Wochenmarkt auf dem Kaiserplatz: Schluss mit den fliegenden Händlern

Wochenmarkt auf dem Kaiserplatz : Schluss mit den fliegenden Händlern

Taschen, Klamotten & Co. wird es nach 22 Jahren ab sofort nicht mehr auf dem Kaiserplatz geben. Trotzdem erhalten die Händler weiterhin Unterstützung von ihren Kunden.

Harvinder Singh fühlt sich in Stolberg wohl. Bereits seit 22 Jahren ist er jeden Mittwoch auf dem Kaiserplatz zu finden und bietet dort seine Waren an. „Das ist mein halbes Leben“, sagt er und lacht. Taschen, Portemonnaies, Kleidung und auch Gürtel bietet Singh an – ebenfalls seit 22 Jahren. Doch genau das ist das Problem. Denn: Sogenannte fliegende Händler sind in Stolberg nicht mehr gerne gesehen.

Am vergangenen Mittwoch baute Harvinder Singh seinen Stand auf dem Kaiserplatz zum letzten Mal auf. Bereits vor Monaten hatte die Politik darüber diskutiert. Nun machte man Nägel mit Köpfen. Die Konsequenz: Es gibt Gewinner und eben auch Verlierer – und zu Letzteren zählen Harvinder Singh und seine Mitstreiter. Was die Entscheidung nun für sie bedeutet? Dazu später mehr.

Es ist Mittwochvormittag. Seit 6 Uhr sind Harvinder Singh und Imran Anwar bereits in Stolberg. Bis kurz vor 8 Uhr haben sie die Stände aufgebaut und die Waren platziert. Immer wieder halten Fußgänger an, schauen sich die Waren einmal genauer an, fragen nach und gehen weiter. Das eine oder andere Mal können die beiden Herren ihre Waren, die sich im niedrigen Preissegment befinden, auch an den Mann oder die Frau bringen.

Doch die Stimmung ist getrübt. Warum? Vor rund drei Wochen habe man Singh und Anwar mitgeteilt, dass für sie am 2. Oktober auf dem Kaiserplatz Schluss sein soll. In der vergangenen Woche gab es dann eine weitere Änderung. Dann teilte man ihnen mit, dass bereits eine Woche früher Feierabend sein soll. „Jetzt sind wir jeden Mittwoch arbeitslos“, sagt Anwar. Er ist seit zwei Jahren Singhs Mitstreiter. „Bei uns hat sich nie jemand beschwert“, sagt er. „Hätte man uns früher Bescheid gesagt, dann hätten wir uns noch für einen Platz auf einem anderen Markt bewerben können. Das ist aber so kurzfristig nicht möglich“, meint er.

Die Diskussion um die fliegenden Händler ist in Stolberg nicht neu. Bereits Mitte August wurde über das Thema beim Stammtisch der Gesellschaft für Stadtmarketing gesprochen. Dort fragten einige Einzelhändler nach, ob es notwendig sei, dass es auf dem Kaiserplatz Stände gebe, die ihnen mit ihrem Angebot Konkurrenz machen würden. Sie kritisierten zudem, dass die Ausrichtung nichts mit einem Wochenmarkt im klassischen Sinne zu tun habe. Und die Uhr kann sogar noch ein Stückchen weiter zurückgedreht werden. Denn ein Dreivierteljahr vor dieser Diskussion beschäftigte sich der Koalitionsausschuss schon einmal mit der Thematik.

Damals stand zur Debatte, die noch vorhandenen Verträge mit den wenigen verbliebenen Händlern des Wochenmarkts auf dem Kaiserplatz zu kündigen. Getan hatte sich seitdem jedoch nichts. Nach den Sommerferien wollte sich die Politik erneut mit dem Thema auseinandersetzen. Dass eine Entscheidung nun so schnell umgesetzt wurde, damit hatten Harvinder Singh und Imran Anwar wohl nicht gerechnet – und sie sind nicht die einzigen.

Unterstützung erhalten die Händler nämlich nun von ihren Kunden. Eine davon ist Rosemarie Schwiderski. Regelmäßig kauft sie bei Singh ein. Die angebotene Ware gefalle ihr gut. Um den Singh zu helfen, startete sie am vergangenen Mittwoch eine Unterschriften-Aktion. In knapp zwei Stunden kamen über 40 Unterschriften von Stolbergern zusammen. Auch andere Passanten, die sie anspricht, zeigen sich „entsetzt“. „Ich kaufe hier seit Jahren ein, und ich finde nicht, dass sie eine Konkurrenz für die anderen Geschäfte sind. Die nehmen doch niemandem etwas weg“, sagt eine Kundin, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. „Unsere Kunden sind sauer“, sagt Singh. Ähnlich geht es auch ihm. „Ich bin sehr enttäuscht“, sagt der 44-Jährige und fügt hinzu: „Wir leben doch schließlich davon. Und wir zahlen auch Standgebühren.“

Nicht in Anspruch nehmen

Und wie geht es nun für die Händler weiter? Bürgermeister Patrick Haas habe ihnen in einem Gespräch eine Alternative angeboten. Auf dem Jordanplatz hätten die Männer ihre Stände aufbauen können. Dort hätten sie sich auch umgesehen, seien allerdings zu dem Entschluss gekommen, diese Alternative nicht in Anspruch zu nehmen. Dort gebe es nicht genügend Laufkundschaft, und die Stammkunden würden den Weg bis dort ebenfalls nicht zurücklegen, sind sich die Männer sicher. Am vergangenen Mittwoch fand nun ihr letzter Arbeitstag in Stolberg statt. Nach 22 Jahren kehrt Sigh der Kupferstadt den Rücken – allerdings nur unfreiwillig.