Stolberg: Sieben Stadtteile ohne Hausarzt: Medizinische Unterversorgung in Stolberg?

Stolberg: Sieben Stadtteile ohne Hausarzt: Medizinische Unterversorgung in Stolberg?

„Eine ärztliche Unterversorgung in Stolberg existiert nicht“, sagt Robert Voigtsberger, Erster Beigeordneter. Und damit hat er recht — zumindest theoretisch. Laut der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) liegt der Versorgungsgrad in Stolberg bei 110 Prozent. Dennoch sind sieben Stadtteile ohne eigene Hausarztpraxis.

„Das kann natürlich dazu führen, dass der subjektive Eindruck entsteht, dass ein Ärztemangel vor Ort herrscht“, so Voigtsberger weiter. Eine Umfrage zur medizinischen Gesundheitsversorgung — auch ein Teil im Aktionsplan Inklusion — sollte Erkenntnisse über die momentane Situation in den einzelnen Ortsteilen liefern und den Bedarf an Angeboten ermitteln. Die Ergebnisse liegen nun vor und stehen in der heutigen Sitzung des Ausschusses für Soziales und Generationengerechtigkeit (ASG) auf der Tagesordnung.

Hohe Beteiligung

In Breinigerberg, Dorff, Gressenich, Schevenhütte, Venwegen, Wert und Zweifall wurden die Fragebögen zunächst an Kitas und Grundschulen verteilt. So wollte man Familien erreichen. In einer zweiten Welle ging man noch einen Schritt weiter. Einzelpersonen, Vereine und Institutionen verteilten die Fragebögen, die in Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsamt entwickelt wurden, an die Bürger. 309 Fragebögen kamen von den insgesamt 9046 Einwohnern zurück und wurden von der Verwaltung sowie dem Soziologie-Promovend Christoph Klein ausgewertet. Mit der Beteiligung von 3,4 Prozent sind Robert Voigtsberger und Inklusionsbeauftragter Lukas Franzen zufrieden. „Die Beteiligung war hoch“, meint Voigtsberger. Man müsse bedenken, dass man mit den Fragebögen nicht nur Einzelpersonen, sondern auch ganze Familien erreichen konnte.

Und das Ergebnis? Eine der insgesamt 14 Fragen beschäftigte sich mit der Entfernung zur Hausarzt-Praxis. 94 Prozent aller Personen aus Schevenhütte, 62 Prozent der Gressenicher und 52 Prozent der Werther müssen sechs oder mehr Kilometer zu ihrem Hausarzt zurücklegen. Insgesamt 68 Prozent aller Befragten fahren mit dem eigenen Auto zum Hausarzt, 14 Prozent sind Mitfahrer und 13 Prozent nutzen den Bus. Dennoch spiele das Thema Mobilität — vor allem in Bezug auf die Zukunft — eine wichtige Rolle. Am Ende des Fragebogens bestand die Möglichkeit eigene Ideen und Anregungen aufzuschreiben. „Viele Befragte haben angegeben, dass sie noch selbst mit dem Auto fahren könnten, allerdings nicht wissen, was in fünf oder zehn Jahren ist. Deshalb ist das Thema Mobilität enorm wichtig“, so Franzen.

Um die medizinische Versorgung in den einzelnen Ortsteilen verbessern zu können, stellte die Verwaltung im Fragebogen vier Konzepte vor, die von den Teilnehmern bewertet werden konnten. 46 Prozent der Befragten würden eine Optimierung des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) begrüßen. Für 50 Prozent spielt dieser allerdings eine weniger wichtige Rolle. Einen Fahrdienst-Service für Patienten könnten sich insgesamt 43 Prozent vorstellen. 51 Prozent der Befragten würden dieses Angebot allerdings nicht nutzen.

Besonderen Anklang fanden zwei weitere Konzepte. Darunter die Unterstützung durch qualifizierte Versorgungsassistenten. 56 Prozent der Befragten würden arztentlastende Hausbesuche von Versorgungsassistenten, die beispielsweise Blutdruckkontrollen und Blutabnahmen durchführen, in Anspruch nehmen. In Gressenich (68 Prozent), Breinigerberg (65 Prozent) und Zweifall (61 Prozent) ist dieses Konzept besonders populär. Begrüßt wird auch die Einrichtung einer temporär betriebenen Filialpraxis. Eine Mehrheit von durchschnittlich 61 Prozent würde dieses Angebot nutzen.

Unzufriedenheit in Schevenhütte

Insgesamt sind 83 Prozent der Befragten mit dem Angeboten an Hausärzten in Stolberg zufrieden. Die höchste Zufriedenheit herrscht in Breinigerberg und Dorff. Mehr als die Hälfte der dort lebenden Befragten kreuzte „sehr zufrieden“ oder „zufrieden“ an. Unzufrieden dagegen sind die Bürger in Schevenhütte (32 Prozent), Gressenich (27 Prozent) und Werth (18 Prozent). „Diese Zahlen zeigen, dass das Versorgungssystem nicht schlecht aufgestellt ist“, sagt Voigtsberger. Trotzdem wolle man die Situation — vor allem für die Bürger in den Stadtteilen ohne eigenen Hausarzt — weiterhin verbessern.

Der Ausschuss für Soziales und Generationengerechtigkeit berät nun in seiner heutigen Sitzung, ob er die Verwaltung damit beauftragt, die Analyse der Ergebnisse weiter zu vertiefen und Maßnahmen zur Verbesserung der medizinischen Versorgung auszuarbeiten. Diese könnten den Ausschussmitgliedern dann in einer der nächsten beiden Sitzungen präsentiert werden, sagt Robert Voigtsberger.