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Stolberg: „Schwuppdi-wuppdi Butterbrot“: Ein Dialog in der Regionalbahn

Stolberg : „Schwuppdi-wuppdi Butterbrot“: Ein Dialog in der Regionalbahn

„Hier, Kerl, hörma…!“ Na, dieser Tonfall kommt mir doch sehr bekannt vor? Wenn das mal nicht nach Vennvorland klingt. Der als „Kerl“ angesprochene dreht sich schläfrig zu seinem Reisegefährten und murmelt „…wenn watt is. Watt is dann?“ Der andere hebt seine Zeitung hoch: „Kerl, hasse datt gelesen? Da hat einer inner Firma in Schloss Holte seinen Kollegen Gift auf Bütterken gestreut… Datt glaubste nich, oder?“

Der Reisegefährte wird sichtlich wacher. „Watt?!“ — „Gift auf die Pausen-Stulle, Kerl!“ — „Hör ma‘, bin ich hier bei Versteckte Kamera, oder watt?“ — „Ja, nee! Bleipulver. Echt! Stell ma vor: Deine Ulli macht Dir morgens schön Landbrot mit lecker Teewurst. Du haust watt rein. Und — peng! Traurich sein hat gar kein Zweck — Deussen schafft de Leiche weg…“ - „Watt? Der hat die abgemurkst?! Nich im Ernst, Kerl?!“ — „Doch! Passend plattiert.“ — „Warum? Hatten die watt mit seiner Else? Oder warum soll einer seine Kollegen himmeln?“ — „Hä?! Weiß ich datt?!“… Schweigen.

Die Räder des morgendlichen Regionalzugs Richtung Köln summen. Der „Kerl“ und sein Kumpel scheinen zu meditieren. Ihre Kluft — modisches Handwerker-Design von „Strauss“ — weist sie als Könner ihres Fachs aus. Eventuell die Michelangelos der Installateurs-Zunft. Vielleicht auch Trockenbauer. Plötzlich schreckt „Kerl“ aus seiner morgendlichen Mattigkeit auf. „Ich hab‘ ett!“ ruft er.

Sein Reisegefährte blinzelt. „Watt hasse?“ — „Na, mit der Stulle! Iss doch Tatort-klar!“ — „Hä?!“ — „Mann, ey! Wo war der beschäftigt?“ — „Anlagenbauer, Ostwestfalen.“ — Kerl, triumphierend: „Ja! Siehste! Genau! Kleine Firma, so Mittelstand, wie datt heißt. Immer Sorge, datt der Laden läuft. Kennste doch bei uns?! So, jetzt pass auf: Watt der gemacht hat ist so — äh — unternehmermäßig. Kapierste?“ — „Nee…“ — „So, sach noch mal: Wie lange war der inne Firma? Und wen hat der abgemackelt?“

Der Reisegefährte vertieft sich kurz in seine Zeitung. „Der war 38 Jahre lang inne Firma. So Urgestein, quasi.“ — Kerl: „Siehste! Hab ich Recht! Der hat sich mit seine Firma völlig infiziert. Und dann denkt der: Wenn die Kollegen alt werden, liegen se dem Laden auffe Tasche. Rücken, Leber — so allet. Also: Blei-Butterbrot. Dafür gibbet keine gelben Schein. Nur, äh, Totenschein.“ — Reisegefährte, entsetzt: „Hör ma‘, bist Du jeck?! Meinste datt im Ernst?! — „Ja klar! Der hat gedacht: Chef muss die durchschleppen. Kostet Kohle. Schlecht für unseren Laden. Also… schwuppdi-wuppdi Butterbrot. Ende Gelände.“ — Reisegefährte denkt nach. Sein angespannter Blick ins Leere verrät es.

Dann lacht er plötzlich — und mildert sein Grinsen schamhaft ab: „Äh. Meinste — so ne Art vorgezogene Vorruhestands-Regelung?“ — Kerl schaut ernst — aber dann kapiert er, nickt heftig und gluckst: „Jau. Dat isset!“ Reisegefährte vertieft sich noch einmal kurz in seine Zeitung. „Kerl, hör ma… Datt macht mir jetzt echt Sorgen…“ — Kerl: „Wie, watt?!“ — „Hier steht, watt der Personalchef von der Firma über den Blei-Stifter gesagt hat: ‚Auffällig unauffällig‘“. — Kerl, zieht seine Stirn in Falten: „Jaa?… Und?!“

Reisekumpel: „Äh. Genau so wie Du…“ Kerl schreckt auf: „Bisse bekloppt?!“ — Reisekumpel grinst breit: „Nee, alles gut. Seit Christa wech ist, kauf ich meine Stullen immer bei Edeka Cevik…“ Kerl, sichtbar irritiert: „Ja. Wie?“ — Reisekumpel: „Sind eingeschweißt. Verstehste? Datt hilft gegen vorgezogenen Vorruhestand…“ Erst prustet Kerl los. Dann Reisekumpel. Und beide klatschen sich ab. (ucg)

(ucg): Der Autor war lange Jahre Mitglied der Chefredaktionen von „Welt am Sonntag“ und „Bild“. Er arbeitet als Kommunikations-Unternehmer in seiner Heimatstadt Hamburg, von wo ihn die Reise immer wieder beruflich in die rheinische Voreifel führt.