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Sigrid Adelsgruber ist Lesepatin an der Büsbacher Grundschule

Lesepaten an der Büsbacher Grundschule : Der Spaß am Lesen steht im Vordergrund

„Gerade durch die neuen Medien lesen Kinder heute oft zu Hause überhaupt nicht mehr“, sagt Sigrid Adelsgruber. Sie ist eine von 16 Lesepaten an der Grundschule Bischofstraße. Wie ihre ehrenamtliche Arbeit dort aussieht? Wir haben sie begleitet.

„Weißt du denn was nörgeln ist?“, fragt Sigrid Adelsgruber. Neben ihr sitzt Fabian (Name von der Redaktion geändert), der die dritte Klasse der Büsbacher Grundschule an der Bischofstraße besucht. Der Junge schüttelt den Kopf. „Stell dir vor, deine Mutter hat Mittagessen gekocht und das schmeckt dir gar nicht. Dann nörgelst du daran rum“, sagt Adelsgruber und erhält daraufhin prompt eine Antwort von ihrem Gegenüber: „Mir schmeckt das fast nie“, sagt Fabian. „Siehst du, dann kennst du das ja“, sagt Adelsgruber, und beide lachen.

Die 78-Jährige ist jede Woche in der Büsbacher Grundschule zu Besuch und dort ein gern gesehener Gast. Und das, obwohl sie den Kindern einen Bereich näher bringt, der heute nur noch selten außerhalb der Schulmauern eine wichtige Rolle spielt: das Lesen. Die 78-Jährige ist eine von insgesamt 16 Lesepaten, die mit den Kindern der Büsbacher Grundschule üben. „Unser Ziel ist es, dass die Kinder Spaß am Lesen bekommen. Das ist das Allerwichtigste. Ich möchte alle Lesepaten so begeistern, dass sie mit Freude dabei sind. Nur dann kann sich diese Freude auch auf die Kinder übertragen“, sagt Adelsgruber.

Doppelt so viele Paten

Seit Mai dieses Jahres gibt es in Büsbach die Lesepaten. Angefangen hatte alles mit acht Ehrenamtlern. Nun sind es doppelt so viele. Das Projekt ist eine Kooperation zwischen der Büsbacher Grundschule und der Interessengemeinschaft Büsbach. „Die IG Büsbach ist mit ihrer Idee zu uns gekommen. Wir waren direkt begeistert von diesem Projekt, das in Frankfurt schon sehr erfolgreich läuft“, sagt Schulleiterin Susanne Thieves.

In Frankfurt sind an 62 Schulen insgesamt 370 Lesepaten tätig. „Wir hoffen, dass sich irgendwann auch andere Schulen diesem Projekt anschließen“, so Thieves weiter. In Stolberg ist die Büsbacher Grundschule bisher die einzige Einrichtung, die mit Lesepaten arbeitet. Und wie sieht die Förderung aus? Jeder Lesepate hat feste Termine, an denen er in die Schule kommt.

Sigrid Adelsgruber ist jeden Freitagvormittag an der Reihe. Sie übernimmt allerdings auch die Vertretung, wenn einmal einer ihrer Mitstreiter verhindert ist. 20 Minuten nimmt sich Adelsgruber für jedes Kind Zeit. In zwei Schulstunden kann sie so mit bis zu vier Schülern das Lesen üben. Und nicht nur das. „Neue, spannende Welten öffnen sich und ganz nebenbei werden Lesekompetenz, Sprachgebrauch und Konzentrationsfähigkeit gefördert, der Wortschatz erweitert, die Ausdrucksmöglichkeiten sowie das Kommunikationsvermögen trainiert“, sagt Thieves.

