Serie "Stolberger Ansichten über Jahrzehnte": Das Mühlenviertel

Stolberger Ansichten | Damals und Heute : Räuber und Schandi auf der Mühle?

In unserer Serie „Damals und heute“ geht es im 176. Teil um das Viertel Mühle. Keck und in gebeugter Haltung schaut ein Mädchen in weißem Kleid auffällig zum Schupo an der Straßenecke hinüber. Der Schutzpolizist der königlich-preußischen Polizei war eine Respektsperson und wir sind hier im historischen Bild keinesfalls Zeuge einer spontanen Szene eines Räuber-und-Schandit-Spiels. Vielmehr will uns Fotograf oder Fotografin im Stolberg der Jahrhundertwende eine kleine Geschichte erzählen, die der Betrachter durch freie Interpretation selbst zu füllen hat.

In Frage für die Aufnahme kommen vor allem Hubert Lütters und Bertha Steinfels, die beiden Pioniere in der fotografischen Dokumentation Stolbergs. Wer die damalige Technik kennt, weiß, dass ein derartiger Schnappschuss nicht spontan entsteht. Er ist drappiert wie ein Genregemälde. Der statuenhafte Schupo mag vielleicht wirklich schon länger in statischer Position verharren. Würde sich der Staatsdiener mit Pickelhaube vom Fotografen drappieren lassen? Vermutlich nein. Auch nicht sein Amtskollege mit Tschacko im Hintergrund und die interessierten, aber passiven erwachsenen Personen im Hintergrund.

Der Posten des Schupos mag nicht zufällig gewählt gewesen sein. Die Engstelle, die gute einhundert Jahre keine Engstelle im Netz der Mühlener Straßen mehr ist, war Kreuzungspunkt vierer Straßen, die sich hier zwischen einem Gewirr von Kupferhöfen, Mühlen und Brauereien trafen. Er hielt Wache an einem Nadelöhr, einem neuralgischen Punkt inmitten der Mühle. Und in der Dunkelheit gibt die über ihm an der Hausecke angebrachte Gaslaterne den Passanten Licht. 1861 wurden in Stolberg achtzig Gaslaternen installiert, deren Zuleitung hier im Bild deutlich bis in den Erdboden reichend erkennbar ist.

Zu sehen von der damaligen Szenerie sind nur noch die rahmenden Bauwerke links und rechts am Bildrand. Die Mühle war ein Zentrum des Stolberger Messinggewerbes, allein zwischen Ellermühle am Bastinsweiher und dem Untersten Hof an der Eisenbahnstraße lagen kurz nach 1800 fünfzehn Schmelzhütten für die Messingherstellung. Und alle zusammen hatten fast neunzig Schmelzöfen.

Im historischen Foto ist zentral die Alte Bierweide zu sehen, wohl eine Kupfermühle (=Messingmühle) des ausgehenden 16. Jahrhunderts. Sie musste wenige Jahre nach Entstehung der Aufnahme der Straßenverbreiterung weichen. Links erhalten ist die Neue Bierweide als Brauereigebäude von 1779. Rechts angeschnitten ist Stolbergs letzter Kupferhof. Die Neue Stöck wurde neben der Alten 1726-1727 errichtet, da nach wurde nie wieder eine Kupferhofanlage neu angelegt. Zu guter Letzt ist im Hintergrund des Straßenraumes die Fassadenecke der Alten Krautlade erkennbar. Gegründet 1565, wurde daneben 1611 von Jeremias Hoesch die Neue Krautlade erbaut.

Viele dieser Bauten sind heute nicht mehr als damaliger Kern des florierenden Stolberger Messinggewerbes erhalten oder erkennbar. Denn viel hat sich in hundert Jahren gewandelt: Das aktuelle Foto zeigt eine Straße und Plätze, wo über Jahrhunderte das „Stolberger Gold“ produziert wurde. Zum damaligen Aufnahmezeitpunkt war keine der abgebildeten Messinghütten mehr in Betrieb und anstelle des Krautlader Mühlweihers waren im 19. Jahrhundert Wohnhäuser entstanden. Mit Abbruch der Alten Bierweide wurde der Blick frei auf diese Häuser, die das heutige Bild dominieren.Vor hundert Jahren waren die Höfe von Krautlade, Wuppermanns Hof und Bierweide ein kleinteiliges, labyrinthartiges Altstadtquartier, das in Krieg und Städtebau weniger Glück hatte als die Altstadt am Fuße der Burg.

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