Stolberg: Sozialkaufhaus der WABe in Stolberg feiert Jubiläum

Stolberg : Sozialkaufhaus der WABe in Stolberg feiert Jubiläum

Rollstühle, Vogelhäuser, Hochzeitskleider — in den Lagerräumen der WABe findet alles seinen Platz. Während einige Mitarbeiterinnen riesige Wäscheberg sortieren, schraubende andere im Keller an alten Fahrrädern oder trennen draußen neben dem hauseigenen Recyclinghof wiederverwertbare Möbel von Sperrmüll.

Ein Stockwerk höher werden in der Schreinerei Möbel repariert, aufgearbeitet oder neu gefertigt. Dieser Bereich ist es, der Manfred Peters ganz besonders am Herzen liegt. Schließlich ist er selbst ausgebildeter Schreiner und seit dem allerersten Tag Leiter des Sozialkaufhauses in Stolberg.

Als Teil des Diakonischen Netzwerks Aachen hat sich der Verein „Wohnung, Arbeit, Beratung“, kurz WABe, das Ziel gesetzt, haftentlassenen, wohnungslosen, langzeitarbeitslosen und behinderten Menschen zu unterstützen. Im Sozialkaufhaus wird Hilfe zur Selbsthilfe geleistet.

Große Veränderungen

Wer 2008 bei der Eröffnung dabei war, würde den Laden an der Ellermühlenstraße kaum wiedererkennen. Peters erinnert sich noch gut an den ersten Tag. „Damals stand ich hier mit 15 jungen Mitarbeitern und die größte Frage war ‚Wie können wir hier ein Sozialkaufhaus aufbauen?‘“. Mit einer groben Vorstellung legte das Team los und baute den ehemaligen Supermarkt Stück für Stück um. Nach wenigen Monaten eröffnete das Sozialkaufhaus. „Wir hatten nur drei bis vier Möbelstücke und kleinere Spenden zu verkaufen“, erzählt Peters.

Inzwischen sind zehn Jahre vergangen und der Verein ist mit dem Sozialkaufhaus aus dem Stadtgeschehen nicht mehr wegzudenken. Zwei weitere Läden wurden eröffnet, an der Rathausstraße und an der Salmstraße. Das Gebäude an der Ellermühlenstraße gehört inzwischen dem Verein. 105 langzeitarbeitslose Menschen, darunter 25 Stammmitarbeiter, erhalten durch den Job unter Betreuung von fünf Anleitern und vier Mitarbeitern des Sozialdienstes eine sinnstiftende Beschäftigung für 15 bis 30 Stunden in der Woche.

Viele der Mitarbeiter haben einen Migrationshintergrund, ebenso wie zwei Drittel der Kunden. Das sorgt hin und wieder auch für Konfrontationen. „Hier treffen Kurden auf Türken, rechte Deutsche auf Flüchtlinge“, erklärt Peters. Die Anleiter müssen Vermittlungsarbeit leisten. „Unsere Mitarbeiter leben am Rand der Gesellschaft und einige suchen einen Schuldigen für ihre Situation. Wir bringen unsere Mitarbeiter dazu, über den Tellerrand hinaus zu blicken“, fügt er hinzu.

Wiedereingliederung

Maximal drei Jahre können Mitarbeiter im Kaufhaus arbeiten. Danach sollen sie fit für den ersten Arbeitsmarkt und die freie Wirtschaft sein. Das ist allerdings nicht immer der Fall. „Viele kommen mit dem Druck, der in der freien Wirtschaft herrscht, nicht zurecht“, sagt Holger Kaminski, ebenfalls Anleiter bei der WABe und für die Verwaltung des Sozialkaufhauses zuständig. „Wir sehen eine stetige Entwicklung bei den Mitarbeitern“, sagt Kreitz.

Trotzdem sei nicht jeder nach den drei Jahren für die Arbeit in der freien Wirtschaft geeignet. „Hier haben sie soziale Anbindung, eine Aufgabe die ihren Talenten und Bedürfnissen entspricht und sie fördert. Das bricht dann weg“, fügt Ralph Kreitz hinzu. Er arbeitet seit zwei Jahren als Anleiter im Sozialkaufhaus. „Manche fallen danach in ein Loch“, bestätigt Peters. Wenn es doch klappt, freuen sich Peters und seine Kollegen umso mehr.

Kunden mit Berechtigungsschein

Täglich finden bis zu 300 Kunden den Weg ins Sozialkaufhaus, etwa 150 von ihnen finden etwas passendes und zahlen dafür. Sie alle verfügen über einen Berechtigungsschein vom Sozialamt. Wenn entsprechende Scheine vorliegen, versorgen die Mitarbeiter sie auch mit dringend benötigten Möbeln wie Betten oder Küchen. Dafür hat das Sozialkaufhaus einen eigenen Logistikdienst und Transporter. Mitarbeiter sammeln gespendete Möbel bei den vorherigen Eigentümern ein und liefern reservierte Stücke an ihre zukünftigen Besitzer aus.

Ein Blick in die Lagerräume des Sozialkaufhauses verrät: An Spenden mangelt es hier nicht. Die Kartons stapeln sich bis unter die Decke. „Die Spendenbereitschaft ist groß. Manchmal müssen wir für ein oder zwei Wochen einen Aufnahmestopp verhängen“, sagt Holger Kaminski. „Wir sind auch gerade auf der Suche nach einer Lagerhalle.“ In den gespendeten Kartons stoßen die Mitarbeiter auch auf ungewöhnliche Artikel. „Von Erotikartikeln bis hin zu Antiquitäten oder Taucheranzügen für Kinder ist alles dabei“, sagt Kaminski.

Blick in die Zukunft

Anlässlich des Jubiläums blicken die Leiter in die Zukunft. „Wir wünschen uns nicht, dass wir ständig weiter wachsen, denn das bedeutet ja, dass es immer mehr Bedürftige gibt“, sagt Peters. „Ich wünsche mir nur, dass niemand auf der Strecke bleibt.“ Dafür sei eine Stärkung des dritten Arbeitsmarkts wichtig. „Langzeitarbeitslose können nicht durch einfach Qualifizierungsmaßnahmen den Fachkräftemangel ausgleichen. Das funktioniert nicht“, kritisiert auch Kaminski einige Ansätze der Arbeitsmarktpolitik.

Ideen für die Zukunft gibt es genug. Peters und seine Kollegen spielen mit dem Gedanken, die Räume über dem Sozialkaufhaus in Wohnraum für betreutes Wohnen umzuwandeln. Konkrete Pläne zur Finanzierung des Projektes stehen aber noch aus. „Die Zukunft wird spannend, jeder Tag bringt neue Erfahrungen und bisher wurden uns kaum Grenzen gesetzt“, sagt Kreitz. „In einer kleinen Stadt wie Stolberg können wir viel bewegen, das macht Spaß“, sagt Kaminski.

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