Das Gelesene auch Verstehen

Welche Kinder gefördert werden und was gelesen wird, entscheiden die Klassenlehrer. „Sie wissen schließlich genau, wer förderwürdig ist und Hilfe braucht. Unsere Aufgabe ist es dann, die Kinder zu motivieren“, sagt Adelsgruber. Sie legt großen Wert darauf, dass die Kinder nicht nur flüssig lesen, sondern das Gelesene auch Verstehen. Immer wieder stellt sie deshalb Fragen oder erklärt bestimmte Wörter einmal ganz genau. „Weißt du eigentlich, was Lampenfieber ist?“, fragt sie beispielsweise die kleine Amara, die an diesem Vormittag ebenfalls an der Reihe ist. Das Mädchen überlegt und antwortet schließlich mit „nein“. „Lampenfieber hat man, wenn man ganz doll aufgeregt ist“, sagt Adelsgruber.

Mit drei der vier Kinder liest sie an diesem Tag Auszüge aus dem Buch „Ein blinder Passagier“. Darin versteckt das Mädchen Luisa ihren Hasen Frau Langohr mitsamt Käfig im Wagen, damit auch das Tier gemeinsam mit der Familie Urlaub machen kann. Mittendrin hört Fabian plötzlich auf zu lesen. Ungläubig schaut er Sigrid Adelsgruber an. „Will die den Hasen ernsthaft an den Strand legen?“, fragt er und gibt sich die Antwort selbst indem er energisch den Kopf schüttelt.

Das pfiffige Kerlchen liest die nächsten Seiten. Dann schiebt er plötzlich das Buch zu Adelsgruber hinüber. „Kannst du mir dazu jetzt Fragen stellen?“, bittet er. Dieser Bitte kommt die 78-Jährige natürlich gerne nach. Die 20 Minuten scheinen im Nu zu verfliegen und dann darf Fabian sich als Belohnung noch einen Sticker aussuchen. „Hat es dir denn gefallen?“, fragt Adelsgruber. „Mir gefällt es immer, deshalb melde ich mich auch immer, wenn es ums Lesen geht“, sagt der Kleine.

Das Loben gehört für Adelsgruber genauso dazu wie das Protokollieren ihrer Arbeit. Nach den 20 Minuten trägt sie ein, was gelesen wurde und welche Fortschritte die Kinder gemacht haben. Zudem hat jedes Kind eine eigene Lesemappe, in die Adelsgruber ebenfalls eine Bewertung notiert. „Die Zusammenarbeit zwischen Lehrern, Schülern und Lesepaten ist sehr wichtig“, sagt die 78-Jährige und fügt hinzu: „Jedes Kind ist anders und genau deshalb macht mir die Arbeit auch so viel Spaß.“

„Lust am Lesen wecken“

In ihrem eigenen Berufsleben hat sie übrigens nicht mit Kindern gearbeitet, sondern in der Mikrobiologie bei Grünenthal. Ihre Schwester brachte sie auf die Idee, das Projekt Lesepaten ins Leben zu rufen. „Gerade durch die neuen Medien lesen Kinder heute oft zu Hause überhaupt nicht mehr“, sagt sie. Auch das Vorlesen spiele eine immer unwichtigere Rolle. Das könne allerdings spätestens in der vierten Klasse zu einem großen Problem werden. Denn spätestens dann müssten die Schüler in Mathematik Textaufgaben lösen. „Und da müssen sie die Aufgaben natürlich auch verstehen“, sagt Adelsgruber.

Damit das Lesen wieder mehr in den Fokus rückt, fand erst in der vergangenen Woche an der Büsbacher Grundschule eine Lesewoche statt. „Neben den sicherlich notwendigen digitalen Entwicklungen, möchten wir mit dem Projekt das Lesen als eine der wichtigsten Basiskompetenzen wieder in den Mittelpunkt des Geschehens rücken und die Lust am Lesen bei den Kindern wecken“, sagt Thieves. Das scheint gut anzukommen. „Wir bemühen uns alle darum, den Kindern Spaß am Lesen zu vermitteln“, sagt Adelsgruber.

Wie oft die 78-Jährige im vergangenen halben Jahr schon das Buch „Ein blinder Passagier“ gehört hat? „Ich kann es fast schon auswendig“, sagt Adelsgruber und lacht.