Schule mit Badeanstalt

„Ansichten über Jahrzehnte“.: Schule mit Badeanstalt

1907 entsteht an der Hermannstraße eine neue Schule. Sie ist die dritte Volksschule im Stadtteil Mühle und bereits die neunte in der damals etwa 15.000 Einwohner zählenden Stadt Stolberg. Diese Schule ist Thema des 141. Teils unserer Serie „Gleich und doch anders - Ansichten über Jahrzehnte“.

Das um 1950 entstandene historische Vergleichsfoto zeigt das dreigeschossige Backsteingebäude in seinem damaligen Zustand. An der Front ist ein Balkengerüst angebracht. Vermutlich wurden Kriegsschäden beseitigt. Schließlich hatte das Schulgebäude von September bis November 1944 im Frontgebiet gelegen, das schwere militärische Auseinandersetzungen zwischen US-amerikanischen und deutschen Truppenverbänden erlebt hatte.

Bei seiner Inbetriebnahme im Jahre 1907 hatte das Schulgebäude dreizehn Klassenräume besessen. Jungen und Mädchen wurden in eigenen Abteilungen getrennt unterrichtet. Schließlich besaß das Gebäude, das auch von der Berufsschule benutzt wurde, zwei Treppenhäuser und zwei Eingänge.

Eine Besonderheit war die im Keller untergebrachte Badeanstalt. Sie bestand aus fünf Wannen und ebenso vielen Duschen. Diese Einrichtung stand nicht nur den Schülern, sondern auch der Bevölkerung zur Verfügung.

Hermannschule - Bild neu. Foto: Toni Dörflinger

Viele Wohnungen besaßen damals keine eigenen Badezimmer. Somit war die neue, öffentliche Einrichtung, über die es im Stadtarchiv eine umfangreiche Akte gibt, zwecks Körperreinigung und Hygiene höchst willkommen. Männer und Frauen besaßen außerhalb der Schulzeiten eigene Badezeiten. Während die Frauen nur an zwei Wochentagen baden konnten, stand das Bad den Männern sogar auch sonntags zur Verfügung.

Den Betrieb der Badeanstalt hatte ein Badediener übernommen. Er säuberte und pflegte die technischen Einrichtungen und war für die Ausgabe von Seife und anderem Badezubehör zuständig.

Die Seife wurde vom Dalli-Werk Mäurer & Wirtz geliefert, das damals noch im Kupferhof Grünenthal an der Steinfeldstraße ansässig war. Ihr Angebot bestand aus zahlreichen sechs Gramm schweren Seifenstücken, die nur für einen Badevorgang vorgesehen waren.

Den Dalli-Werken zufolge bestanden die Stücke aus „reiner Kokosseife“. Ähnliche, von Dalli gelieferte Seifenstücke hatte auch die Deutsche Reichsbahn in Gebrauch. In den frühen 1930er Jahren wurde die Bäderabteilung in Schule Hermannstraße geschlossen. Die Eröffnung der Schwimmhalle an der Grüntalstraße im Februar 1931 hatte sie entbehrlich gemacht.

Schließlich besaß die neue Einrichtung ebenfalls eine große Bäderabteilung. Im Jahr 1956 wurde die Schule Hermannstraße der erste Standort einer Stolberger Realschule.

Dieses Einrichtung wurde 1962 in einem eigenen Gebäude an der Walther-Dobbelmann-Straße verlegt. Um 2007 erhielt die Schule Hermannstraße einen großen Erweiterungsbau. Im hinteren Bereich wurden eine Mehrzweckhalle, eine Mensa und neue Verwaltungsräume eingerichtet.

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