in die Räume einer Gaststätte auf der Mühle, in der er, nachdem er ein Fenster eingeschlagen hatte, erfolglos Unterschlupf suchte. Zuletzt sprang er erschöpft in den Vichtbach, wo die Handschellen klickten.

Ein Beamter habe ihm gedroht: „Bleib stehen, sonst schieße ich”, empörte sich der Angeklagte nun vor Gericht. Den Vorsitzenden Richter Jürgen Beneking beeindruckte das wenig: „Das ist doch nichts Besonderes. So eine Drohung ist vermutlich die einfachste Art eine Flucht zu beenden. Sie hatten die Beamten ja auch ganz schön auf Trab gehalten.”

Bedröhnt von Kokain

In der Tat war bei dieser Aktion sogar ein Polizist verletzt worden, nachdem der Angeklagte unmittelbar vor seinem Verfolger eine schwere Stahltüre zugeworfen hatte. Die prallte dem eifrigen Beamten gegen die Schulter und verursachte bei dem Getroffenen schmerzhafte Prellungen. Weshalb sich der Angeklagte nicht nur wegen Diebstahls, Widerstandes gegen Vollstreckungsbeamte und Sachbeschädigung, sondern auch wegen Körperverletzung verantworten muss.

Unmittelbar nach seiner Festnahme im Januar 2004 hatte der Mann bei der Polizei ein umfassendes Geständnis abgelegt, das er allerdings acht Tage später widerrief. Er sei bedröhnt gewesen von Kokain und habe alles abgenickt, was die Polizei ihm vorgehalten habe.

„Ich habe gesagt, was denen gefallen hat”, betonte der Mann mit dem dunklen Zopf am Hinterkopf und den tätowierten, muskulösen Oberarmen auch jetzt wieder vor Gericht. Sein Teilgeständnis hier begründete er damit, er könne schließlich nichts auf seine Kappe nehmen, was er nicht zu verantworten habe.

Den Vorsitzenden Richter machte er sich allerdings nicht zu seinem Freund. Denn der hielt dem Angeklagten Passagen des ersten Vernehmungsprotokolls vor, in dem er zu verschiedenen Diebstählen, die er nun nicht mehr begangen haben will, detailreiche Ausführungen gemacht hatte. Weniger gut kam bei der Kammer auch an, dass der Angeklagte angab, bei der Polizei habe man ihm nach der Festnahme weder einen Arzt noch einen Anwalt besorgen wollen.

Ohne Schulabschluss

„Welcher Arzt, und wofür? Erzählen Sie uns hier keine Märchen. Ihnen fehlte doch körperlich nichts. Was sollte denn geschehen?”, wollte Beneking von dem Angeklagten wissen. Dieser betonte: „Ich habe mich nicht gut gefühlt. Ich war fertig mit den Nerven, nach den ganzen Strapazen.” Im Anschluss an die dreieinhalbstündige Vernehmung sei er sogar zusammengebrochen.

Da hatte er allerdings längst einen Passus bei der Polizei unterschrieben, wonach ihm bekannt sei, dass er dort erstens nicht aussagen müsse und zweitens jederzeit einen Anwalt hinzuziehen dürfe.

Bei dem Angeklagten handelt es sich um einen arbeitslosen Mann, der 1969 in der Türkei zur Welt kam und mit einem Jahr nach Deutschland kam. Hier besuchte er die Hauptschule, die er nach der 7.Klasse ohne Abschluss verließ.

Während eines längeren Aufenthaltes im Jugendknast machte er eine Schweißerlehre. 1989 folgte der nächste Gefängnisaufenthalt (16 Monate). Anfang der 90er Jahre heiratete er eine türkische Frau, die er nicht kannte. Seine Eltern hatten die Ehe arrangiert, aus der insgesamt vier Kinder hervorgegangen sind. Mittlerweile sind die Eheleute allerdings getrennt. Ein fünftes (uneheliches) Kind des Angeklagten kam 2002 zur Welt. Vor Gericht gab er an, seit 1995 Kokain zu nehmen. Sein Prozess soll bereits am Donnerstag zu Ende gehen.

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